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Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen

Forum


Forum Editorial

9/2020

 

Neben der akuten schwer kalkulierbaren Gesundheitsgefährdung durch COVID 19 ist der Umstand, mit vielfacher Unsicherheit und wenig Wissen umgehen zu müssen, ein Teil der aktuellen Krisensituation, die uns alle in der einen oder anderen Weise betrifft. Unsicher sind nicht nur wir, sondern auch die Entscheidungsträger, von denen eigentlich erwartet wird, dass sie besser informiert und beraten sind – was die Unsicherheit für viele noch weiter verstärkt.
Aber erinnern wir uns: Dieser Krisen-Zustand besteht nicht erst seit Ausbruch der Pandemie, sondern bereits seit längerem und das gleich auf mehreren Gebieten. Wirtschaftliche, geopolitische, technologische und das Klima betreffende globale Entwicklungen werfen sich zuspitzende Fragen auf, für die es größtenteils noch keine Lösungen gibt und noch nicht geben kann.
Diese, die gesamte Gesellschaft betreffenden Probleme, erzeugen für alle spürbar seit längerem untergründige Spannungen und Verunsicherungen und drängen damit jeder einzelnen Person eine kompensierende An­pas­sungs­leis­tung auf, um diese Spannung auf persönlicher Ebene, emotional und intellektuell, zu verarbeiten, zu verdrängen oder auf andere zu verschieben. Dass sich weltweit deshalb Menschen und ganze Nationen aktuell in einer emotional angespannten Situation befinden ist unübersehbar und auch, dass es sehr unterschiedliche Reaktionen auf die kollektive Nötigung zu Anpassung und Verarbeitung gibt.
Wie auch immer wir persönlich reagieren, in dieser Situation ist ein starkes Motiv, einen Beitrag zu leisten, für Jede die und Jeden der sich äußert, das Bedürfnis, den unfreiwillig begonnenen Lernprozess, die unversehens eingetretene Lebensphase mit Coronavirus SARS CoV-2 möglichst ohne Schädigungen an Leib, Seele und dem gemeinschaftlichen Miteinander durchzustehen und vielleicht sogar konstruktiv zu nutzen. Wir sind privat und persönlich angesprochen, aber auch als AufstellerInnen, nicht zuletzt, weil hinter dem nach wie vor individuell schwer zu bewertenden Risiken für Leib und Leben mit großen Lettern das existentielle Thema WAS IST DIE WAHRHEIT? steht. In unterschiedlichsten Ausformungen lässt sich hinter der sogenannten „Corona-Krise“ eine weltweite Krise der Wahrheit und des Vertrauens erkennen. Wie ist das möglich, so fragen wir uns als Redaktion, dass ein solches doch sehr abstrakt erscheinende Thema eine globale Verbreitung erfährt? Und führen wir Aufsteller nicht schon

