Online Constellations – wie Aufstellungen virtuell gelingen

Romy Gerhard

von Romy Gerhard

Ende Februar 2020 war die Welt noch in Ordnung. Mit 24 Teilnehmenden hatten wir in Zürich gerade ein sehr lebendiges und inspirierendes Startmodul unseres neuntägigen Lehrgangs in Business Constellations (Gerhard, R. 2014) erlebt. Zwei Wochen später kam der Lockdown wegen Corona. Unser Vermieter teilte uns umgehend mit, dass in seinen Räumlichkeiten weder das geplante 3-Tages-Seminar im April, noch jenes im Juni stattfinden könne.

Für mich war klar, dass ich mit dieser energievollen Gruppe im geplanten Zeitrahmen weiterarbeiten und den Lehrgang durchführen wollte. Ich witterte die Chance, endlich Seminare online durchführen zu können. Schon seit einigen Jahren befasste ich mich nämlich mit Möglichkeiten und Tools, um Aufstellungen auch virtuell erlebbar zu machen. Gründe dafür waren einerseits, dass ich aus Amerika, China und anderen entfernten Ländern für Konstellationen angefragt wurde. Andererseits halte ich mich selbst oft im Ausland auf und bin froh, wenn ich mich fern meines Büros auch mit meinen Beratungskunden und Seminarteilnehmenden professionell verbinden kann. Durch digitale Tools versprach ich mir also noch mehr Unabhängigkeit bei Aufstellungen, Coachings und Prozessbegleitungen aller Art.

Beim zweiten Modul des Lehrgangs war geplant, Prof. Dr. Georg Müller-Christ mit einzubinden und das Thema Erkundungsaufstellungen (2019) zu vertiefen. Mein Kollege war sofort bereit, sich auf Online-Aufstellungen einzulassen, auch wenn dies damals noch weitgehend neu für ihn war. Durch unsere langjährige Zusammenarbeit war ein schönes Grundvertrauen entstanden und ich zählte darauf, dass es mit Georg und gemeinsam mit dieser ganz besonderen Seminargruppe gelingen könnte, ein richtig tolles Online-Erlebnis für alle Teilnehmenden zu schaffen.

Die passenden Tools für den Start

Dafür investierte ich in den folgenden Wochen einiges. Ich vertiefte alle mir bekannten Online-Tools, wägte Vor- und Nachteile ab, tauschte mich mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen aus und prüfte, welche Methoden sich gut eignen könnten. Ein Mix aus 2D- und 3D-Anwendungen erschien mir sinnvoll. Unter zweidimensionalen Anwendungen verstehen wir alle Varianten, bei denen ein «flaches» Bild zu sehen ist – bei dem also die Kamera fix ausgerichtet ist (wie bei Zoom, Skype, Teams, Jitsi, etc.) oder der Blick auf eine feste Arbeitsfläche gerichtet ist (Powerpoint, Google Docs, Mural, Miro, Padlet, etc.).

Abb. 3: Bildschirmfoto einer Aufstellung mit dem Tool von Romy Gerhard

Anders ist das bei dreidimensionalen Anwendungen: hier spielen räumliche Vorstellungen eine Rolle. Mit entsprechenden Tools kann jeder Mitwirkende die Perspektive von unterschiedlichen Elementen direkt einnehmen, und das System aus den jeweiligen Blickwinkeln individuell erleben (Online Constellation Board, virtuelles Systembrett, LPScocoon, früher auch Coaching Spaces, etc.).

Abb.3: 3D-Constellation Board

Beliebt sind zudem virtuelle Lern- und Arbeitswelten, welche mit Avataren betreten werden. Aufstellungen können darin entweder im Gruppensetting, oder zu zweit sowie in Kleingruppen im Coaching-Kontext durchgeführt werden (TriCAT spaces, AULA, ProReal, etc.).

