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Zwischen Widerstand und Opportunismus in Ost und West

Gedanken zum Workshop mit der Formataufstellung "Wertequadrat" am 10. Nov. 2019 in Naumburg

von Dr. Manfred Ziepert

Hintergrund

Als Sohn eines Pastors und bekennender Christ war es mir in der DDR vergönnt, 1975-80 Medizin studieren und anschließend die Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie absolvieren zu können. Ohne wohlwollende Förderer und Zugeständnisse meinerseits wäre dies nicht möglich gewesen: Jungpioniere, FDJ (Freie Deutsche Jugend – Jugendorganisation der staatstragenden Partei SED), Grundwehrdienst bei der NVA (Nationale Volksarmee). In Jena, meiner Heimatstadt, gab es auch einige Oppositionelle, die nach wenigen Jahren ihrer Aktivität jedoch in den Westen abgeschoben wurden. Ich musste entscheiden, wie weit Anpassung und Kompromissbereitschaft gehen, um bestimmte Ziele erreichen zu können. Mitgliedschaft in der SED, Abbruch der Beziehungen zu den Verwandten im Westen oder gar Mitarbeit in der „Stasi“ waren für mich undenkbar. Damit kam bspw. eine Karriere als Hochschullehrer nicht infrage. Dazu konnte ich stehen – ohnehin war es mein Ziel, als Arzt arbeiten zu können.

Aber ich fühle bis heute den inneren Zwiespalt zwischen Anpassung und Widerstand – ich bewunderte die „Dissidenten“, war andererseits durch die DDR-Propaganda ein Stück weit beeinflusst. Ich wollte kein Märtyrer oder Widerstandsheld werden, sondern in der DDR etwas bewegen. Manchmal sagte oder tat ich Dinge aus Anpassung heraus, für die ich mich heute schäme, mitunter tat oder sagte ich auf naive Weise etwas, was mich hätte Studium und Beruf kosten können. Um mich herum erlebte ich das ganze Spektrum vom „dunkelroten“ Karrieristen oder Stasi-Spitzel auf der einen und dem kompromisslosen Widerständler auf der anderen Seite, der Studium und Beruf vergessen konnte und sogar ins Gefängnis ging. Ebenso verschieden waren die Haltungen gegenüber den Konsequenzen des eigenen Tuns – Widerständler, die angesichts erlebter Restriktionen und Strafen gelassen und fröhlich blieben, bis hin zu denen, die sich als Opfer des Systems sahen und die auch nach der Wende sich als nicht hinreichend gewürdigt und entschädigt erlebten.

Auf der anderen Seite die Opportunisten bzw. sehr systemnahe Leute (auch aus ehrlicher Überzeugung heraus!), deren Haltungen von totaler Verleugnung („ich habe doch niemandem geschadet“) bis hin zu ehrlicher, öffentlicher Aufarbeitung reichten (Letztere waren nach meinem Eindruck deutlich in der Minderheit). Nicht vergessen sei dabei der Zwiespalt, in dem die Opportunisten oder gar Mittäter oft lebten. Typisches Beispiel – ein „junger Wilder“ versucht, „Republikflucht“ zu begehen, wird gefasst, Haftstrafe droht, die Zukunft liegt in Trümmern – aber es winkt „Wiedergutmachung“, nur ab und an ein paar Hinweise, die helfen, den „Friedensstaat DDR“ sicherer zu machen, und wer wäre denn nicht für den Frieden? Also – vom Systemgegner zum „IM“ konvertiert. Erleichterung und zugleich – wenn auch teils verdrängt – permanente Gewissensbelastung und Angst, aufzufliegen – noch verschärft in der Wendezeit und die Jahre danach (gibt es meine Akte noch, werde ich am Pranger stehen und meine berufliche Anstellung verlieren?). Teils noch schlimmer war die Entwurzelung derer, die sich aus Überzeugung ans System verdingt hatten, bspw. Mitarbeiter an philosophischen Fakultäten der Universitäten, die natürlich „rot“ indoktriniert waren. Die Folge – Zusammenbruch des Weltbildes, an das sie geglaubt hatten, Verlust der Arbeit, Verlust des sozialen Ansehens bis hin zu erlebten Feindseligkeiten. Existenzielle Entwurzelung eben. – Aber es gab auch die Cleveren, gut Vernetzten und Machtbewussten, die sich dem neuen System blitzschnell anpassten und binnen kurzer Zeit wieder als Fett auf der Suppe schwammen und die von denjenigen, die sich schon in der DDR und dann auch in der Wendezeit zu kurz gekommen sahen, mit Wut, Verachtung und Ohnmacht angeschaut wurden; jene fühlten sich dann umso mehr als Opfer.