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seit längerem unsere Debatte mit dem Thema WAHRHEIT und ihrem potentiellem Verschwinden? Dieser Frage sollten wir als Aufsteller unter neuer Perspektive und Dringlichkeit, intensiver nachgehen, als das bisher geschah. Wie sollen wir also auf das uns umgebende Spannungsfeld gesellschaftlicher und individueller Verwicklungen, Verwechslungen und Kontroversen schauen, ohne in die zum Teil hoch emotionalisierten Auseinandersetzungen verstrickt zu werden? Vielleicht liegt ja in den Tugenden der systemisch-phänomenologischen Praxis ein Chance, wahrnehmend dabei zu sein und zu begleiten, ohne selbst ein Opfer der zu beobachtenden Spaltungen und Radikalisierungen zu werden. Wie also könnte man fragen, kann man sich selbst beruhigen, seinen Selbstwert und seine Integrität bewahren, in Auseinandersetzungen nichts persönlich nehmen, Vertrauen haben und dem Ganzen dienen? Wir (die Red.) denken, das kann vielleicht nicht immer gelingen aber eine innere Verpflichtung, diese Punkte weiter anzustreben kann helfen, in dieser Zeit den Überblick zu behalten. Wenn wir die sich aktuell zeigenden Phänomene, Lagerbildungen und Entwicklungen, als Teil einer noch zu verstehenden Ganzheit ansehen, können wir allmählich auch lernen, Bedeutung und Funktion von problematischen, negativ aufgeladenen Rollen im gesellschaftlichen Geschehen als solche zu verstehen, statt sie mit Diagnosen für uns unschädlich zu machen. „Die unmöglichen anderen“ sind immer auch wir, sie weisen auf fortgeschobene Themen, Mängel und Ausgeschlossenes, unseren gesamtgesellschaftlichen Schatten, hin – was wir aus der systemisch-phänomenologischen Arbeit und nicht zuletzt aus unseren eigenen Biografien genau so kennen. Gerade in Zeiten der eigenen Unsicherheit das Provozierende, Herausfordernde und Beängstigende nicht auf uns selbst zu beziehen, sondern als Hinweis auf unaufgedeckte Gross-Konflikte, Ungerechtigkeiten und ungelöste Probleme zu verstehen, ist die große Herausforderung und zugleich unsere Chance als Phänomenologen. Es ist ja nicht so, dass wir uns – einmal diese weise Einsicht erlangt – zurücklehnen könnten. Das Unberechenbare der aktuellen destabilen und komplexen Lage fordert uns eine beständige Neubewertung dessen ab, was sie in uns auslöst und was wir im Außen wahrnehmen. Dies ist schwierig aber nötig und wichtig. Auf diesen Umstand möchten wir als Redaktion unsere Aufmerksamkeit richten, in der Hoffnung, aus den uns vertrauten Sicht- und Beurteilungsweisen heraustreten zu können, um vielleicht etwas bisher Unbekanntes wahrzunehmen, was uns und allen nützt.

 

o.n./k.k.

Frühere Editorials

Aufruf

Wir sammeln weiterhin Ihre Beiträge, Ideen, Fragen und Wortmeldungen zum Thema Coronavirus SARS-CoV-2 und die Folgen, um sie auf dieser Seite zu veröffentlichen.

  • Was können wir als Systemaufsteller zu den gerade ablaufenden Ereignissen positives beitragen?
  • Wie können wir Unterstützung geben?
  • Was sehen wir hier aus systemischer Perspektive?
  • Wie gehen wir damit um, dass durch die Kontakteinschränkungen unsere Arbeit massiv beeinträchtigt ist?
  • Erleben wir zur Zeit weniger oder eher einen anderen Kontakt mit unserer Umgebung? Was ist der Unterschied?

Einige Beiträge sind bereits eingegangen.

Sie finden die Sammlung aller unter "Themen". Daneben sind einzelne zusätzlich in die bereits bestehenden PdS-Bereiche geordnet wie Fachartikel oder Link-BoX.


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Neue Artikel

Reflexionen über die Weitergabe von phänomenologischen Arbeitsweisen vermittelst der Achtsamkeitspraxis

Dieses Audio-Interview von Kerstin Kuschik mit Harald Homberger behandelt die für beide bedeutende Einübung in Bewusstseinsarbeit, die andere Menschen begleitende Personen nach deren Meinung braucht. Homberger umreißt auch, wie er Achtsamkeitspraxis und Meditation in seine Arbeit einbindet.

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Kunsttherapie und Figurenstellen - ein Fallbeispiel

Lisa Kalteis schreibt: "Die Verbindung von Kunsttherapie und systemischer Aufstellungsarbeit fasziniert mich seit Langem - nach über 20 Jahren Erfahrung mit Selbsterfahrungs-Malgruppen - sind die Übergänge oft fließend. Ein intuitiv gemaltes Bild (mit oder ohne Thema) zeigt oft unbewusst Inhalte oder Symbole, die familiensystemische Inhalte darlegen und die es zu entschlüsseln gilt." In dem folgenden Fallbeispiel zeigt sie, wie sie dies in Praxis umsetzt.

