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Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen

Forum


Forum Editorial

 

1/2020

Anlässlich des Todes von Bert Hellinger blicken wir als Gesamtredaktion* mit Anerkennung und Dankbarkeit auf das von Ihm geschaffene Werk. Er hat das Familienstellen maßgeblich entwickelt und in seiner ganz eigenen Art in der Welt verbreitet, war uns und vielen anderen Inspiration, Vorbild und nicht zuletzt eine stetige Herausforderung. Seine Einsichten jedoch wirken auch in unserer Arbeit weiter. Das würdigen wir und möchten hiermit unseren Respekt und unseren Dank ausdrücken. Danke Bert Hellinger!

Für alle Leser:innen, die sich zum Tode Bert Hellinger äußern möchten, richten wir einen Andenkenort auf dieser Seite ein. Schreiben Sie Ihre Gedanken auf und senden Sie diese an die Redaktion.

* Peter Bourquin, Kerstin Kuschik, Marion Lockert, Kirsten Narzarkiewicz, Olivier Netter   

 

 

Blickt man auf die ca. 10 Jahre der Existenz der Praxis der Systemaufstellungen zurück, so wird schnell klar, dass in den dort zu lesenden Aufsätzen und Arbeiten so gut wie jeder Aspekt der damaligen Praxis luzide durchleuchtet und bewertet wurde. Zu der ursprünglichen Praxis des Familienstellens kam dann bald die Organisationsaufstellung dazu. Auch diese wurde in vielen  Artikeln dargestellt und beleuchtet.

Mittlerweile hat sich das Feld der Anwendung der „stellvertretenden Wahrnehmung“ nochmals stark erweitert. Nachdenken und berichten über Aufstellungen heißt heute für die Redaktion der „Praxis der Systemaufstellung“, sich mit einer vielfältigen, sich immer weiter ausdifferenzierenden Praxis und neuen bisher unbekannten Gebieten des Wirkens auseinanderzusetzen. Wissensvermittlung, Politikberatung, Organisationsberatung und akademisches Interesse an dem Phänomen des „Denkens im Raum“ sind überwiegend durch die Vorstellungen und Konzepte der“ logischen Strukturaufstellungen“ von Kibéd und Sparrer geprägt. Sprache und Form dieser Vermittlung und auch ihre spezifisch philosophisch fundierten Erklärungsstrategien der „stellvertretenden Wahrnehmung“ kommen aus dem universitären Raum und passen damit optimal in die akademisch geprägten Umwelten, in denen sie gerade jetzt ihre stärkste Ausbreitung erlebt.

Die Gegensätze zwischen Phänomenologen und Konstruktivisten, die das Feld der praktizierenden Aufsteller teilen, sind unserer Meinung nach nur ein vorübergehendes "Phänomen". Beide Bereiche sprechen in der Tat eine eigene Sprache, für die es scheinbar noch kein gültiges Übersetzungswissen gibt. Aber: dies ist auch so, weil durch die Struktur einer auf Abgrenzung und gegenseitigen Indienstnahme zielenden Verständigungsenthaltung, die Schwächen der jeweils eigenen Position dem Gegenüber aufgebürdet werden. Was meinen wir damit?

Da wo die „Phänomenologen“ die impliziten Voraussetzungen ihres Leitungshandelns selbst nicht wahrnehmen oder sogar verleugnen, vorgeblich nur aus dem Moment und ganz voraussetzungslos „sehen“ und deshalb auch

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nicht kritisch hinterfragen können, diagnostizieren die „Konstruktivisten“ zu Recht mögliche Willkür und Beliebigkeit des Handelns. Umgekehrt vernachlässigen die Konstruktivisten eine kritische Infragestellung ihrer Konzepte von Struktur und Grammatik, in die ja doch in einer je eigenen Interpretationsleitung des "Gastgebers" jeder individuelle Fall zuallererst eingepasst werden muss. Die Manualisierung der Aufstellungsarbeit gilt hier als großer Vorteil der Methode und dort nicht ganz zu Unrecht als Ausweis der Reduzierung alles Individuellen auf eine logische und beliebige Norm.