Nun begann ich, einige der Tools, die mich faszinierten, in kostenlosen Online-Meetings einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Mich interessierte, wie sie ankamen und wie gut Profiaufsteller damit zurechtkommen würden. So experimentierte ich mit Varianten von Google-Docs und erkannte in einigen Veranstaltungen, dass Aufstellungen auf diese Weise zwar gut funktionieren, dass es aber nicht jedermanns Sache ist. Sich in ein zweidimensionales Element hinein zu versetzen und wirklich einzulassen, braucht für manche etwas mehr Vorstellungsvermögen und Bereitschaft, als bei dreidimensionalen Tools. Ich begann also auch, einige dreidimensionale Anwendungen live zu testen mit geübten Aufstellern.

Sehr gut gefiel mir das deutsche Produkt TriCAT spaces, welches mit Avataren betreten wird. Es wurde zwar eher für technische Anwendungen gebaut und ist deshalb bei Großkunden sehr beliebt – aber es lässt sich darin genauso gut für Konstellationen verwenden. Gemeinsam mit Spezialisten von TriCAT, sowie spezialisierten Online-Trainern bot ich die ersten Kennenlern- und Erkundungs-Sessions für Aufsteller an. Innerhalb von kurzer Zeit konnten wir die Anwendung rund 150 Aufstellern nahebringen konnten. Doch es gab auch Herausforderungen: Um überhaupt mit dieser 3D-Anwendung arbeiten zu können, muss zuerst ein Programm lokal auf den eigenen Rechner heruntergeladen und installiert werden. Nicht alle Arbeitgeber lassen das zu. Dann ist der eigene Avatar auszuwählen, zu gestalten (Auswahl von Kleidern und Accessoires), und das Lernprogramm ist zu absolvieren, so dass jeder Teilnehmende die Grundfunktionalitäten beherrscht und sich im virtuellen Raum bewegen kann. Wichtig ist auch, eine Maus und ein Headset zur Verfügung zu haben – ohne Maus wird es schwierig mit den Bewegungen und ohne Headset kommt es für die ganze Gruppe zu lästigen Rückkoppelungen. Erhöhte Schwierigkeiten stellten sich bei manchen Mac-Usern ein, die teilweise froh waren, wenn sie nach mehreren Versuchen das Login schafften. Wer schließlich in der Gestalt eines Avatars die  detailliert ausgestalteten Innen- und Außenräume von TriCAT spaces erkunden und darin aufstellen konnte, war in der Regel sehr angetan von den vielen Möglichkeiten, die diese virtuelle Welt ermöglicht. Um diese Erfahrung möglichst allen Teilnehmenden gewähren zu können, betrieben wir einiges an Aufwand: vor jedem Event mit Avataren verschickte ich mindestens drei Mails mit genauen Erklärungen an die Teilnehmenden, wie das Programm zu handhaben ist, worauf es ankommt, und was unbedingt vor der Session vorbereitet werden soll. Bei jedem Event standen wir zu Beginn mindestens zu zweit bereit, um die Teilnehmenden zu begrüssen, Ihnen den Start zu erleichtern und um ihre Audioeinstellungen anzupassen. Wem das Einwählen nicht gelang, stand meine Telefonnummer zur Verfügung und ich leistete Telefonsupport. Gingen mehrere Anfragen direkt ein, oder konnte ich nicht selber helfen, leitete ich die Teilnehmenden an den kostenpflichtigen Support von TriCAT weiter, der natürlich im Voraus von mir über die anstehende Veranstaltung informiert wurde und darauf vorbereitet war.

 

Abb.4: Aufstellung mit Avataren

Ebenfalls gut besucht waren die zahlreichen Live-Sessions, bei denen ich gemeinsam mit Jürgen Bergauer seine «Digital Constellations» vorstellte und gleich an einem realen Business-Case demonstrierte. Dabei handelt es sich um eine Online-Anwendung, mit welcher Konstellationen digital möglich sind, und zwar so, dass das Computerprogramm selbst den Elementen passende Plätze zugeordnet. Zudem lassen sich Energiefelder sichtbar machen und ausgleichen, Einflüsse testen und entstören, Infos und Sätze testen und einiges mehr. Hierbei zeigte sich relativ oft, dass «klassische Aufsteller» irritiert auf das Tool reagierten. «Wie kann das sein?» - «Woher weiss das Programm das?» - «Wie kann ein Computerprogramm solche Ergebnisse liefern?» bekommen wir oft zu hören. Sie stellten uns also ähnliche Fragen, wie Personen sie stellen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einer „normalen“ Aufstellung beiwohnen. Jürgen Bergauer setzte bei solchen Reaktionen jeweils zu seinen quantenphysikalischen Erklärungsmodellen an: Wenn auf dieser Welt alles mit allem verbunden ist, Energie niemals verloren geht, das Doppelspaltexperiment mit dem berühmten Beobachtereffekt funktioniert – warum sollte es dann nicht möglich sein, sich genau diese Gegebenheiten auch mit Digital Constellations zu Nutze zu machen?