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Grüne Schwäne – Gutes in der Pandemie

Albrecht Mahr schreibt: "(...) Wir befinden uns mit Corona demnach gerade unter dem Einfluss von Grünen Schwänen. Und Grüne Schwäne bringen es mit sich, dass sie in ihren komplexen Folgen unmöglich zu überblicken, geschweige denn zu beherrschen sind. Was also könnte Gutes in einer solchen Situation liegen? Gutes in der Pandemie – was mag das sein? Ein paar Stichworte dazu, alles andere als vollständig. Corona betrifft Alle existenziell, und damit ist ein trans-personaler Bereich geöffnet und zugänglich – das Sein – der sonst in aller Regel nicht wahrgenommen wird."

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Die Wirkung der Sprache in der Aufstellungsarbeit

Mein Anliegen, so schreibt Heiko Hinrichs, ist es zu verdeutlichen, wie vielschichtig Sprache – und eine damit verbundene innere Haltung - im therapeutischen Kontext, exemplarisch in der Aufstellungsarbeit, wirken kann. Sowohl in der verbalen Form als auch auf nonverbale Weise finden Resonanzprozesse zwischen der Aufstellungsleitung, den Aufstellenden sowie auch anderen Mitwirkenden (z.B. in einem Aufstellungsseminar) statt. Die jeweils ausgetauschten Botschaften und Intentionen wirken nicht nur mental und psychisch...

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Die Furcht vor der Existenz dunkler Mächte und die Faszination der Lüge

Viele gesellschaftliche, kulturelle und öko­logische Pro­bleme liegen auf der Hand. Ich verzichte hier darauf,  sie alle auf­zuzählen und vertraue darauf, dass sie im fairen Aus­gleich und im gegen­seitigen Respekt zu lösen sein werden. Warum, so frage ich mich also, Verur­sacher und Profi­teure im Verborgenen einer parallelen Welt des Unrechts und Bösen suchen? Dass die Vorstellungskraft zur Wieder­herstellung einer realitäts­gerechten Wahr­nehmung bereit sein muss, das Unvorstell­bare zu denken und ihm eine Gestalt zu geben, geht in Ordnung und ist eine empfehlens­werte Idee.

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Aufstellen in der aktuellen Krisen-Situation – eine Kritik und eine Hoffnung

Dieser Beitrag von Kerstin Kuschik beschreibt, was die Autorin bezüglich der Folgen, die die Pandemie schon jetzt mit sich bringen, bewegt, und sie reflektiert dabei auf unsere Berufsgruppe: Was könnten wir Aufsteller:innen in dieser Lage tun und was nicht? Dies tut sie hoffnungsvoll, differenziert und kritisch in Bezug auf einige Äußerungen im Rahmen der aktuellen Covid19-Maßnahmen. Sowohl, was allgemeine Aussagen betrifft, als auch im Besonderen die Thesen von Franz Ruppert.

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Was das Virus uns sagen will? Kritische Betrachtungen zur Aufstellungsarbeit in der Coronakrise

Bertold Ulsamer stellt in diesem Beitrag einige Gedanken zur Diskussion zu einem heiklen Thema vor. Es geht um Aufstellungen zu Themen um das Coronavirus. Er hat einige Grundhaltungen, aus denen heraus er pointiert und thesenhaft schreibt, so dass Kollegen und Kolleginnen, die anders arbeiten vielleicht ebenso klar antworten können. Natürlich, das betont er, seien dies nur seine Konzepte und er schreibt m Bewusstsein darüber, dass kein Konzept die ganze Wirklichkeit umfassen kann.

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Rumpelstilzchen - Eine Märchenaufstellung

Volksmärchen enthalten uraltes Wissen darüber, wie das Leben gelingt. Sie beginnen mit einem allgemein menschlichen Problem. Ein Mensch macht sich auf den Weg, um eine Lösung dafür zu finden.Die Schwierigkeiten im Märchen - wie im Leben - dienen den Menschen zur Entwicklung. Die Entwicklungsprozesse in den Volksmärchen wirken auf verschiedenen Ebenen: auf der äußeren Beziehungsebene mit konkreten Menschen und auf der inneren Beziehungsebene mit sich selbst. Eine Märchenaufstellung von Hildegard Wiedemann

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Rubriken

Buchbesprechungen
Filmbesprechungen

Jugend und Alter

Lisa Böhm

Lisa Böhm-De Philipp

 