Unsere Aufgabe sehen wir darin, ungeachtet der vordergründigen Unvereinbarkeiten an der Idee eines nicht normierten, offenen Systems der Aufstellungspraxis festzuhalten, in dem niemand „den Raum verlassen“ muss. Auch schamanistische, also eher phänomenologisch arbeitende und andere zuächst nicht als Strukturen erkennbare "Formate" wie Märchenaufstellungen und anderen Erzählungen (LIP) aber auch zwischen den Schulen stehende Aufstellungskonzepte (Aufstellen des Anliegensatzes) gehören dazu, allein schon deshalb, weil ihre innere Verwandtschaft mit den beiden Hauptströmungen allzu offensichtlich ist.

Das gute Leben – dieses Ziel aller Bemühungen – hat als Begriff und Idee Eingang in die neuere Soziologie gefunden und hat von dort aus das Zeug dazu, das Bewusstsein einer Gemeinsamkeit der Ziele zu bilden. Der hier weiter unten zu lesende Artikel des Soziologen, Organistationsberaters und Strukturaufstellers Siegfried Rosner ist jedenfalls in seiner Klarheit und Deutlichkeit eine kleine Offenbarung. Auch wenn er in seiner Komplexität vom Leser einiges fordert.

Alle Bilder dieser Ausgabe stammen von einem unbekannten Strassenkünstler  oder Strassenkünstlerin in Berlin. Sie befinden sich auf Strom- und Telefonkästen..

Olivier Netter

Frühere Editorials

Aufruf

Wir sammeln Ihre Beiträge, Ideen, Fragen und Wortmeldungen zum Thema Coronavirus SARS-CoV2 und die Folgen, um sie auf dieser Seite zu veröffentlichen.

  • Was können wir als Systemaufsteller zu den gerade ablaufenden Ereignissen positives beitragen?
  • Wie können wir Unterstützung geben?
  • Was sehen wir hier aus systemischer Perspektive?
  • Wie gehen wir damit um, dass durch die Kontakteinschränkungen unsere Arbeit massiv beeinträchtigt ist?
  • Erleben wir zur Zeit weniger oder eher einen anderen Kontakt mit unserer Umgebung? Was ist der Unterschied?

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Neue Beiträge

Neu seit diesem Jahr ist die Linkbox in der wir auf interessante und auch ungewöhnliche Beiträge hinweisen. Wenn Sie hierfür eine Anregung haben, senden Sie den Link mit einem kurzen Hinweis dazu, was Sie interessant finden an die Redaktion.

  • 17.09.2020 Neuer Artikel: Kerstin Kuschik. Aufstellen in der aktuellen Krisen-Situation – eine Kritik und eine Hoffnung
  • 25.08.2020 Neuer Artikel: Bertold Ulsamer. Was das Virus uns sagen will? Kritische Betrachtungen zur Aufstellungsarbeit in der Coronakrise.
  • 01.08.2020 Buchbesprechung: Marion Lockert über Stephanie Hartung und Wolfgang Spitta: Lehrbuch der Systemaufstellungen.
  • 24.07.2020 Buchbesprechung: Thomas Geßner über Wilfried Nelles: Die Welt, in der wir leben.
  • 24.07.2020 Linkbox: Artikel Pandemie und Wahrheit von Thomas Geßner
  • 13.07.2020 Buchbesprechung: Kerstin Kuschik über Jürgen Hasse: Betäubte Orte.
  • 13.07.2020 Buchbesprechung: Annika Schmidt über Jürgen Hasse: Was Räume mit uns machen und wir mit ihnen.
  • 15.06.2020 Neuer Artikel: Hildegard Wiedemann. Eine Märchenaufstellung.

  • 11.06.2020 Neuer Artikel: Lisa Böhm. Der Intuition Vertrauen.

Neue Artikel

Aufstellen in der aktuellen Krisen-Situation – eine Kritik und eine Hoffnung

Dieser Beitrag von Kerstin Kuschik beschreibt, was die Autorin bezüglich der Folgen, die die Pandemie schon jetzt mit sich bringt, bewegt, und sie reflektiert dabei auf unsere Berufsgruppe: Was könnten wir Aufsteller:innen in dieser Lage tun und was nicht? Dies tut sie hoffnungsvoll, differenziert und kritisch in Bezug auf einige Äußerungen im Rahmen der aktuellen Covid19-Maßnahmen. Sowohl, was allgemeine Aussagen betrifft, als auch im Besonderen die Thesen von Franz Ruppert.