Abb. 2: Bildschirmfoto einer Aufstellung mit dem Tool von Jürgen Bergauer

Aus langjähriger Erfahrung war mir klar, dass es schon allein mit Videokommunikationstools möglich ist, Konstellationen durchzuführen und erfolgreich damit zu arbeiten. Dies ist auch verdeckt möglich, also ohne, dass die Stellvertreter wissen, wen sie repräsentieren. Dazu teile ich die Stellvertreter kurz in einen Gruppenraum um, so dass sie nicht mithören, wenn ich der im Plenum verbleibenden Gruppe das Setting und die Zuordnungen erkläre (z.B. A = Kunde, B = Produkt, etc.). Anschließend hole ich die Stellvertreter ins Plenum zurück und verteile die Rollen. Wer nicht aktiv als Repräsentant beteiligt ist, schaltet seine Kamera aus. Mit entsprechender Grundeinstellung ist es (zumindest bei Zoom) möglich, dass nur noch die Gesichter der beteiligten Stellvertreter zu sehen sind. Diese spüren sich nun in ihre Rollen ein, nehmen sich selbst in ihrem Körper wahr, prüfen ihre Verbindung zu den anderen Rollen, welche sie ja über Bildschirm sehen können. Es ist sehr interessant, die sich verändernden Gesichtsausdrücke zu beobachten und zu erkennen, dass Verbindungen und manchmal ganz intensive Gefühls- oder Körper-Wahrnehmungen sehr wohl möglich sind.

An Tools und gesammelten Erfahrungen damit mangelte es also keineswegs, als ich das erste Online-Seminarmodul im Lehrgang Business Constellations anging. 

Die Vorbereitung

Aus zahlreichen Online-Trainings, die nichts mit Aufstellungen zu tun hatten, war mir allerdings bewusst, dass eine seriöse Vorbereitung wichtig sein würde. Online-Seminare sind anders zu konzipieren und erfordern je eine andere Didaktik wie Methodik als Präsenzseminare.

Das fängt beispielsweise bei der Struktur an. Das Modul war über 3 Tage angekündigt – zwei Tage gemeinsam mit Prof. Dr. Georg Müller-Christ und ein Praxistag ohne ihn. Als erstes teilte ich der Seminargruppe mit, dass das Seminar stattfinden würde, davon zwei Tage an den geplanten Terminen und der Praxistag eine Woche später. Zwei Tage am Stück fand ich für eine Online-Veranstaltung noch zumutbar, mehr Zeit am Computer wäre im Moment auch für mich selber zu viel gewesen. Generell mache ich online die Erfahrung, dass weniger oft mehr ist – also kürzere Sequenzen, diese dafür optimal durchgetaktet, kurzweilig gestaltet, mit Spannungsbogen versehen und immer auch mit einem Teil, in welchem die Teilnehmenden selbst aktiv arbeiten. Die sonst üblichen 1,5 Std. zwischen den Pausen habe ich bei den Online-Veranstaltungen auf 1,25 Std. verkürzt, wobei in dieser Zeit mindestens gleich viele Inhalte Platz finden. Die Pausen dehne ich auf 30 Min. aus, so dass zwischen der Computerarbeit auch ein paar Schritte im Freien Platz finden.