Was werden die Leute sagen, Norwegen, Deutschland, Schweden. 2017, Iram Haq

Ladybird, Amerika 2018, Greta Gerwig

Das schweigende Klassenzimmer, Deutschland 2018, Lars Kraume

Nacht der Nächte, Deutschland 2018, Yasemin Samdereli, Nesrin Samdereli

Liebe, Deutschland 2012, Michael Haneke, inzwischen als DVD erhältlich

Jugend und Alter: Filme über diese Lebensabschnitte gehören nicht zum Mainstream, von Zeit zu Zeit gibt es jedoch immer wieder gute Beispiele.

Jugend wird als Phase des Übergangs betrachtet, in der der Mensch nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen ist. Einerseits sind die Eltern nicht mehr alleinige Bezugs- und Erziehungspersonen, die Peergroup, Nachbarn, die Medien, Internet, die Kirchen und staatliche Institutionen mischen entscheidend mit. Andererseits stoßen Sturm und Drang, verschiedene Stimmungen und Launen innerhalb der Familie auf Begrenzungen der Eltern und deren unterschiedliche Mittel darauf zu reagieren. Zentral ist das Thema Geschlechtsreife und Fortpflanzungsfähigkeit, das bei den Jugendlichen beiden Geschlechts Lust auf Ausprobieren erzeugt und den Eltern Angst macht. Das Schlimmste wird meist befürchtet: eine Schwangerschaft.  Die quälenden Zweifel und zwingenden Fragen der Jugend nach dem „Wer bin ich?“ „Woher komme ich (biografisch, geografisch, spirituell)?“ „Was will ich, was will ich nicht, was soll ich, was muss ich?“ sind zur Selbstwerdung notwendig. Werden sie ernsthaft gestellt, können sie in Reflexion und Weiterentwicklung münden. Gefühlsmäßig wahrgenommen gehen sie häufig direkt in rebellische Handlungen, um aus einer empfundenen Enge auszubrechen. Im günstigen Fall begleiten die Eltern diesen konfliktträchtigen Prozess mit ihrem klaren Ja und Nein, wohlwollender Menschlichkeit, Weisheit und diplomatischem Geschick. Im ungünstigen Fall eskalieren Situationen derart, dass Nachbarn oder das verständigte Jugendamt eingreifen. Den Eltern bleibt dann oft nur noch die Anmerkung: „Wir woll(t)en doch nur dein Bestes“. Die Lebensphase als Übergangszeit zu bezeichnen beinhaltet den tiefen Wunsch, es möge schnell vorüber sein. Dass sie ihre Zeit braucht, notwendig und wertvoll für die Entwicklung von Persönlichkeit, Stärke, Resilienz, Konfliktfähigkeit und Konfliktbereitschaft ist, zeigen zwei Filme auf eindrückliche Weise.  

Was werden die Leute sagen

ist das Erziehungsmotto einer pakistanischen Familie - ein Satz, der auch in Deutschland vor allem nach dem Krieg eine große Rolle spielte. Vermutlich gehört er zu Menschen, die aufgrund von Entwurzelung und Existenzängsten verunsichert sind und im Festhalten an traditionellen Werten und beim Ausprobieren von Neuem in den Augen von Anderen (Nachbarn) Halt suchen. Im Film bietet die pakistanische Tradition im Familien- und Freundesverband Rückhalt, steht aber auch einer Anpassung in Deutschland im Wege. Zu welchem Druck und welchen Auswüchsen es führt, wenn die außerfamiliären Einflüsse, erstmal nur in der Vorstellung, eine größere Rolle als die Familie spielen, zeigt der Film. Die Protagonistin befindet sich in einem Spannungsfeld von deutscher und pakistanischer Kultur, Tradition und Moderne, gewaltbereiter Erziehung der Eltern und einem ausgeprägten Autonomiebestreben und Freiheitsdrang. Zunächst ist nur der Vater das ausführende strenge Organ, die Mutter hält sich im Hintergrund. Weil die Tochter einen Jungen in ihr Zimmer lässt und küsst, bringt der Vater sie nach Pakistan zu seiner Schwester. Nach kurzer Zeit muss er aber feststellen, dass das ein erfolgloses Unternehmen ist und er geht in seiner Enttäuschung, Wut und Hilflosigkeit so weit, dass er seine Tochter fast umbringt. Als dann, zurück in Deutschland, die Mutter alles für eine Zwangsverheiratung in die Wege leitet, nimmt die Tochter noch mal alle Kräfte zusammen und bricht aus. Der unsichere Blick des Vaters drückt aus, dass er vermutlich gelernt hat, denn er bekommt es mit und bleibt untätig. Der Zuschauer hat die Tochter genug kennengelernt, um in ihre Resilienz vertrauen zu können, ist aber auch betroffen darüber, wie hart der Weg allein und ganz ohne Rückhalt der Eltern wahrscheinlich sein wird.