Widerstand und Anpassung

Nach der Wende konnte ich dann Erfahrungen mit dem anderen System machen. Plötzlich standen mir alle Türen offen. Ein Professor der Neurologie, der als Stasi-Offizier aufflog, buckelte und schleimte plötzlich mir gegenüber. Selbst Chefarzt zu werden, war kein Problem mehr, zumal mein vorheriger Chef (der mir keineswegs unsympathisch war) über seine Stasi-Akte stolperte, worauf dessen Stelle frei wurde. Das Krankenhaus, an welchem ich arbeitete, befand sich zunächst in Trägerschaft des Landes Thüringen, wodurch die Gestaltungsmöglichkeiten, auch dank einer guten Kommunikationskultur am Hause und Befreiung von der DDR-Mangelwirtschaft, besser waren als zuvor. Mit Verkauf des Klinikums an den Asklepios-Konzern konnte ich dann jedoch die Auswirkungen des Kapitalismus eingehend studieren, auch wenn er zunächst auf leisen Sohlen daherkam; man wollte ja all denen den Argwohn nehmen, die das privatisierte Haus unter die Lupe nahmen. Mit den Jahren verlagerte sich der Fokus immer deutlicher weg von qualifizierten Mitarbeitern, Kreativität, Gestaltungsfreiheit und Patientenwohl hin zu Profitmaximierung. Wenn die Zahlen nicht stimmten, wurde die Geschäftsführung derart nervös und baute einen solchen Druck auf, dass Mitarbeiter des Klinikums wählen mussten, ob sie im Zwiespalt zwischen Patientenwohl und Profit weitermachen oder besser gehen sollten. Der Zwiespalt zwischen Widerstand und Anpassung, der sich damit auftat, war in meinem Erleben nicht geringer als in der Zeit der DDR. Zunehmend fand eine negativ-Auslese statt; die widerständigen Chefs und Mitarbeiter gingen (wenn sie konnten), die Opportunisten blieben. Widerständig zu bleiben, kostete zu viel Kraft, zumal die Verträge so gestrickt waren, dass die Kaufleute sich von den unbequemen Chefs relativ problemlos trennen konnten. Zu gehen, bedeutete aber, das, was man unter großem Einsatz mit aufgebaut hatte, und damit auch viele liebgewonnene Mitarbeiter, zurücklassen zu müssen, was für mich (ich ging Ende 2007) äußerst schmerzhaft war.

Loyalitätskonflikte zwischen Anpassung und Widerstand, in Ost und in West, vor und nach der Wende. Nach meiner Erfahrung sind sie ähnlich tiefgreifend und brisant. Vieles hat Spuren hinterlassen, wirkt nach – Menschen, die sich bis heute als Opfer erleben und verbittert sind, ebenso Menschen, die sich bis heute schuldig fühlen und immer noch fürchten, als Mittäter, Stasi-Spitzel etc. angeschaut zu werden.

Widerstand, der harte Konsequenzen nach sich zog, steht im Spannungsfeld zwischen „Heldentum“ und „Verbitterung, vergessen werden“, Opportunismus schwankt zwischen „Gewinn für mich und andere“ und „Scham, Schuld, Verrat“. Haltungen und Bewältigungsmöglichkeiten in diesen Spannungsfeldern stehen im Kontext biographischer Prägungen.