Auf meinen lieben Kollegen Georg kam diesmal ein unerwartet umfangreicher Vorbereitungsaufwand zu. Erstmals seit unserer langjährigen Zusammenarbeit bestand ich auf eine detaillierte Ablaufplanung. Bei einer online stattfindenden Co-Moderation ist es wichtig, dass beide Facilitatoren vom gleichen Vorhaben ausgehen, dass beide die Übergänge kennen, dass die zu zeigenden Folien in der richtigen Abfolge vorliegen, dass die Übungsanleitungen schriftlich vorbereitet sind, dass Parallelveranstaltungen gut abgesprochen werden, dass verdeckte Aufstellungen bereits codiert vorliegen und vieles mehr. Bei Präsenzveranstaltungen lässt sich mit Blickkontakt und kurzen Absprachen vieles spontan handhaben. Da lassen sich kleine Versäumnisse in der Vorbereitung mit einer Erklärung am Flipchart oder einer Stegreif-Improvisation im Raum fast immer kaschieren. Online ist das anders. In Videokonferenzen wirken sich Vorbereitungsmängel und auch technische Mängel sehr schnell fatal aus. Wenn der Spannungsbogen nicht gehalten werden kann, gehen manche Teilnehmende sofort aus ihrer Präsenz. Wir verlieren einige von ihnen (weil sie sich z. B. mit ihrem Mobile beschäftigen, die Kamera ausschalten, kurz nach ihren Kindern schauen, grad noch schnell eine E-Mail beantworten, etc.) und damit sinken die Konzentration und der Energielevel der ganzen Gruppe. Auch Pünktlichkeit scheint mir online viel wichtiger als sonst. Meine Teilnehmenden sind es gewohnt, minutengenau zu starten und sind dann auch alle da. Würden wir ein- oder zweimal später loslegen, z. B. nach einer Pause, wäre damit zu rechnen, dass Teilnehmende künftig den pünktlichen Beginn weniger wichtig nehmen würden. Es kommt also viel mehr auf das an, was wir vorleben, als auf das, was wir verkünden.  

Was ebenfalls viel Zeit für Vorbereitung brauchte, waren die Sessions, um mit den Tools und Werkzeugen vertraut zu werden. Zuerst war es eine Einzelarbeit, sich z. B. das Programm TriCAT spaces herunter zu laden und sich damit vertraut zu machen. Es folgten ein erstes Meeting zu zweit im virtuellen Raum, dann eine vertiefte Schulung, gemeinsam mit einer TriCAT-Expertin, die sämtliche Detailfragen beantworten konnte, z. B. zum Umgang mit den Mediawalls und dem Handling von Dateien, Raumeinrichtungen und anderen Spezialeinstellungen. Anschließend spannte ich sogar meinen Mann und meine Kinder ein, um gemeinsam mit Co-Facilitator Georg eine Online-Aufstellung im 3D-Raum zu simulieren. Natürlich begegneten wir uns im virtuellen Raum alle als Avatare – zuerst als Johannes, Georg und Romy und gleich anschliessend in einer 3D-Konstellation als Repräsentanten von Wirtschaft, Politik, Corona, etc. Es war da schon sehr interessant! 

Vom ersten Online-Seminar bis zur Online-Konferenz

Nun kam er, der erste Seminartag online. Nicht alle, aber doch die meisten Teilnehmenden ließen sich auf das Online-Experiment ein. Wir starteten mit dem Sinn und Zweck der Veranstaltung, stellten die Agenda vor und holten in einer kurzen Check-in-Runde alle Teilnehmenden ab. Wichtig dabei: es braucht keine lange Vorstellungsrunde – ein kurzes „Wer bin ich, was führt mich hierher, und worauf freue ich mich?“ in 2-3 Sätzen, maximal einer Minute pro Person, reicht vollkommen. Das gibt schon mal den Takt der Zusammenarbeit vor… und führt dazu, dass sich alle auf das Wesentliche konzentrieren. Eine sanfte und bestimmte Moderation von Anfang an ist dabei hilfreich.