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Was das Virus uns sagen will? Kritische Betrachtungen zur Aufstellungsarbeit in der Coronakrise

Bertold Ulsamer stellt in diesem Beitrag einige Gedanken zur Diskussion zu einem heiklen Thema vor. Es geht um Aufstellungen zu Themen um das Coronavirus. Er hat einige Grundhaltungen, aus denen heraus er pointiert und thesenhaft schreibt, so dass Kollegen und Kolleginnen, die anders arbeiten vielleicht ebenso klar antworten können. Natürlich, das betont er, seien dies nur seine Konzepte und er schreibt m Bewusstsein darüber, dass kein Konzept die ganze Wirklichkeit umfassen kann.

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Rumpelstilzchen - Eine Märchenaufstellung

Volksmärchen enthalten uraltes Wissen darüber, wie das Leben gelingt. Sie beginnen mit einem allgemein menschlichen Problem.  Ein Mensch macht sich auf den Weg, um eine Lösung dafür zu finden.Die Schwierigkeiten im Märchen - wie im Leben - dienen den Menschen zur Entwicklung. Die Entwicklungsprozesse in den Volksmärchen wirken auf verschiedenen Ebenen: auf der äußeren Beziehungsebene mit konkreten Menschen und auf der inneren Beziehungsebene mit sich selbst. Eine Märchenaufstellung von Hildegard Wiedemann

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Der Intuition vertrauen - Ein Lernprozess

In der Diskussion um die Kriterien, die bei einer Weiterbildung für systemische Aufstellungen vermittelt werden sollen und die ihnen Qualität verleihen, sind die Bereiche gefragt, die klar beschrieben werden können und auch die, die sich wissenschaftlich analysieren und erforschen lassen. Schwieriger wird es mit den Bereichen, die auch als wesentliche Bestandteile mitschwingen und denen trotz allen Bemühens um Klärung etwas Geheimnisvolles anhaftet. Zu ihnen gehört - so Lisa Böhm - der Bereich oder der Begriff Intuition ...

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Rubriken

Buchbesprechungen

K e n n e n   S i e   e i n   B u c h ,  das sie unbedingt 

weiterempfehlen möchten, weil es gut oder wichtig ist? Schreiben Sie eine Besprechung oder
schlagen Sie uns ein Buch für eine Besprechung vor. Mail an die Redaktion

 

01.08.2020 Buchbesprechung: Stephanie Hartung / Wolfgang Spitta - Lehrbuch der Systemaufstellungen

24.07.2020 Buchbesprechung: Wilfried Nelles - Die Welt in der wir leben

13.07.2020 Buchbesprechung: Jürgen Hasse - Betäubte Orte

13.07.2020 Buchbesprechung: Jürgen Hasse -Was Räume mit uns machen - und wir mit ihnen

24.11.2019 Buchbesprechung: Martin Permantier - Haltung entscheidet

19.09.2019 Buchbesprechung: Klaus-Peter Horn - Connected to the unknown

26.03.2019 Buchbesprechung: Rolf Müller - Der Schrei des Herzens und die Antwort des Raben

29.08.2019 Buchbesprechung: Thomas Geßner - Wie wir leben - und was wir alles aus Liebe tun oder vermeiden

 

21.06.2018 Rezension von O l i v i e r   N e t t e r

  • Thomas Gehrmann, Über Psychotherapie hinaus. Die Entwicklung des Familienstellens nach Bert Hellinger. Hellinger Publications 2009, ISBN 978-3-00-028245-4
  • Thomas Gehrmann und Ursula Steinbach. In eine andere Weite. Zur Philosophie und Theologie von Bert Hellinger. ism Kassel 2018 ISBN 978-3-9816863-1-9 

Thomas Gehrmann hat nach seinem Buch über Bert Hellinger von 2009 mit dem Titel „Über Psychotherapie hinaus. Die Entwicklung des Familienstellen nach Bert Hellinger“ nun 2018 sein zweites Buch herausgegeben. Diesmal gemeinsam mit einer Co-Autorin, Ursula Steinbach. Es heißt: „In eine andere Weite. Zur Philosophie und Theologie von Bert Hellinger“. Standen in seinem ersten Buch vor allem die Entwicklung der Aufstellungsarbeit von den ersten Anfängen bis zur Entwicklung der Bewegung des Geistes und die damit verbunden Konflikte und Polarisierungen innerhalb der systemischen Aufsteller-Gemeinschaft im Zentrum, so ist es diesmal die aktuelle Philosophie und Theologie von Bert Hellinger.