Eine gute Möglichkeit, betroffene Haltungen und Werte zu reflektieren, ist das Wertequadrat (nach Friedemann Schulz von Thun). Dieses soll während des von mir geleiteten Workshops auf der DGFS-Tagung „30 Jahre Mauerfall“ bevorzugt zum Einsatz kommen.

Formataufstellung mit dem Wertequadrat

Therapeutisch arbeite ich mit diesem Modell bereits seit den 90er Jahren; seit ca. 10 Jahren integriere ich es auch in meine Aufstellungsarbeit. Faszinierend daran ist, dass jeder innere wie äußere Konflikt, auch Konflikte zwischen Gruppen und Völkern, auf genial einfache und doch differenzierte Weise dargestellt und verstehbar gemacht werden können – einschließlich angemessener Lösungen.

Grundgedanke ist, dass jeder Wert einen Gegenwert braucht, um nicht ins Extrem und damit in eine Untugend abzugleiten. Ein Beispiel: Die Balance zwischen Großzügigkeit und Sparsamkeit. Beide brauchen einander. Wer nur großzügig ist, ist eben nicht mehr großzügig, sondern verschwenderisch. Wer nur sparsam ist, ist eben nicht mehr sparsam, sondern geizig. Das entsprechende Wertequadrat sieht aus wie folgt:

Das Thema „Widerstand und Opportunismus“ stellt bereits das Wertepaar dar, dem wir uns auf dem Workshop nähern wollen. Es geht einerseits um Anpassung und Kooperation, die es ermöglichen, zugehörig zu sein und damit für sich und andere Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu bewahren, andererseits um Abgrenzung und Widerstand, um die eigene Autonomie zu wahren und damit sich selbst, die Umwelt und das, wofür man steht, nicht zu verraten und zu konterkarieren. Dabei ist es ebenso wichtig, zu den Konsequenzen stehen zu können, die Anpassung und Widerständigkeit nach sich ziehen. Die damit assoziierten Extreme/Untugenden sind einerseits Abhängigkeit i.S. von gewissenloser, fanatischer Gefolgschaft und Mittäterschaft und andererseits Feindseligkeit/Verteufelung der Gegenseite und damit blinde, fanatische Opposition, die keine Zwischentöne mehr kennt und ihrerseits Gefahr läuft, Unrecht zu begehen. Das entsprechende Wertequadrat sieht aus wie folgt:

Aber gleich, wie gut oder schlecht dem Einzelnen die Balance zwischen diesen Tugenden oder Untugenden gelungen ist, kommt es auf zwei weitere Wertepaare an, nämlich um die Art und Weise der Bewältigung des Vergangenen.

Im Umgang mit Schuld und Versagen ist es wesentlich, eine gute Balance zu finden zwischen „eigene Schuld, eigenes Versagen eingestehen“ und „sich mit sich selbst und anderen aussöhnen“. Dazugehörige Untugenden, die das Leben einschränken oder gar zerstören, sind „ewiger, lähmender, angstbesetzter Schuldkomplex“ oder aber „totale Verleugnung“.

Wer hingegen im Widerstand Benachteiligung, Unrecht und Leid erfahren hat, tut gut daran, im Umgang mit seinem Schmerz einerseits mit Augenmaß um Ausgleich/Entschädigung zu kämpfen und andererseits loslassen und trauern zu können im Hinblick auf das, was nicht mehr zu ändern ist. Dazugehörige Untugenden hingegen sind „ewiger, aussichtsloser Kampf gegen erlittenes Unrecht“ und „verbitterte Resignation“, in welcher man sich dauerhaft als Opfer erlebt.

Es geht in diesem letzten Wertequadrat also auf der rechten Seite um den kämpferischen (aktiven) und links um den erduldenden (passiven) Umgang mit erlittenem und fortbestehendem Schmerz. Ob der Betroffene sich in der Balance der Tugenden (oben) oder im Zwiespalt der Extreme (unten) wiederfindet, hängt von seiner Haltung ab: Die Bereitschaft loszulassen ermöglicht sowohl maßvollen Kampf als auch heilsame Trauer, während das kompromisslose Festhalten an „absoluter Gerechtigkeit“ in den Zwiespalt hineinführt, entweder immer weiter fanatisch kämpfen zu müssen oder in Resignation, Verbitterung und Opferrolle hineinzugeraten, wenn die Kräfte und Möglichkeiten versagen.