In allen meinen Seminaren lege ich Wert auf einen hohen Praxisbezug – auch online. Einer der Grundsätze dabei ist, dass in jeder der 75minütigen Sessions auch praktisch gearbeitet wird. So stiegen wir gleich nach der Check-in-Runde mit einer verdeckten Aufstellung ohne Tools ein, ganz einfach in Zoom (wie oben beschrieben). Dies gelang für viele verblüffend gut, was uns ermutigte, nach der Pause mit Google Docs weiter zu arbeiten. Dabei verwendeten wir ein einfaches, aber zweckdienliches Online-Tool (Gerhard, R. 2020) das ich öffentlich und kostenlos zur Verfügung stelle. Um die Eingewöhnung zu erleichtern, richte ich ganz gerne im Voraus für jeden Gruppenteilnehmer ein eigenes Slide ein. In einer Übersichtsfolie kommuniziere ich die Zuordnung von Teilnehmenden und Foliennummern und stelle den Link zum Tool in den Chat. So kann in Einzelarbeit eine konkrete Fragestellung in Ruhe dargestellt werden. Wer anschließend bereit ist, seinen Praxisfall in einer der parallel stattfindenden Gruppenarbeiten einzubringen, ist herzlich dazu eingeladen. Die potenziellen Stellvertreter sind durch die vorausgegangene Einzelarbeit schon vertraut im Umgang mit dem Tool, was ein zügiges Vorgehen in der Gruppenaufstellung ermöglicht.   

Die theoretischen Impulse sind idealerweise kurz und knackig. Georg hat es bestens verstanden, seine Ansätze auf ein paar wenigen Folien zu beschreiben und die Gruppe damit zu inspirieren. Am Vormittag ganz einfach per Zoom, am Nachmittag dann über die Mediawall in TriCAT, also im virtuellen Raum. Für manche war es eine sehr spezielle Erfahrung, per Avatar in den perfekt gestalteten Coachingräumen oder sogar draußen in der wunderbaren Parkanlage aufzustellen. Beiderorts stehen spezielle Kegel zur Verfügung, welche in Farbe und Größe verändert werden können, und sich sehr gut für Konstellationen aller Art nutzen lassen. Die meisten Teilnehmenden waren begeistert von der Wirksamkeit der dort erlebten Constellations, und schilderten vergleichbare Wahrnehmungen im 3D-Raum wie auch bei Präsenzaufstellungen. Einer Teilnehmenden gelang es allerdings trotz Helpline von TriCAT nicht, mit ihrem Computer bei TriCAT einzuwählen und an diesem Programmteil mitwirken zu können. Für solche Fälle ist es empfehlenswert, eine Alternative vorzubereiten – beispielsweise per Videokonferenz zumindest das Zuschauen zu ermöglichen.

Die Begeisterung nach zwei Tagen war bei allen Teilnehmenden groß. Die Rückmeldungen reichten von „kurzweilig, inspirierend, lehrreich, Lust auf mehr“ bis hin zu „unglaublich, welche Verbundenheit online möglich ist“ und „toll, dass Aufstellungen online ebenso gut funktionieren wie in Präsenz“. Dies motivierte mich, weiter zu machen. Beim Praxisworkshop eine Woche später nahm ich noch ein weiteres wichtiges Tool mit dazu, das Online Constellation Board von Georg Breiner (2020). Georg Breiner nahm meine Einladung an, selbst auch gleich beim Praxisworkshop mitzumachen. Dies freute mich persönlich sehr, und war gleichzeitig aus professioneller Sicht sehr hilfreich; es empfiehlt sich nämlich, grössere Online-Seminare stets mit fachkundiger Begleitung durchzuführen. Georg brachte also seinen ersten Prototypen bei unserem Praxistag ein, nachdem er mich von Anfang an in seine Tool-Entwicklungen einbezogen hatte, die er in der Corona-Zeit enorm beschleunigte. Den Teilnehmenden gefiel schon die erste Anwendung, und sie brachten weitere Wünsche ein. Mein lieber Kollege Georg Breiner ließ in Windeseile weitere Features programmieren, und bereits kurze Zeit später, beim Seminar Purpose Constellations, war es u.a. möglich, jeden erdenklichen Perspektivenwechsel ganz einfach per Doppelklick durchzuführen. Es war sehr eindrücklich, als die Teilnehmenden in einer Übung ihrem Purpose (höheres Selbst, Bestimmung, Existenzgrund, Sinn und Zweck…) direkt begegnen konnten, und anschließend in die Rolle ihres Purpose wechseln, und aus dieser Perspektive auf sich selber schauen konnten.