Ladybird

ist ein Film aus Amerika, der kulturelle Hintergrund ist unseren westlichen Vorstellungen entsprechend. Auch hier geht es um eine Tochter, die willensstark um ihre Autonomie und um ihr Frau werden kämpft. Vor allem geht es ihr aber auch um den Besuch eines guten Colleges in einer anderen Stadt, heraus aus einem für sie unerträglichen Kleinstadtmilieu. Für die Themen Sexualität, Selbstwerdung, Schulbildung sind hier in erster Linie der Besuch der Nonnenschule und die Gespräche mit der Mutter zuständig. Deren Motto, dass aus ihrer Tochter die beste Version ihrer selbst werden möge, führt sie zu vielen stimmigen Handlungen, manches hätte sie auch sein lassen können. Das erkennt sie selbst auch. Der Vater ist vorhanden, spielt aber nur dann eine Rolle, wenn es um die Finanzierung der Ausbildung geht. Die Sturm-und-Drang-Bedürfnisse der Tochter und die Grenzen der Eltern prallen auch in diesem Film aufeinander. Doch endet er damit, dass nach einem schmerzhaften Abschied und einer Kontaktpause die Schritte aufeinander zu wieder möglich sind. Das den Film abschließende Liebesgeständnis der Tochter bezieht sich vor allem auf die Mutter und die Heimatstadt.

Das schweigende Klassenzimmer

Der Film beginnt im Jahr 1956 und ist die Geschichte einer wahren Begebenheit. Die Grenzen der DDR sind noch offen, der Besuch in Westberlin ist möglich, im Kino wird die Wochenschau gezeigt. Die Abiturienten kehren mit der Information vom Ungarnaufstand in ihre Klasse zurück und regen eine Schweigeminute an. Die daraus entstehenden Repressalien lassen die Klasse zu einer zusammengeschweißten Gruppe werden, die zusammenhält bis der Druck von einem nicht mehr ausgehalten wird und er den Initiator verrät.

Fazit dieser zunächst jugendlich empörten, aber auch harmlosen und mutigen Handlung und deren brutalen Konsequenzen ist, dass daraus eine Kraft erwächst, die kritisch dem System der DDR gegenüber bleibt. Letztlich führt sie zur Flucht fast aller Beteiligten aus der zunehmend beengten Atmosphäre.

Die filmische Beschäftigung mit dem Alter ist für viele nicht sonderlich attraktiv, denn es muss gezeigt werden, dass die Blüte der Jahre vorbei ist, dass es um Abschiednehmen und Loslassen geht, dass der Tod im Blick ist und damit auch eine Vorbereitung auf ihn. Dies sind Aspekte, die eine Schwere beinhalten, die nicht immer ausgehalten werden kann. Dennoch hat jeder Lebensabschnitt einen speziellen Wert und das Alter ist eben auch die Zeit der Rückblicke, der Verarbeitung des Gewesenen und der Versöhnung mit dem, wie es war oder für jeden Einzelnen wie er wurde, was er ist. Wächst aus diesen Betrachtungen ein Alters-Humor, dann gelingt im besten Sinne ein Einverstanden sein, ein Abstand und eine Versöhnung mit sich selbst.

