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Was das Virus uns sagen will? Kritische Betrachtungen zur Aufstellungsarbeit in der Coronakrise

Bertold Ulsamer

Gern möchte ich einige Gedanken zur Diskussion zu einem heiklen Thema vorstellen. Es geht um Aufstellungen zu Themen um das Coronavirus.

Ich habe einige Grundhaltungen, aus denen heraus ich pointiert und thesenhaft schreibe, so dass Kollegen und Kolleginnen, die anders arbeiten vielleicht ebenso klar antworten können. Natürlich sind das alles nur meine Konzepte und mir ist bewusst, dass kein Konzept die ganze Wirklichkeit umfassen kann.

 Sind Aufstellungen an sich heilsam? 

Viele Aufstellungen haben in den letzten Jahrzehnten eine kraftvolle und heilsame Wirkung gezeigt. Deshalb hat sich an manchen Orten der Aufstellerwelt ein Mythos ausgebreitet, dass Aufstellungen per se, aus sich heraus, heilsam sind. Da gibt es das „wissende Feld“, dem wir alle vertrauen und dieses Feld sorgt dafür, dass jede Aufstellung zur Bereicherung wird. Ich tue also allein schon dadurch Gutes, indem ich eine Aufstellung – in welcher Form auch immer – zu einem Thema wie dem Virus leite.

Ich habe eine andere Auffassung: Aufstellungen können auch jemand in illusionären Vorstellungen bestätigen oder abstruse Ideen unterstützen. (Ich muss gerade an eine Experimentiergruppe einer der letzten großen Kongresse denken. Diese Gruppe soll die Lottozahlen der Ziehung des nächsten Wochenendes aufgestellt haben. Weil ich dann nie von irgendwelchen Millionären in der Aufstellungsszene erfahren habe, vermute ich, dass keine tragfähigen Ergebnisse herausgekommen sind ...)

In der Geschichte der letzten Jahrhunderte haben immer wieder Pandemien und Seuchen stattgefunden. Und die Menschheit hat schon immer mit Angst, Panik und Verschwörungstheorien reagiert.

Letztendlich konfrontiert uns das Coronavirus mit der Tatsache unserer Machtlosigkeit und unserer Sterblichkeit. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit, an den Tod, der uns früher oder später alle ereilt, wird in normalen Zeiten verdrängt. Dazu nutzen wir die sog. „Terrormanagement-Strategien“, die uns automatisch von den Gedanken ablenken. Empfehlenswert ist dazu das Buch von Sheldon Solomon (2016).

Die Coronakrise durchbricht jedoch die üblichen Verdrängungsmechanismen. Somit stellt das Virus uns vor besondere Herausforderungen. Das vorherige Alltagsverhalten ist nicht mehr möglich. Es gibt Kontaktverbote, Maskenpflichten und vieles mehr. Gefühle wie Angst, Wut, Verlassenheit tauchen auf, weit intensiver als sonst, müssen bewältigt werden und brauchen unterschiedlichste Unterstützung. „Es ist eben nicht die vielfach überschätzte Willenskraft, die ausschlaggebend dafür, ob jemand seine Ängste überwindet.“ (Ulsamer, 2020) Auch das eigene Selbstbild kann sich ändern. Wer bin ich in Zeiten einer solchen Krise? Welche Seiten zeigen sich in mir, die mir vorher wenig oder gar nicht bekannt waren? (Ich erwähne nur das Hamstern von Klopapier.)

Aufstellungen als Weg zu einer erwachseneren Sicht der Welt

Mir scheint in einer solchen Zeit sinnvoll, sich den Herausforderungen zu stellen und so “reifer” zu werden – damit meine ich, weitere Schritte zu einer erwachsenen, realistischen und angemessenen Haltung zum Leben zu gehen. Aufstellungen können eine hervorragende Unterstützung dazu bilden. Sie können zur Erforschung von Dynamiken im Hintergrund dienen und so neue Verbindungen und Erkenntnisse vermitteln. Innerpsychische oder gesellschaftliche Strukturen werden so bewusster. Politiker lassen sich aufstellen, Bevölkerungsgruppen oder die emotionalen Dynamiken von Wut, Angst und Verwirrung angesichts des Virus.