Ich begann, neben den kostenlosen Kennenlern-Sessions, nun auch vertieftere Schulungen für Aufsteller anzubieten, so z. B. die Möglichkeit, in einem halben Tag ein Grundverständnis für TriCAT spaces zu bekommen, in drei mal zwei Stunden die Digital Constellations oder auch TriCAT spaces für seine eigenen Beratungen, Coachings und Workshops zu nutzbar zu machen. Profis wie der Toolentwickler Jürgen Bergauer oder die Online Expertin Sandra Dundler (2019) brachten ihr Expertenwissen mit ein. Vorgesehen sind zudem Seminare, bei denen Aufsteller einige der gängigen Tools kennenlernen und selber anwenden können.

Es folgten zahlreiche weitere Online-Veranstaltungen mit Teilnehmenden meist aus Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz, ab und zu aber auch aus Holland, Frankreich, Spanien, Brasilien und China. Bei Seminaren und Praxisworkshops bewegten sich die Gruppengrößen meist zwischen 15 – 20 Teilnehmenden. Bei den Online-Meetings «We discover Purpose» waren mehrmals um die 50 Teilnehmende mit dabei, und bei der Konferenz zum gleichen Thema Ende Juni waren es bereits über 60 Mitwirkende, die per Zoom zusammen kamen. Sehr gut vertreten waren dabei Verantwortliche aus der Wirtschaft, viele davon Geschäftsleitungsmitglieder. Ein gutes Dutzend Kunden und ebenso viele Facilitatoren stellten ihre Business-Cases mithilfe von Google Docs, Online Constellation Board, Digital Constellations und TriCAT spaces auf. Darunter auch namhafte Firmen wie W. L. Gore, Universal Music, Schweizerische Bundesbahnen SBB, oder die Südtiroler Informatik AG SIAG. Die Themen waren auch nicht ohne – beispielsweise durfte ich „Die WTO sucht einen neuen Generaldirektor“ aufstellen, mit Einflussfaktoren von Amerika bis China. Sehr spannend! 

Die Erkenntnisse

Klar ist, dass Konstellationen online genauso gut möglich sind wie offline, und dass wir vom Resultat her keine Unterschiede feststellen konnten. Gewisse Anwendungen sind online sogar geeigneter, insbesondere durch die Vielfalt und die Vorteile einiger der bereits heute zur Verfügung stehenden Tools (viele weitere sind gerade in Entstehung). Außerdem fällt die Dokumentation online sehr leicht (Aufzeichnung per Video). Ein enorm großer Vorteil liegt zudem darin, dass Aufstellungsinteressierte aus der ganzen Welt ohne Reisezeit, ohne Fahrt- und Übernachtungskosten und ohne externer Verpflegung an Seminaren, Workshops, Coachings und Konferenzen teilnehmen können und sich kulturübergreifend austauschen können.

Ganz besonders freut mich, dass eine sehr lebendige Community entstanden ist, die selbstorganisiert mit den unterschiedlichen Tools experimentiert und sich in Intervisionen austauscht. Gemeinsam erschließen wir uns weitere Anwendungsfelder. Ich bin sehr gespannt, wo uns diese Entwicklungen noch hin führen, denn ich bin überzeugt, dass wir erst am Anfang einer größeren Bewegung stehen. 

Literatur

Romy Gerhard ist Organisationsforscherin, Spezialistin für Online Constellations und Expertin für Purpose Constellations. https://radicalbusinessinnovation.com. Zugriff am 27.07.2020

Kommentare

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Kommentar von Wolfgang Ochsenhofer |

Hallo Romy,
vielen herzlichen Dank für diesen Bericht und das Teilen Deiner Erfahrungen.
Ich durfte ja selbst bei einingen online Aufstellungen dabei sein und habe es jedes mal sehr spannend und lehrreich empfunden.
Ist jetzt natürlich besonders spannend auch noch Deine (HIntergrund-) Sicht der Dinge zu lesen.
mit besten Grüßen aus Salzburg
Wolfgang Ochsenhofer