13.07.2020 Rezension von K e r s t i n  K u s c h i k 

  • Jürgen Hasse (Text) und Sara F. Levin (Fotografie), Betäubte Orte – Erkundungen im Verdeckten, Freiburg 2019, Karl Alber Verlag, ISBN 978-3-495-49020-4 

Auf der Suche nach Literatur, die sich mit den Phänomenen Atmosphäre und Stimmungen, mit Raumwirkung und Raumbedeutung befasst, habe ich unter anderem Bücher von Jürgen Hasse gefunden, em. Professor für Humangeografie an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main. Seinen phänomenologischen Blick auf das Leben und Erleben in städtischen Räumen, auf Mensch-Natur-Verhältnisse und Aspekte der Ästhetik fand ich auch spannend und bereichernd für unsere Aufstellungsarbeit, vor allem für die Rolle der Leitung.

Fragen wie die, was uns jenseits unserer offensichtlich-alltäglichen Narrative im Verborgenen klammheimlich betäubt und wie wir damit umgehen, waren zum Beispiel eine Absicht dieses Buchprojektes. Solche Fragen sind anthropologisch, soziologisch, philosophisch und psychologisch interessant, ob sie unsere Beziehung zu Orten als „korresponsive Milieus“ untersuchen – wie im Buch – oder die Beziehung als Spezies untereinander in den Fokus nehmen – wie wir das als Aufsteller*innen spätestens dann tun, sich diese tauben Stellen als Störung offenbaren und wir als professionelle Zwischenraum-Gestaltableser oder Ortsbegeherinnen in Familienfeldern gefragt sind. Als Aufsteller*innen bewegen wir uns dabei im Spannungsfeld „denkender und nachspürender Selbstgewahrwerdung“ (S. 214) – genau das macht auch dieses Buch mit den nebeneinander gesetzten ästhetischen Mitteln von Text und Bild. 

Vordergründig ist dies allerdings zunächst ein Buch über Topologie. Als solches ist es gegliedert und bebildert in zum Thema passende Begriffe wie „Brachen“, „Archive“, „Zersiedelung“, „Leerstände“... oder „Hafträume“ – realräumliche Bezeichnungen zu Ausschnitten unserer Alltagswelten. Auch die fotografischen Kommentare von Levin binden sich ausnahmslos an (menschenleere) Orte. Was Hasses Worte bildhaft beschreiben, zeigen Levins Bilder sprachlos beredt. Sie sind Ausschnitte von Trostlosigkeit, Unbewegtheit, Leere, Verlassenheit ... und unterstreichen in ihrer alltagsweltlichen Schnappschussqualität das Fehlen des schönen Scheins, den technisch und fotografisch optimale Abbilder so nicht hätten bieten können.

Das folgerichtig in Anlehnung an einen Kunstband gestaltete Buch möchte – so eine weitere Absicht – durch das unscharfe Flirren zweier Kunstformen zwischen zeigen (Bild) und bedeuten (Rede), wie selbst innerhalb der „die Grenzen des expressis verbis Aussagbaren“ (213) unbewusste Gefühls­dynamiken mindestens erfahrbar werden können.

Beispielsweise werden durch die „Ent‑deckung“ betäubter und betäubender Orte die hinter der topologischen Szenerie liegenden Widersprüchlichkeiten deutlich: Etwa in einem Zoo, in dem wir genau dort Entspannung, Naturnähe, Bildung oder Sensationen suchen, wo Mitgeschöpfe – ihrer Natur beraubt – gefangen gehalten und zur Schau gestellt werden. Wenn viele Zoos in der heutigen Zeit sich auch renaturieren oder Artenschutzprogramme, Forschung und Bildungsaufgaben stärker in den Fokus nehmen: Sie bleiben (wie andere „Hafträume“) einer subkutan spürbaren und nicht auflösbaren Spannung verhaftet, und können sich allenfalls als Symbol einer Heilung inszenieren, welches „das strukturell zutiefst gestörte Verhältnis der Menschen zum Tier“ und zur Natur selbst nicht nur nicht retten kann, sondern auch systemisch aufrecht erhält.

Hasses kulturphänomenologische Exkurse streifen dabei mehrere Ebenen. Sie verweisen auf die direkten dialogischen Verhältnisse von persönlichem Befinden und Milieu, und sie können zugleich als Metaphern psychischer individueller sowie gesellschaftlicher Zustände wie Trauma, Zwang (betäubte Orte: Brachen, Leerstände, Hafträume...) gelesen werden, wie Sucht in ihrer extatischen wie selbstanästhesierenden Form (betäubende Orte: Hobbykeller, Messie-Wohnung, Jahrmärkte, Kaufhäuser, Urlaubswelten, ...) oder als Metaphern für psychische Bereiche wie dem Unterbewusstsein (Archive). Das macht das Buch so vielschichtig wie bereichernd.