Aufstellungen vermitteln auf der persönlichen Ebene dem Einzelnen Erkenntnisse, wie er mit seinen Problemen in der Krise umgehen kann. Sie können ihn unmittelbar mit den persönlichen Ressourcen verbinden. Sie sind darüber hinaus besonders wirkungsvoll, Energien von bisher ausgeblendeten Themen zu zeigen.

Was habe ich bisher nicht gesehen oder vermieden, das mir im Weg zu der erwachsenen Sicht steht? Mit was oder wem muss ich dazu in Frieden kommen? Wie kann ich persönlich angemessen mit der Coronapandemie umgehen? Welche inneren Schritte muss ich dazu gehen? Was muss ich loslassen? Wie kann ich das annehmen, was ist? Auf dem Weg dahin wird jemand unsichtbaren Blockaden der Vergangenheit begegnen. Insbesondere tauchen hier auch bisher nicht integrierte Gefühle und Schocks auf. Das sind Gefühle aus der Kindheit oder/und Traumata aus der Vergangenheit der Familie und der Gesellschaft. Die persönlichen Themen sind gleichzeitig auch kollektive und allgemeine Themen.

Inzwischen haben sich viele unterschiedliche Arten und Vorgehensweisen in Aufstellungen entwickelt, ein bunter Blumengarten sozusagen. Deshalb ein paar grundsätzliche Ausführungen dazu:

Stimmen die Ergebnisse von Aufstellungen immer?

Ein Vater rief mich an, weil seine erwachsene Tochter verstört nach einer Aufstellung nachhause gekommen sei. Die Aufstellerin, die in der Szene übrigens dafür bekannt war, dass sie immer wieder solche vergangenen Ereignisse „aufdeckt“, habe in der Aufstellung herausgefunden, dass die Mutter der Klientin von dem eigenen Vater als junges Mädchen geschwängert worden sei und dann abgetrieben habe. Der Mann sagte mir: „Das ist unmöglich. Ich kenne meine Frau seitdem sie 16 ist.“

Meine Erklärung dafür ist: Wenn diese Aufstellung mittels der Stellvertreter „Falsches“  gezeigt hat, dann deshalb, weil sie nicht die Themen der Klientin zeigte, sondern die versteckten Themen der Leiterin. Es ist ja sowieso verblüffend, dass Aufstellungen meist die Familie des Klienten darstellen. Wieso das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Wenn es da Ausnahmen geben sollte, weil andere Energien stärker sind, wundert mich das nicht. Auch auf diese Weise sind die Energien einer Aufstellung wahr. Sie zeigen nur nicht das, was zum Klienten oder zum eigentlichen Thema gehört, sondern es zeigen sich Energien aus dem persönlichen Feld des Leitenden.

These: Je mehr der oder die Aufstellende ein bestimmtes Ergebnis – bewusst oder unbewusst - will, desto weniger „neutral“ ist das, was Stellvertreter mitteilen und spüren.

Das Tragische dabei ist, dass es den Betreffenden nicht klar ist, welche Wirkungen sie ins Feld bringen. Stattdessen fühlen sie sich von den Ergebnissen bestätigt. Auch wenn jemand falsche Vorstellungen der Wirkungsmechanismen von Aufstellungen hat, kann er dadurch Verwirrung erzeugen.

Natürlich kenne auch ich nicht die wirklichen Wirkungsmechanismen. Sie sind für mich nach wie vor geheimnisvoll und nicht wirklich erfassbar. Ich kann sie deshalb nur anhand meiner Erfahrungen griffiger fassen. Wenn jemand andere Erfahrungen hat, kann er gut zu anderen Schlussfolgerungen gekommen sein. Es geht mir hier nicht um eine Vorverurteilung der Erkenntnisse von anderen. Ich stelle nur meine ganz persönlichen Einsichten vor.

Ein Kerngedanke bei meiner Arbeit ist, dass das, was die  Stellvertreter spüren und äußern, nie Fakten sind, sondern dass sie lediglich die Energien wiedergeben, die im Feld dieser Familie spürbar sind.

Wenn eine Stellvertreterin daher in einer Aufstellung zum Mann ihrer Mutter, dem Vater, klar und überzeugt sagt: „Du bist nicht mein Vater!“, dann kann das stimmen – oder auch nicht! Vor Jahren war ich in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz eingeladen, um Aufstellungen vorzustellen. Die Ärzte dort berichteten mir, es seien schon einige Klienten nach Aufstellungen verwirrt bei ihnen eingeliefert worden. Eine Hauptursache der Verwirrung: die Aufstellung habe gezeigt, dass der vermeintliche Vater nicht der richtige sei. Wer ein Aufstellungsbild und Energien in der Aufstellung mit der Realität verwechselt, kann sich und andere verwirren.