Nacht der Nächte

Gerade um diesen Humor geht es in dem Dokumentarfilm Nacht der Nächte, der vier Paare zeigt, die mehr als fünfzig Jahre zusammen sind. Wie sie sich gefunden und sich einander angenähert haben, mit Bedacht über ihre erste Nacht erzählen und ihre gegenwärtigen Gebrechen ansprechen, lässt sie selbst oft lachen oder schmunzeln, den Zuschauer auch. Der Umgang miteinander ist bei jedem Paar achtsam auf unterschiedliche Weise. So viele Jahre schweißen zusammen, egal wo auf dieser Erde: In Japan ein zwangsverheiratetes Paar, in Indien ein Paar, das die Kastenregeln mit einem Trick durchbrochen hat, in USA ein homosexuelles Paar, das sehr spät endlich heiraten durfte und in Deutschland ein Paar aus dem Ruhrgebiet, das sich im Nachkriegsdeutschland gefunden hat.
Eine bemerkenswerte Situation entstand dadurch, dass einer der Interviewten unmittelbar nach den Dreharbeiten gestorben ist. Diese Notiz erinnert an die Kürze der Zeit, die möglicherweise im Alter noch bleibt, um Wesentliches zu erledigen.

Liebe,

ein schon länger existierender Film, thematisiert nicht nur das gemeinsame Altwerden, sondern die wohl schwierigste Situation, die entstehen kann, nämlich Sterbehilfe für den Partner zu leisten. Die Frau, vom Schlaganfall getroffen, hat ihren nächsten Verwandten das Versprechen abgenommen, nicht ins Pflegeheim zu kommen. Dies wird vom Ehemann und der Tochter gegeben, natürlich ohne zu ahnen, was das eines Tages bedeuten könnte. Der Film liefert viele Argumente, warum dies als Weg gewählt werden kann, da die vom Schlaganfall gezeichnete Frau in ihren Verhaltensweisen zum alltäglichen Albtraum für den Mann wird. Letztlich könnte die Entscheidung seine Frau mit dem Kissen zu ersticken als ein Akt der Liebe verstanden werden, der ein für beide unwürdiges Leben beendet.

Eine Anmerkung: Die Familienaufstellungen werden salonfähig.
In diversen Fernsehfilmen taucht seit einiger Zeit die Methode des Aufstellens auf. Sie wird selbstverständlich als Methode erwähnt und gezeigt, um eine Situation dreidimensional sichtbar zu machen, und etwas zu verdeutlichen. Auf die anklingenden, aber nicht vertieften Erkenntnisse und die Möglichkeiten des Familienstellens wird nicht eingegangen.
Immerhin ein Beginn!

Beispiele:

Polizeiruf 110: Starke Schultern

Professor T: Blutlinien

Mai 2018

Lisa Böhm

Lisa Böhm-De Philipp

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Anerkannte Weiterbildnerin für Systemaufstellungen (DGfS)

Audiointerviews

Interview mit Harald Homberger

"Reflexionen über die Weitergabe von phänomenologischen Arbeitsweisen vermittelst der Achtsamkeitspraxis" anhören

 

Interview mit Peter Sänger

"Allem Anfang wohnt ein Zauber inne." anhören

 

Erfahrungsschätze

"Was ist aus der langjährigen Erfahrung der Aufstellungsleitung heraus, bezogen auf Dein alltägliches Leben der größte Effekt?"

Dies habe ich die Kolleg*innen gefragt, live, und direkt die Antworten aufgezeichnet. Die meisten haben laut ins Mikro gedacht, einige haben andere  Kolleg*innen vorher sprechen gehört und haben sich eingezoomt, andere wiederum habe ich allein in einem Raum in Wiesloch während der Infosyon Tagung getroffen, einige habe ich übers Telefon aufgezeichnet bzw. werde das noch tun. Motto: Eine Frage eine Antwort. 

Die Antworten darauf waren so unterschiedlich wie ähnlich. Eine Arbeit, die zum Beispiel auf Einschließlichkeit setzt und diese immer gleich mit übt, müsste sich ähnlich im Leben derer niederschlagen, die sie ausüben – so unsere Vermutung. 