Ein Bezug zur phänomenologischen Dimension der Aufstellungsarbeit ist im Grunde jederzeit herstellbar. Wenn ich durch den Raum einer Aufstellung gehe und vermittels meiner leiblichen Empfindung in Resonanz gehe, erlebe ich das so, wie Hasse das Erleben einer Atmosphäre beschreibt, hier einer Brache: „In den Bann einer Atmosphäre gerät man im Medium leiblichen Spürens, in aller Regel aber nicht als Resultat einer rationalen Entscheidung und Handlung. In einem atmosphärischen Milieu befindet man sich nicht wie ein Körper im Raum neben anderen Körpern; eher ist man mitihm, wie man in der Sonne, im Regen oder in der Dunkelheit ist. Solche Umgebungen sind deshalb auch nicht ‚ding‘-fest zu machen; [...] Man spürt sie als etwas ‚am eigenen Leib, aber nicht als etwas vom eigenen Leib‘ (S.54). Dies abschließend als Leseeindruck von Hasses Sprache. Mir kommt dieser sensitiv mitschwingende Stil, der poetisch wie analytisch ist, sehr entgegen. In Kombination mit dem weit ausholenden Denken, das auf den illustresten Umwegen immer wieder an seinen Gegenstand anzuknüpfen vermag, scheint es mir das zu sein, was Herrmann Schmitz die „Eichung der Worte an den Phänomenen“ nennt (Schmitz,  1977, S.2). 

Literatur:

Schmitz, H. (1977): Mein System der Philosophie. Absicht - Methode - Grundgedanke. In: Information Philosophie. Lörrach: Claudia Moser Verlag.

 

 

13.07.2020 Rezension von A n n i k a   S c h m i d t

  • Jürgen Hasse, Was Räume mit uns machen - und wir mit ihnen. Kritische Phänomenologie des Raumes. Freiburg 2015, Verlag Karl Alber, ISBN: 978-3495486382

Das Buch ist ein Sammelband über 20 Beiträge von Jürgen Hasse, die zwischen 2002 und 2013 in einer interdisziplinären Auswahl an Fachjournalen erschienen sind. Für diesen Band wurden sämtliche Beiträge nochmals überarbeitet, etwaige inhaltliche Überschneidungen der Kapitel tun dem Werk jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil unterstützen diese, sich auf den phänomenologischen Blick einzulassen und Themen der Vergesellschaftung, der Sozialwissenschaften und der Stadtforschung aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Auch wenn sich die Beiträge zu thematischen Schwerpunktgruppen zusammenfassen lassen, haben doch alle eins gemeinsam: „[Sie] widmen sich jener Schnittstelle, an der Menschen mit Räumen in Berührung kommen.“ (12) Und das macht dieses Buch so wertvoll für das Leiten von Aufstellungen: Ausgehend von der (neuen) Phänomenologie widmet sich Hasse in den Beiträgen einer Ontologie der Wahrnehmung des Raumes oder besser des Räumlichen sowie von Atmosphären und Stimmungen, deren Produktion, Funktion und Wirkmacht. Der Grundannahme folgend, dass sich jedes Verstehen von Situationen „in einer kognitiven und einer affektiven Dimension“ (34) vollzieht, spürt er der pathischen Verflochtenheit in Geschehen, Systemen und räumlichen (An)Ordnungen nach.

Dabei versucht er eine Sprache zu finden, für leibliche Regungen und Empfindungen, ganzheitlich wahrgenommene Eindrücke, die in Worte zu fassen wir nicht gewohnt sind. Hier zieht Hasse auf beachtliche Weise eine Querverbindung zu Heideggers Begriff des Wohnens als handelnd-aktive Raumaneignung sowie pathische Teilhabe am mitweltlichen Geschehen und Foucaults Technologien des Selbst. Auf diese Weise fordert er ein „zu übende[s] Sprechen-können über das eigenleibliche Befinden in (persönlichen, gemeinsamen und gesellschaftlichen) Situationen“ (19), was zu einer differenzierteren Wahrnehmung (insbesondere von Atmosphären und Stimmungen) und einer selbstbestimmteren Lebensgestaltung beitragen solle.

Alle Beiträge zielen auf eine Vielperspektivität des Räumlichen, einer wahrnehmenden Ergänzung unseres mathematischen Lageraums berechenbarer Abstände und Positionen um weitere vielschichtige, qualitative statt quantitative Dimensionen (z.B. Gefühls- und Stimmungsqualitäten, die zwar räumlich ausgedehnt sind, diese Ausdehnung jedoch nicht berechnet und physisch klar umgrenzt werden kann). Als em. Professor für Humangeografie liegt sein Schwerpunkt zwar auf der Stadtforschung, sodass sich auch seine Beispiele vornehmlich auf das Erleben und atmosphärische Wahrnehmen des Städtischen beziehen; dennoch ist es ein Leichtes, diese Bezüge auf andere Formen des Räumlichen – wie den (ge-stimmten) Raum einer Aufstellung – zu übertragen. Dies wird meines Erachtens besonders an folgendem Zitat deutlich, das auf ganz eigene Weise den Kern der Aufstellungsarbeit erfasst:

„Das Denken der verschiedenen Formen des Räumlichen ist eine Grenz-Passage. Auf ihr werden die Berührungen zwischen mathematischem, symbolischem, sozialem, leiblichem und situativem Raum nach-denkend bewusst. Diese Grenzen verwandeln sich dann in Nähte, die geöffnet und wieder geschlossen werden können, auf dass sich das Individuum in der Nach-arbeitung seiner subjektiven Weltverwicklungen (denkend und nachspürend) mit sich selbst konfrontiert sähe.“ (42)

Hasse gelingt es auf einmalige Art, in einfach verständlichen Worten komplexe Theorien in alltagsweltliche Kontexte zu überführen und so einen Zugang zum nachspürenden Erleben, Wahrnehmen und Reflektieren leiblicher sowie atmosphärischer Räumlichkeit zu erlangen.