These: Je mehr der Aufsteller oder die Aufstellerin die „Wahrheit“ der Ergebnisse einer Aufstellung behauptet, desto wirrer können diese Ergebnisse sein.

Aufstellungen zeigen auch keine faktischen Lösungen, sondern bringen ein inneres Bild nach außen, das dann bei den Zuschauenden Wirkung entfalten kann. Auch das wird immer wieder verwechselt.

Das klassische Beispiel: Die in Scheidung lebenden Eltern wollen in einer Aufstellung herausfinden, bei wem das Kind wohnen soll. Den kleinen Sohn zieht es an die Seite des Vaters. Wie Hellinger es einmal gesagt hat, heißt das nicht, dass es das Beste für das Kind ist, beim Vater zu wohnen. Wenn praktische Gründe dafür sprechen, kann das Kind gut bei der Mutter wohnen. Aber sie hat nun das Bild und Wissen von der Liebe und Sehnsucht und  dem inneren Platz ihres Sohnes. Wenn sie das auf sich wirken lässt und annimmt, dann kann sie dem Kind am besten gerecht werden.

Auch die Stellvertreter von Begriffen (Virus usw.) sagen nicht die “Wahrheit”, sondern spiegeln individuelle oder kollektive Energien. Aufstellungen können also immer eine heilsame Wirkung entfalten, wenn wir sie nicht verstehen wollen, sondern nur das Bild und die Energien auf uns wirken lassen. Verwirrung wird durch den Verstand erzeugt, der das Erlebte be-greifen und einordnen will. Oder auch durch die Leitenden, die die Deutungshoheit übernehmen und erklären, was die jeweilige Aufstellung bedeutet.

Je abstrakter der aufgestellte Begriff, je mehr solcher Begriffe stellvertreten werden, desto verwirrender und abgehobener die Aufstellung. Vielleicht werden die Zuschauenden emotional ergriffen, aber das geschieht auch im Kino, ohne dass der Film persönliche Konsequenzen haben müsste.

Aufstellungen können in den Dienst von Abwehrstrategien gestellt werden. Ich habe diese Benutzung von Aufstellungen in meiner Arbeit mit besonders traumatisierten Klienten entdeckt. Da sitzt die Klientin vor mir und erzählt ein schreckliches Ereignis aus ihrer Vergangenheit. Ich bin überwältigt von dem Schmerz und Leid und spüre meine Hilflosigkeit angesichts des Geschehenen. Ich kann eigentlich gar nichts tun.

Ein instinktiver Reflex in diesem Moment ist es, eine Aufstellung anzuregen. (Wenn jemand ein Therapeut anderer Schulen ist, dann benutzt er die Interventionen seiner Methode.) Statt meine Hilflosigkeit zuzulassen und zuzugeben, komme ich ins Handeln. Damit flüchte ich aus der Konfrontation mit meiner Machtlosigkeit auf für mich sicheres Terrain.

Seitdem mir das bewusst geworden ist, passe ich darauf auf, in einer solchen Situation  n i c h t  aufzustellen. Das Nicht-Weiter-Wissen darf da sein und Raum haben. Erstaunlicherweise geht es danach oft wie von allein in gute Richtungen weiter.

Diese Frage ist also: Wenn ich zum Virus aufstelle – nutze ich das, um irgendetwas zu vermeiden?

Welche bewusste Haltungen und unerledigte Themen das Aufstellen prägen können 

Wie schon am Anfang erwähnt, konfrontiert uns der Coronavirus mit unserer Machtlosigkeit und unserer Sterblichkeit. Das erzeugt eine große Angst. Wir haben uns in der Illusion gewiegt, Kontrolle über unser Leben zu haben. Diese Illusion wird durch das Virus erschüttert. Um uns zu beruhigen, suchen wir die Illusion der Kontrolle durch bestimmte mentale Strategien wieder zu erzeugen.

Ich nenne hier

  • magisches Denken und Größenwahn
  • Verschwörungstheorien

Mein Blick ist vor allem durch Familienaufstellungen geprägt. Die Muster, die dort zu sehen sind, entdecke ich auch in vielen Handlungen und Gefühlen. Deshalb will ich kurz ein paar der familiären Hintergründe der obigen mentalen Strategien nennen. Wobei mir klar ist, dass  ich holzschnittartig simplifiziere.