In welch guter Balance der Tugenden oder in welchen Extremen sich der Einzelne wiederfindet, will immer auch im biographischen Kontext verstanden und, wo nötig, geheilt werden. Kennzeichnend ist hierbei, dass auf der Ebene der Extreme stets ein Zwiespalt vorliegt, meist zwischen einem bevorzugten und einem vermiedenen Extrem (der „ewige Kämpfer“ bspw. fürchtet hinter jedem Loslassen erneuten „Triumph seiner Feinde“ und damit „immer bin ich das Opfer“). Da die Gegenseite (heilsame Trauer, Trost, Frieden finden) jedoch ebenfalls ein natürliches Bedürfnis ist, sehnt er sich klammheimlich danach, kann es aber nicht zugeben. Folgende Phänomene sind im Umgang mit dem Zwiespalt der Extreme zu beobachten:

  • Kippen ins andere Extrem, wenn die vermiedenen Bedürfnisse sich zu stark zurückmelden, oder gar Pendeln zwischen zwei Extremen.
  • Spiel in geteilten Rollen (Geizkragen heiratet verschwenderische Frau); das vermiedene Bedürfnis wird an den Partner delegiert. Das führt meist zu einer unglücklichen Beziehung, die aber zugleich nicht aufgegeben werden kann.
  • Feindselige Projektion: Was man bei sich selbst nicht zulassen kann, wird umso wütender beim anderen bekämpft. Man ist also ständig mit dem vermiedenen Bedürfnis beschäftigt, ohne dass man es vor sich und anderen zugeben muss.

Verstehen und Heilung: Ein wichtiger Schritt ist, sehen und fühlen zu können, wodurch der Zwiespalt der Extreme entstanden ist, also deren Sinn zu ergründen. Dazu gehören zwei Fragen:

  • Welchen Gewinn, welche Bestätigung erreichte der Betroffene durch das bevorzugte Extrem? (Bspw.: „Nur im Kampf fühlte ich mich wahrgenommen.“)
  • Welche Verletzungen führten dazu, das andere Extrem nie wieder erleben zu wollen? („Im Erdulden fühlte ich mich immer gedemütigt und unterlegen.“)

Über heilsame Verarbeitung der kindlichen Verletzungen und Stärkung der Ressourcen des Erwachsenen kann es ermöglicht werden, schrittweise die Ebene der Extreme zu verlassen und in die Balance der Tugenden zu gelangen.

Ziel des Workshops ist, gemeinsam an Fallbeispielen aus den Biographien der Teilnehmenden aufzuzeigen, welche existenziellen Kräfte in uns und um uns her an diesen Konflikten beteiligt sind und wie die widersprüchlichen, gegensätzlichen Strebungen und Verletzungen gesehen, gewürdigt und ausgesöhnt werden können.

Verwendete Literatur: Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden Bd. 1-3. Rowohlt Verlag 2014.

Dr. Manfred Ziepert, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Jena

Zur Veranstaltung "30 Jahre Mauerfall"


Kommentar von Rica Rechberg, 13.06.2019

In Vorbereitung auf die Konferenz die im November  stattfindet freue ich mich auf diesen Artikel gestoßen zu sein. Mir erscheinen die Formataufstellungen mit dem Wertequadrat  äußerst einleuchtend und eine außer ordentlich gute Vorlage um von außen auch auf die inneren Beweggründe beziehungsweise Standpunkte zu schauen. Bin sehr gespannt darauf in wie weit sie helfen können die Vergangenheit zu integrieren,  Loyalitäten zu verstehen und  eventuell extremen Standpunkte zu verlassen… sowie mit sich selbst Frieden zu schließen.

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