Wie das erste Buch von Gehrmann, so ist auch sein zweites extrem gut lesbar und besticht durch die offene Haltung der Autoren. Es macht einfach Vergnügen seine Bücher zu lesen, denn er vermittelt seine ganz persönlichen Einsichten in das Leben und Wirken von Hellinger mit Intelligenz, Schlagfertigkeit und einer großen Portion Humor und Selbstironie. Das ist im Universum der Aufstellungsliteratur eine bemerkenswerte Ausnahme. Dass vor allem im ersten Buch des Öfteren auch andere seine mit Pfiffigkeit und Humor vorgetragene Kritik auszuhalten haben, nimmt vielen der damals vollzogenen Abgrenzungen und ausgetragenen Kämpfe auf überraschende Weise ein wenig die fachliche Grundlage und Motivation, und leitet über zu einer Art Sittengemälde der systemischen Community mit ihren unterschiedlichen beruflichen Loyalitäten und Empfindlichkeiten.

In beiden Büchern gelingt es Gehrmann aber vor allem, zuletzt eben gemeinsam mit Ursula Steinbach, die wichtigen Grundbegriffe und Grundthemen von Bert Hellingers Aufstellungsarbeit verständlich darzustellen und meist in klaren Worten zu erläutern. Mit voller Berechtigung und wieder durchaus mit treffendem Humor, schreibt Gehrmann selbst, noch im zweiten, sehr viel ernsteren Buch, er habe immer das Denken Hellingers ins Deutsche übersetzten wollen. Klassisches Familienstellen, Ordnungen der Liebe, phänomenologische Haltung, das Gewissen, Systemik, Intuition und andere zentrale Begriffe  werden in beiden Büchern prägnant erläutert.

Das zweite Buch widmet sich neben einer Rekapitulation des Entwicklungsweges von Hellinger und seiner Praxis aber vor allem der impliziten Theologie innerhalb seines Denkens. Spätestens hier wird die Lektüre für alle die interessant, die sich die letzten Jahre aus dem direkten Einflussbereich Hellingers entfernt haben und verständlicher Weise den Anschluss verloren haben. Seine neuen, oft kryptisch wirkenden Konzepte, die einen stark christlich theologischen Anstrich haben und sich nicht leicht erschließen, werden durch die „Übersetzung“ und Erläuterungen von Gehrmann und Steinbach am Ende für ein entwickeltes und gleichzeitig unbefangenes Verständnis der Aufstellungsarbeit durchaus anschlussfähig. Das ist überraschend.

Man möchte in mancher Hinsicht den persönlichen Ansichten der Autoren, die sich der Arbeit Hellingers seit vielen Jahren verpflichtet fühlen, nicht immer folgen.  Die Lektüre vor allem des ersten Buches ist aber auf Grund des unprätentiösen, lockeren und streckenweise souveränen Stils sehr angenehm, und zweitens durchaus lehrreich. Das zweite, aktuelle Buch dokumentiert in manchen Passagen wohl durchaus auch absichtlich die anfängliche Ratlosigkeit der Autoren angesichts der Terminologie Hellingers und ihren mühevollen, teilweise holprigen Weg zu einem  mehr oder weniger überzeugendem eigenen Verständnis. Ihre persönlichen Ansichten tragen beide dabei so vor, dass die persönlichen Perspektiven, die zu ihren Ansichten geführt haben, mit im Bild sind. Auch wenn das zweite Buch nicht ganz so souverän und auf den Punkt ist, ist es insgesamt doch eine lohnende Lektüre und vor allem eines: ehrlich.