Da die Tagung in Wiesloch ein guter Startpunkt war, Personen live zu treffen, habe ich hier angefangen aufzuzeichnen. Denn das Projekt soll weitergehen. Jeder, der zu dieser Frage laut ins Mikro denken möchte, ist eingeladen, sich bei mir zu melden. Nun über das Telefon und ein Headset und vielleicht ein bisschen in die Frage hineingedacht. Aber bitte nichts schriftliches vorbereiten. Eine Frage, eine Antwort bleibt das Motto.

Um den Anfang zu machen schien mir eine Live-Veranstaltung mit Aufzeichnungsgerät das Richtige – auch um im direkten Kontakt mit den Interviewten Personen mein Gespür zu vertiefen, ob das Format hält, was ich mir davon versprach. Dies waren ermutigende Erfahrungen, es gelang uns allen, sofort anzuschließen an gemeinsame Erfahrungen und auch der je kurze Austausch war sehr verbindend und anregend.

Nun können Sie hier viele Kolleg:innen hören - in den unterschiedlichsten Räumen und Aufnahmesituationen. So ist die Tonqualität einmal mit mehr und einmal mit weniger Hall bzw. Nebengeräuschen oder auch unterschiedlichen technischen Voraussetzungen am Telefon, aber immer gut verständlich. 

Wie ist diese Auswahl zusammengekommen? Ich habe in die Ausgaben der ersten der Hefte Praxis der Systemaufstellungen geschaut, ich habe lange aufstellende Personen gefragt, weil sie gerade da waren, wir uns kennen, es zeitlich gepasst hat oder angeschrieben, wen ich kannte. Es sind natürlich längst nicht alle und die Auswahl soll niemanden ausschließen. Es ist ein Anfang. Jede*r, die/er gerne dabei sein mag soll sich eingeladen fühlen...

Ich möchte noch betonen, dass hier keine abschließenden und ausführlichen Betrachtungen kommen, sondern Momentaufnahmen. Gerade dies ist der Charme der Aufnahmen wie ich finde: reichhaltig in der Erfahrung und kurz auf den Punkt. Ein Ende gibt es ohnehin nicht. K.K.

Guni Baxa anhören

Christine Blumenstein-Essen anhören

Lisa Böhm-De Philipp anhören

Wilfried De Phillip anhören

Marianne Franke-Gricksch anhören

Erdmuthe Kunath anhören

Eva Madelung anhören

Dr. Albrecht Mahr anhören

Claude Rosselet anhören

Bertold Ulsamer anhören

 

Audio-Buchbesprechung

"Junge Flüchtlinge auf Heimatsuche" anhören

Ein Interview mit Birgit Theresa Koch.

Videovorträge

Neue Rubrik im Aufbau:

Vorträge auf Videos. Eine Vortragsreihe, begonnen unter den Bedingungen der Covid 19 Pandemie. Wir bitten die Vortragenden, uns einen Einblick in Ihre Arbeit zu gewähren, um von Ihnen lernen zu können. Was uns dabei besonders interessiert: Wie hat sich die eigene Arbeitsweise aus der persönlichen oder beruflichen Biographie heraus entwickelt. Wieviel "Selbsterfahrung", persönliches Wachstum, Heilung und Reifung steckt in der eigenen Arbeitsweise? Mit dieser spannenden Sichtweise erhalten wir als Zuhörer*innen noch besondere Anknüpfungspunkte, die eine ein fachliche Perspektive alleine oft nicht bieten kann.

 

Sabino Mathilde Sternberg

Wie sich Story Telling in die Ausbildung und die Aufstellungspraxis integrieren lässt. Mit Story Telling ist eine Methode des Zuhörers und Sprechens über die eigene Biographie gemeint. Mit dieser Gruppenmethode, die in Israel entwickelt wurde, erleben die Gruppenmitglieder eine intensive persönliche Veränderung.