Magisches Denken

Nach Wikipedia bezeichnet magisches Denken eine Phase der kindlichen Entwicklung (etwa 3 – 5 Jahre), bei der das Kind annimmt, dass seine Gedanken, Worte oder Handlungen Einfluss auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen, solche hervorrufen oder verhindern können.

Dieses kindliche Denken möchte ich klar von der „Magie“ eines Schamanen oder einer Schamanin abgrenzen. Diese haben einen langen Reifungs- und Reinigungsweg hinter sich. Sie sind den persönlichen und den kollektiven Tiefen und Schatten begegnet. Erst danach fühlen sie sich reif genug, andere Menschen zu begleiten.

Kindliches magisches Denken ist anders, es wehrt das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit ab. Das Kind weiß, dass es den Eltern ausgeliefert ist, immer wieder fühlt es sich ohnmächtig. In seiner Not phantasiert es sich als groß und übermächtig.

In Aufstellungen erleben wir zu Beginn eigentlich die meisten Kinder als „groß“. Es gibt da eine bedürftige Seite bei Vater oder Mutter und das Kind springt als Tröster und als Unterstützung ein. Es mag bei Konflikten der Eltern auch als Bundesgenosse auf der Seite des einen stehen. Es fühlt sich verantwortlich für das Unglück der Eltern und phantasiert sich mächtig als Retter oder Retterin, die die Eltern wieder glücklich machen könnten, wenn sie nur das richtige Mittel fänden und brav oder richtig genug wäre. Das ist der ursprüngliche Größenwahn, den wir alle geteilt haben.

Kein Kind kann die Eltern retten. Solange es sich dieser Wahrheit nicht stellt, verlagert es den Wunsch zu retten als Erwachsener nach außen. Bei meinen Eltern ist es mir nicht gelungen – jetzt hole ich es nach! Ich rette nun meine Klienten oder gleich die ganze Welt. Wobei ich mir bei diesen Sätzen als jemand in einem helfenden Beruf durchaus an die eigene Nase fasse.

Der Größenwahn bei Aufstellungen zeigt sich meiner Meinung dann, wenn jemand durch Aufstellungen die Welt/Menschheit/Natur usw. retten, erlösen, befreien will.

Der Wunsch ist nachvollziehbar, der Schmerz und die Sehnsucht dahinter, haben eine große Kraft.

These: Je kleiner und mit wenig Achtung Aufsteller und Aufstellerinnen vor ihren Eltern stehen, desto stärker ist noch der Drang, groß und mächtig als Erwachsene tätig zu sein.

Ich nenne einige Anliegen, die meiner Ansicht nach kindliches magisches Denken zeigen:

  • Was will das Coronavirus mich lehren/der Menschheit zeigen u.ä.?
  • Welche geheimen Gesetze und Verbindungen entdecken wir?
  • Wie verändern wir das Virus?
  • Wie beeinflussen wir die Zukunft?

Verschwörungstheorien

Die Coronapandemie kommt mir manchmal so vor, als ob jemand einen großen Stein weghebt, darunter aus der verborgenen Dunkelheit ganz viel kleines Getier aufgeschreckt wird und im Licht verstört durcheinanderwuselt. (Das habe ich als Kind im Garten meiner Oma immer wieder erlebt.)

Menschen, die bisher ganz normal erscheinen, mitgeschwommen sind in dem breiten Fluss der öffentlichen Meinung, teilen jetzt unerwartete, überraschende und manchmal erschreckende Ansichten mit. Diese unsere Bekannten halten die in den Medien wiedergegebenen Tatsachen und Schlussfolgerungen für verzerrt, entstellt oder bewusst verlogen. Es gibt nach ihnen üble Kräfte, die insgeheim von der Krise profitieren und sie deshalb ausschlachten, verzerren oder sogar erst erzeugen! Und die breite Öffentlichkeit fällt darauf herein. Aber sie, die besonders Wachsamen, erkennen den Betrug, sie vernetzen sich und sie wehren sich. 