 

Filmbesprechungen

Jugend und Alter

Lisa Böhm

Lisa Böhm-De Philipp

 

Was werden die Leute sagen, Norwegen, Deutschland, Schweden. 2017, Iram Haq

Ladybird, Amerika 2018, Greta Gerwig

Das schweigende Klassenzimmer, Deutschland 2018, Lars Kraume

Nacht der Nächte, Deutschland 2018, Yasemin Samdereli, Nesrin Samdereli

Liebe, Deutschland 2012, Michael Haneke, inzwischen als DVD erhältlich

Jugend und Alter: Filme über diese Lebensabschnitte gehören nicht zum Mainstream, von Zeit zu Zeit gibt es jedoch immer wieder gute Beispiele.

Jugend wird als Phase des Übergangs betrachtet, in der der Mensch nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen ist. Einerseits sind die Eltern nicht mehr alleinige Bezugs- und Erziehungspersonen, die Peergroup, Nachbarn, die Medien, Internet, die Kirchen und staatliche Institutionen mischen entscheidend mit. Andererseits stoßen Sturm und Drang, verschiedene Stimmungen und Launen innerhalb der Familie auf Begrenzungen der Eltern und deren unterschiedliche Mittel darauf zu reagieren. Zentral ist das Thema Geschlechtsreife und Fortpflanzungsfähigkeit, das bei den Jugendlichen beiden Geschlechts Lust auf Ausprobieren erzeugt und den Eltern Angst macht. Das Schlimmste wird meist befürchtet: eine Schwangerschaft.  Die quälenden Zweifel und zwingenden Fragen der Jugend nach dem „Wer bin ich?“ „Woher komme ich (biografisch, geografisch, spirituell)?“ „Was will ich, was will ich nicht, was soll ich, was muss ich?“ sind zur Selbstwerdung notwendig. Werden sie ernsthaft gestellt, können sie in Reflexion und Weiterentwicklung münden. Gefühlsmäßig wahrgenommen gehen sie häufig direkt in rebellische Handlungen, um aus einer empfundenen Enge auszubrechen. Im günstigen Fall begleiten die Eltern diesen konfliktträchtigen Prozess mit ihrem klaren Ja und Nein, wohlwollender Menschlichkeit, Weisheit und diplomatischem Geschick. Im ungünstigen Fall eskalieren Situationen derart, dass Nachbarn oder das verständigte Jugendamt eingreifen. Den Eltern bleibt dann oft nur noch die Anmerkung: „Wir woll(t)en doch nur dein Bestes“. Die Lebensphase als Übergangszeit zu bezeichnen beinhaltet den tiefen Wunsch, es möge schnell vorüber sein. Dass sie ihre Zeit braucht, notwendig und wertvoll für die Entwicklung von Persönlichkeit, Stärke, Resilienz, Konfliktfähigkeit und Konfliktbereitschaft ist, zeigen zwei Filme auf eindrückliche Weise.  

Was werden die Leute sagen

ist das Erziehungsmotto einer pakistanischen Familie - ein Satz, der auch in Deutschland vor allem nach dem Krieg eine große Rolle spielte. Vermutlich gehört er zu Menschen, die aufgrund von Entwurzelung und Existenzängsten verunsichert sind und im Festhalten an traditionellen Werten und beim Ausprobieren von Neuem in den Augen von Anderen (Nachbarn) Halt suchen. Im Film bietet die pakistanische Tradition im Familien- und Freundesverband Rückhalt, steht aber auch einer Anpassung in Deutschland im Wege. Zu welchem Druck und welchen Auswüchsen es führt, wenn die außerfamiliären Einflüsse, erstmal nur in der Vorstellung, eine größere Rolle als die Familie spielen, zeigt der Film. Die Protagonistin befindet sich in einem Spannungsfeld von deutscher und pakistanischer Kultur, Tradition und Moderne, gewaltbereiter Erziehung der Eltern und einem ausgeprägten Autonomiebestreben und Freiheitsdrang. Zunächst ist nur der Vater das ausführende strenge Organ, die Mutter hält sich im Hintergrund. Weil die Tochter einen Jungen in ihr Zimmer lässt und küsst, bringt der Vater sie nach Pakistan zu seiner Schwester. Nach kurzer Zeit muss er aber feststellen, dass das ein erfolgloses Unternehmen ist und er geht in seiner Enttäuschung, Wut und Hilflosigkeit so weit, dass er seine Tochter fast umbringt. Als dann, zurück in Deutschland, die Mutter alles für eine Zwangsverheiratung in die Wege leitet, nimmt die Tochter noch mal alle Kräfte zusammen und bricht aus. Der unsichere Blick des Vaters drückt aus, dass er vermutlich gelernt hat, denn er bekommt es mit und bleibt untätig. Der Zuschauer hat die Tochter genug kennengelernt, um in ihre Resilienz vertrauen zu können, ist aber auch betroffen darüber, wie hart der Weg allein und ganz ohne Rückhalt der Eltern wahrscheinlich sein wird.