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Thomas Gehrmann

Langjähriger Aufsteller und Autor mehrere Bücher über Bert Hellinger. Er ist unter den Aufstellern, die recht früh zum Aufstellen kamen, etwas Besonderes. Er hat über die vielen Brüche und Wandlungen hinweg, die die Person Hellinger persönlich und als öffentliche Figur erfahren hat, den persönlichen Kontakt aufrecht erhalten. Das ist nicht vielen gelungen und viele wollten dies auch gar nicht. Thomas Gehrmann kann aber gerade deshalb beitragen zum besseren Verständnis der Entwicklung des Aufstellens bei Hellinger selbst. Er kann auch zu den Mythen, die sich um das "Neue Aufstellen" gebildet haben etwas Erhellendes sagen. Thomas Gehrmann wollte immer, wie er scherzhaft sagt: "Hellinger ins Deutsche übersetzen". Etwas davon ist ihm in dem einstündigen Video, dass hier zu sehen ist, wieder gelungen.

Im Video sind an mehreren Stellen statt eines Bildes ganz kurz graue Flächen zu sehen. Dort sind Zuhörer*Innen versehentlich ins Bild geraten.

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Aus der Werkstatt

Was ist aktuell in Bewegung bei den Kolleg*innen? Wer arbeitet gerade woran und sucht Kooperationen oder Austausch oder weiterführende Kontakte? Manche Regionalgruppen haben über die eigenen Veranstaltungen hinaus, die auf der DGfS-Webseite einzusehen sind, interessante, laufende Gruppen, die sich für einen Austausch über ein Format oder ein Experiment mit einer Technologie anböten...Wir möchten hier gerne vernetzend wirken und einen Ort anbieten, an dem alle Interessierten ihre Ideen, Projekte oder Gesuche vorstellen können.

 

Dezember 2020: Projekt: Technik-Einsatz in Aufstellungen - von Michael Wingenfeld 
Michael Wingenfeld hat hierzu bereits einen virtuellen Vortrag im März-21 (unsere Online Uslar Tagung) gehalten, sucht aber weiter nach anderen Erfahrungen und Personen, die technikoffen sind und an Projekten mitwirken möchten.

Dezember 2020: Suche nach Erfahrung mit Transgender-Thematiken - von Berthold Ulsamer
Bertold Ulsamer hat mittlerweile ein Buch dazu geschrieben, die Rezension dazu finden Sie hier

 

 

Die Redaktion

Verantwortliche Redakteure der neuen Praxis der Systemaufstellung im Internet: Olivier Netter und Kerstin Kuschik

Desweiteren gibt es Lektor*innen, die nach Bedarf und/oder aus Eigeninitiative und schließlich mit Absprache der Redaktion einzelne Artikel oder zu beachtende Bücher betreuen, einbringen, Korrektur lesen, mitlesen oder Rat geben.

Wir begleiten und redigieren eingereichte Artikel - ob angefragt oder urangefragt - und Erfahrungsberichte. Wir suchen Themen, reagieren auf Empfehlungen, schreiben selbst gelegentlich Rezensionen und Artikel und regen Debatten an. Außerdem bringen wir aus dem Archiv der Heft-PdS in regelmäßigen Abständen noch oder wieder aktuelle, anregende Artikel in die Themenfächer. Dieser Fundus soll lebendig bleiben. Wir betreiben und strukturieren die Webseite selbst und sind für Anregungen und Hinweise immer dankbar.

Wenn Sie als Autor*in etwas beitragen wollen finden Sie hier mehr Information


praxis der systemaufstellung, Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS), ist die führende Publikation in deutscher Sprache, die sich mit professioneller Aufstellungsarbeit befasst. Sie dient dem Austausch, der Vertiefung und der Entfaltung dieses Ansatzes in vielfältigen Anwendungsgebieten.

Leitlinien: Wir sind auch in der neuen Form unser Publikation den alten Leitlinien treu geblieben. Diese finden sich in den Rubriken unserer Beiträge wieder und widmen sich: Der Kunst des Aufstellens, der Wissenschaft -der Erforschung unserer Arbeit selbst sowie anderer verwandter Gebiete-, unseren Erfahrungen - unter anderem durch Fallbeschreibungen, den Ergänzungen und Verbindungen durch und mit anderen Methoden sowie Gesellschaftsthemen. Des Weiteren bleiben wir gegenüber anderen Publikationsformaten offen: Wir berichten über Filme und Literatur innerhalb und außerhalb unserer Profession.