Einmal ist es ja so, dass jeder und jede von uns ans eigene Weltbild glaubt. Wir sind alle gleichwertige Menschen, deswegen gibt es keine natürliche Hierarchie der Weltbilder. So wie ich den Verschwörungstheoretiker für verwirrt halte, so hält dieser mich für verblendet. Wir sind beide von unseren Wahrheiten überzeugt. Deswegen will ich nicht hundertprozentig ausschließen, dass vielleicht ich mich irre, weil ich zu konditioniert, zu naiv oder gutgläubig bin. Und ich teile hier so wie der, den ich wahnhaft nenne, mein Weltbild mit.

So halte ich in Bezug auf die Bildung von Verschwörungstheorien die möglichen familiären Ursachen für besonders beachtenswert. Frühe kindliche Enttäuschungen sind der Treibstoff für das Misstrauen gegen heutige Autoritäten. Die ersten Autoritäten für das Kind waren die Eltern. Was in der Beziehung zu ihnen noch ungelöst, sozusagen im Keller versteckt ist, zeigt sich immer wieder im Leben des Erwachsen in der Situation nicht angemessenen Emotionen. Je näher uns etwas auf den Leib rückt, desto unmittelbarer kommen heftige Gefühle nach oben, deren Intensität sich aber nur durch die Erfahrungen der Vergangenheit erklären lassen. Am deutlichsten wird solche Intensität in Partnerschaft sichtbar, dann aber auch im Berufsleben oder in den neuen politischen Strömungen. Und jetzt schafft es die Coronapandemie, alte persönliche Themen zu triggern.

Kein Vater, keine Mutter ist perfekt. Kinder werden von Eltern enttäuscht und hintergangen. Nehmen wir ein banales Beispiel von einem Kind, dem von seinen Eltern jahrelang zur Weihnachtszeit vorgemacht wird, dass das Christkind oder der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Mit der ganzen kindlichen Inbrunst, mit seiner ganzen Liebe und Sehnsucht glaubt das Kind an diese Geschichten. Dann erklärt eine kleine wissende Spielkameradin dem Kind, dass das alles unwahr ist. Das Aufdecken des „Betrugs“ zieht den Boden unter den Füßen weg. „Ich habe so an das Christkind geglaubt und die Eltern haben mich die ganze Zeit angelogen!“

Diese „fromme“ Lüge haben die betreffenden Eltern nur spielerisch aufgefasst, vermutlich weil sie selbst genauso hintergangen wurden. Vielleicht passt hier sogar die Erkenntnis aus der Traumaforschung, dass Opfer später oft zu Tätern werden. Für das Kind wird grundsätzliches Vertrauen zerstört. Dabei ist das ja nur ein uns harmlos erscheinendes Beispiel, weil es so verbreitet ist. Wir haben diese und viele andere Erfahrungen alle weggesteckt. Aber Wunden wirken – auch das wissen wir  zu gut –  im Untergrund weiter.

Zu den eigenen kindlichen Erfahrungen kommen die transgenerationalen Loyalitäten. Da steht bei uns Deutschen vor allem das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Wie viele Deutsche haben begeistert den Traum von der deutschen Herrenrasse geträumt, haben Hitler vergöttert und an den Endsieg geglaubt! Wie groß muss dann die Enttäuschung und der Schmerz beim Aufwachen aus den Illusionen gewesen sein! All das wurde beim Aufbau von Nachkriegsdeutschland weggesteckt.

Aber ist es damit ganz aus der Welt? Wie wir aus zahlreichen Familienaufstellungen ja wissen, nehmen Kinder und Enkel loyal solche Schwingungen auf und leben sie erneut aus. Vielleicht sollte man sich angesichts all dessen wundern, dass nicht noch viel mehr Menschen misstrauisch sind, sich hintergangen fühlen und auf die Straße gehen! Die Coronakrise konfrontiert uns intensiv mit der Tatsache unserer Einsamkeit, unserer Machtlosigkeit und unserer Sterblichkeit.

These: Je mehr jemand sich diesen Themen stellt, desto mehr kommt er in Frieden mit sich selbst, den Menschen, der Welt und dem Virus.

Indem wir uns selbst  als Aufstellerinnen und Aufsteller diesen Themen stellen, können wir durch unsere Arbeit auch andere Menschen dabei unterstützen, dazu beitragen können!

 

Literatur

Solomon, S. ; Greenberg J.; Pyszczynski, T. (2016). Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst. München: Random House.

Ulsamer, B. (2020). Praktische Hilfen gegen die Angst. Was Sie in Zeiten der Krise für sich tun können. Independently published.

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