Ladybird

ist ein Film aus Amerika, der kulturelle Hintergrund ist unseren westlichen Vorstellungen entsprechend. Auch hier geht es um eine Tochter, die willensstark um ihre Autonomie und um ihr Frau werden kämpft. Vor allem geht es ihr aber auch um den Besuch eines guten Colleges in einer anderen Stadt, heraus aus einem für sie unerträglichen Kleinstadtmilieu. Für die Themen Sexualität, Selbstwerdung, Schulbildung sind hier in erster Linie der Besuch der Nonnenschule und die Gespräche mit der Mutter zuständig. Deren Motto, dass aus ihrer Tochter die beste Version ihrer selbst werden möge, führt sie zu vielen stimmigen Handlungen, manches hätte sie auch sein lassen können. Das erkennt sie selbst auch. Der Vater ist vorhanden, spielt aber nur dann eine Rolle, wenn es um die Finanzierung der Ausbildung geht. Die Sturm-und-Drang-Bedürfnisse der Tochter und die Grenzen der Eltern prallen auch in diesem Film aufeinander. Doch endet er damit, dass nach einem schmerzhaften Abschied und einer Kontaktpause die Schritte aufeinander zu wieder möglich sind. Das den Film abschließende Liebesgeständnis der Tochter bezieht sich vor allem auf die Mutter und die Heimatstadt.

Das schweigende Klassenzimmer

Der Film beginnt im Jahr 1956 und ist die Geschichte einer wahren Begebenheit. Die Grenzen der DDR sind noch offen, der Besuch in Westberlin ist möglich, im Kino wird die Wochenschau gezeigt. Die Abiturienten kehren mit der Information vom Ungarnaufstand in ihre Klasse zurück und regen eine Schweigeminute an. Die daraus entstehenden Repressalien lassen die Klasse zu einer zusammengeschweißten Gruppe werden, die zusammenhält bis der Druck von einem nicht mehr ausgehalten wird und er den Initiator verrät.

Fazit dieser zunächst jugendlich empörten, aber auch harmlosen und mutigen Handlung und deren brutalen Konsequenzen ist, dass daraus eine Kraft erwächst, die kritisch dem System der DDR gegenüber bleibt. Letztlich führt sie zur Flucht fast aller Beteiligten aus der zunehmend beengten Atmosphäre.

Die filmische Beschäftigung mit dem Alter ist für viele nicht sonderlich attraktiv, denn es muss gezeigt werden, dass die Blüte der Jahre vorbei ist, dass es um Abschiednehmen und Loslassen geht, dass der Tod im Blick ist und damit auch eine Vorbereitung auf ihn. Dies sind Aspekte, die eine Schwere beinhalten, die nicht immer ausgehalten werden kann. Dennoch hat jeder Lebensabschnitt einen speziellen Wert und das Alter ist eben auch die Zeit der Rückblicke, der Verarbeitung des Gewesenen und der Versöhnung mit dem, wie es war oder für jeden Einzelnen wie er wurde, was er ist. Wächst aus diesen Betrachtungen ein Alters-Humor, dann gelingt im besten Sinne ein Einverstanden sein, ein Abstand und eine Versöhnung mit sich selbst.

Nacht der Nächte

Gerade um diesen Humor geht es in dem Dokumentarfilm Nacht der Nächte, der vier Paare zeigt, die mehr als fünfzig Jahre zusammen sind. Wie sie sich gefunden und sich einander angenähert haben, mit Bedacht über ihre erste Nacht erzählen und ihre gegenwärtigen Gebrechen ansprechen, lässt sie selbst oft lachen oder schmunzeln, den Zuschauer auch. Der Umgang miteinander ist bei jedem Paar achtsam auf unterschiedliche Weise. So viele Jahre schweißen zusammen, egal wo auf dieser Erde: In Japan ein zwangsverheiratetes Paar, in Indien ein Paar, das die Kastenregeln mit einem Trick durchbrochen hat, in USA ein homosexuelles Paar, das sehr spät endlich heiraten durfte und in Deutschland ein Paar aus dem Ruhrgebiet, das sich im Nachkriegsdeutschland gefunden hat.
Eine bemerkenswerte Situation entstand dadurch, dass einer der Interviewten unmittelbar nach den Dreharbeiten gestorben ist. Diese Notiz erinnert an die Kürze der Zeit, die möglicherweise im Alter noch bleibt, um Wesentliches zu erledigen.

Liebe,

ein schon länger existierender Film, thematisiert nicht nur das gemeinsame Altwerden, sondern die wohl schwierigste Situation, die entstehen kann, nämlich Sterbehilfe für den Partner zu leisten. Die Frau, vom Schlaganfall getroffen, hat ihren nächsten Verwandten das Versprechen abgenommen, nicht ins Pflegeheim zu kommen. Dies wird vom Ehemann und der Tochter gegeben, natürlich ohne zu ahnen, was das eines Tages bedeuten könnte. Der Film liefert viele Argumente, warum dies als Weg gewählt werden kann, da die vom Schlaganfall gezeichnete Frau in ihren Verhaltensweisen zum alltäglichen Albtraum für den Mann wird. Letztlich könnte die Entscheidung seine Frau mit dem Kissen zu ersticken als ein Akt der Liebe verstanden werden, der ein für beide unwürdiges Leben beendet.

Eine Anmerkung: Die Familienaufstellungen werden salonfähig.
In diversen Fernsehfilmen taucht seit einiger Zeit die Methode des Aufstellens auf. Sie wird selbstverständlich als Methode erwähnt und gezeigt, um eine Situation dreidimensional sichtbar zu machen, und etwas zu verdeutlichen. Auf die anklingenden, aber nicht vertieften Erkenntnisse und die Möglichkeiten des Familienstellens wird nicht eingegangen.
Immerhin ein Beginn!

Beispiele:

Polizeiruf 110: Starke Schultern

Professor T: Blutlinien

Mai 2018

Lisa Böhm

Lisa Böhm-De Philipp

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Anerkannte Weiterbildnerin für Systemaufstellungen (DGfS)

Kurze Audiointerviews

Erfahrungsschätze

"Was ist aus der langjährigen Erfahrung der Aufstellungsleitung heraus, bezogen auf Dein alltägliches Leben der größte Effekt?"

Dies habe ich die Kolleg*innen gefragt, live, und direkt die Antworten aufgezeichnet. Die meisten haben laut ins Mikro gedacht, einige haben andere  Kolleg*innen vorher sprechen gehört und haben sich eingezoomt, andere wiederum habe ich allein in einem Raum in Wiesloch während der Infosyon Tagung getroffen, einige habe ich übers Telefon aufgezeichnet bzw. werde das noch tun. Motto: Eine Frage eine Antwort. 

Die Antworten darauf waren so unterschiedlich wie ähnlich. Eine Arbeit, die zum Beispiel auf Einschließlichkeit setzt und diese immer gleich mit übt, müsste sich ähnlich im Leben derer niederschlagen, die sie ausüben – so unsere Vermutung. 

Da die Tagung in Wiesloch ein guter Startpunkt war, Personen live zu treffen, habe ich hier angefangen aufzuzeichnen. Denn das Projekt soll weitergehen. Jeder, der zu dieser Frage laut ins Mikro denken möchte, ist eingeladen sich bei mir zu melden. Nun über das Telefon und ein Headset und vielleicht ein bisschen in die Frage hineingedacht. Aber bitte nichts schriftliches vorbereiten. Eine Frage, eine Antwort bleibt das Motto.

Um den Anfang zu machen schien mir eine Live-Veranstaltung mit Aufzeichnungsgerät das Richtige – auch um im direkten Kontakt mit den Interviewten Personen mein Gespür zu vertiefen, ob das Format hält, was ich mir davon versprach. Dies waren ermutigende Erfahrungen, es gelang uns allen, sofort anzuschließen an gemeinsame Erfahrungen und auch der je kurze Austausch war sehr verbindend und anregend.

Nun können Sie hier hören:

Guni Baxa, Christine Essen, Marianne Franke-Griecksch, Erdmuthe Kunath, Albrecht Mahr, Claude Rosselet und Wilfried De Phillip live getroffen und aufgezeichnet: Lisa Böhm De Philipp und Eva Madelung, Berthold Ulsamer.

Die Aufnahmesituationen und Räume waren unterschiedlich – und so ist die Tonqualität einmal mit mehr und einmal mit weniger Hall bzw. Nebengeräuschen oder auch unterschiedlichen technischen Voraussetzungen am Telefon, aber immer gut verständlich.  Zu den Fotos: Auch sind alle angefragt und die nach und nach kommenden werden eingefügt.

Der nächste Schritt:

Zugesagt haben: Diana Drexler, Freda Eidmann und Jakob und Sieglinde Schneider ... die Aufnahmen folgen hier peu á peu ... andere werde ich sicher noch kontaktieren ... 

Wie ist diese Auswahl zusammengekommen? Ich habe in die Ausgaben der ersten der Hefte Praxis der Systemaufstellungen geschaut, ich habe lange aufstellende Personen gefragt, weil sie gerade da waren, wir uns kennen, es zeitlich gepasst hat oder angeschrieben, wen ich kannte. Es sind natürlich längst nicht alle und die Auswahl soll niemanden ausschließen. Es ist ein Anfang. Jede*r, die/er gerne dabei sein mag soll sich eingeladen fühlen...

Ich möchte noch betonen, dass hier keine abschließenden und ausführlichen Betrachtungen kommen, sondern Momentaufnahmen. Gerade dies ist der Charme der Aufnahmen wie ich finde: reichhaltig in der Erfahrung und kurz auf den Punkt. Ein Ende gibt es ohnehin nicht.              K.K.

Guni Baxa anhören

Christine Blumenstein-Essen anhören

Lisa Böhm-De Philipp anhören

Wilfried De Phillip anhören

Marianne Franke-Gricksch anhören

Erdmuthe Kunath anhören

Eva Madelung anhören

Dr. Albrecht Mahr anhören

Claude Rosselet anhören

Bertold Ulsamer anhören


Die Redaktion

Verantwortliche Redakteure der neuen Praxis der Systemaufstellung im Internet: Olivier Netter und Kerstin Kuschik

Desweiteren gibt es Lektor*innen, die nach Bedarf und/oder aus Eigeninitiative und schließlich mit Absprache der Redaktion einzelne Artikel oder zu beachtende Bücher betreuen, einbringen, Korrektur lesen, mitlesen oder Rat geben.

Wir begleiten und redigieren eingereichte Artikel - ob angefragt oder urangefragt - und Erfahrungsberichte. Wir suchen Themen, reagieren auf Empfehlungen, schreiben selbst gelegentlich Rezensionen und Artikel und regen Debatten an. Außerdem bringen wir aus dem Archiv der Heft-PdS in regelmäßigen Abständen noch oder wieder aktuelle, anregende Artikel in die Themenfächer. Dieser Fundus soll lebendig bleiben. Wir betreiben und strukturieren die Webseite selbst und sind für Anregungen und Hinweise immer dankbar.

Wenn Sie als Autor*in etwas beitragen wollen finden Sie hier mehr Information


praxis der systemaufstellung, Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS), ist die führende Publikation in deutscher Sprache, die sich mit professioneller Aufstellungsarbeit befasst. Sie dient dem Austausch, der Vertiefung und der Entfaltung dieses Ansatzes in vielfältigen Anwendungsgebieten.

Leitlinien: Wir sind auch in der neuen Form unser Publikation den alten Leitlinien treu geblieben. Diese finden sich in den Rubriken unserer Beiträge wieder und widmen sich: Der Kunst des Aufstellens, der Wissenschaft -der Erforschung unserer Arbeit selbst sowie anderer verwandter Gebiete-, unseren Erfahrungen - unter anderem durch Fallbeschreibungen, den Ergänzungen und Verbindungen durch und mit anderen Methoden sowie Gesellschaftsthemen. Des Weiteren bleiben wir gegenüber anderen Publikationsformaten offen: Wir berichten über Filme und Literatur innerhalb und außerhalb unserer Profession.