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Grüne Schwäne – Gutes in der Pandemie

Albrecht Mahr

Ich komme gleich auf den Titel zurück, möchte zunächst aber ein paar Fakten zum Schlechten in der Pandemie benennen, die unbedingt immer wieder gesehen und anerkannt werden müssen.

 

An erster Stelle stehen die vielen Menschen, die ihr Leben durch Covid19 verloren haben.

Der neue US-Präsident Biden hat kürzlich in seiner Antrittsrede ihre enorme Zahl allein in den USA (mehr als 400.000 zum Zeitpunkt seiner Rede am 20.1.2021) benannt: mehr als alle im zweiten Weltkrieg umgekommenen US-Amerikaner.

Und Bundespräsident Steinmeier hat vor wenigen Tagen dazu eingeladen, Kerzen für die vielen Corona-Toten und deren Nächsten ins Fenster zu stellen – eine sehr berührende, und angemessene Geste.

 

Ein zweiter negativer Sachverhalt setzt sich aus den folgenden beiden Elementen zusammen: zunächst einmal die Leugnung der Tatsachen, z.B. wie gefährlich das Virus de facto ist und wie notwendig die AHAL-Regeln sind. 

Und als zweites die Geringschätzung von Wissenschaft als der Disziplin, die der Wirklichkeit und den Tatsachen dient sowie die beunruhigend große Gruppe von Menschen, die diese Leugnungstendenzen vertritt.

 

Und der dritte, womöglich beunruhigendste, negative Sachverhalt, der allerdings schon lange vor Corona virulent war: die enorme Bereitschaft zu gewalttätigen Äußerungen und Handlungen -  besonders schlimm tun sich QAnon-Anhänger hervor, die meinen es gibt bis in höchste Kreise satanische Sekten, die u.a. Kindermissbrauch, das Abschlachten von Kindern und das Trinken des Blutes  dieser ermordete, gefolterten und missbrauchten Kinder, etwa in einem geheimen satanischen Netzwerk von Hillary Clinton, Nancy Pelosi und generell allen Demokraten – die alle müssten exekutiert werden, so QAnon. Einstellungen also, die von Paranoia, Verschwörungsdenken -  „Conspiranoia“, so ein neuer Buchtitel von Daniel Pinchbeck – von Waffen-„Liebe“ und von übelster Hassrede geprägt sind und von der Unmöglichkeit, sich mit ihnen auf einer konstruktiven Meta-Ebene darüber offen auszutauschen.

Wenn man in Wikipedia den ausführlichen Text zu Qanon liest, erscheint das hier eben Skizzierte viel zu harmlos!

Ein Beispiel noch (zu finden z.B. in der SZ 30/31.1.2021) für rechtsradikale, gewaltgetränkte Entwicklungen: Marjorie Taylor Greene, eine der überaus zahlreichen QAnon-Anhänger, die kürzlich zum republikanischen Mitglied des Repräsentanten-Hauses gewählt wurde, die dezidiert die Hinrichtung von Nancy Pelosi und das Erhängen von Obama sehen will und die behauptet, die Schulmassaker (wie Parkland) seien verdeckte Operationen der Anti-Waffen-Lobby gewesen und von Schauspielern inszeniert worden.

Nun also zurück zu meinem Titel: Grüne Schwäre – Gutes in der Pandemie.

Grüne Schwäne – erst einmal ein schöner poetischer Begriffe, das sind Krisen, die nicht durch überwiegend wirtschaftliche Gründe (die werden in der Finanzwirtschaft als „Schwarze Schwäne“ bezeichnet) sondern durch Klimawandel, Naturkatastrophen oder eben Pandemien bedingt sind und dann viele Folgen nach sich ziehen, natürlich dann auch in der Wirtschafts- und Finanzwelt.

Wir befinden uns mit Corona demnach gerade unter dem Einfluss von Grünen Schwänen. Und Grüne Schwäne bringen es mit sich, dass sie in ihren komplexen Folgen unmöglich zu überblicken geschweige denn zu beherrschen sind.

Was also könnte Gutes in einer solchen Situation liegen?

Gutes in der Pandemie – was mag das sein?

Ein paar Stichworte dazu, alles andere als vollständig. Corona betrifft Alle existenziell, und damit ist ein trans-personaler Bereich geöffnet und zugänglich – das Sein – der sonst in aller Regel nicht wahrgenommen wird.

Sein ist auch ein unheimlicher Bereich, der zunächst einmal keine vertraute Struktur hat und mit Erfahrungen von Grenzenlosigkeit und Bodenlosigkeit verbunden wird – ins Bodenlose fallen. Ein gläubiger Freund meinte einmal: „Wir können nicht tiefer fallen als in Gott“ – und für meinen Freund ist das gleichbedeutend mit: „Wir können nicht tiefer fallen als in Liebe“, oder etwas anders gewendet: „Wir können nicht tiefer fallen als in die Bodenlosigkeit göttlicher Liebe.“

Das klingt doch gut. Die Pandemie hält womöglich eine solche Seins-Erfahrung bereit, für Alle, ohne Ansehen der Person. Bodenlosigkeit ruft wiederum ein entsprechendes strukturrettendes Gegensteuern hervor, Rechthaben wollen, Entwertung anderer Meinungen und Menschen, und fundamentalistische Gewissheiten, die unzugänglich für Austausch sind, wie eben schon angemerkt.

Das kann genozidäre Züge annehmen und die Überzeugung, dass ein „erfolgreicher“ Genozid die beunruhigenden Tatsachen mit den Wurzeln ausrottet. Auch beim Sturm auf das Capitol am 6.1.2021 waren solche Phänomene zu beobachten. Die Ebene, auf der Alle von Corona betroffen sind, ist Jetzt, da gibt es nichts mehr bei sich oder anderen zu bereinigen; es gilt nirgendwo hinzukommen, wir sind schon immer da. Diese Aussage teilen ausnahmslos alle spirituellen Richtungen.

Und noch ein schöner Aspekt (zu finden in der SZ vom 12./13.12.2020), den wir einbeziehen und anwenden können: „Ein Blick in die Geschichte zeigt: Staaten und Systeme, die für Vernunft, Verantwortung und Werte (d.h. für das, was unter common sense verstanden wird) stehen, finden leichter aus tiefer Not heraus als ihre autoritären Konkurrenten. Das ist eine wichtige Erkenntnis in Zeiten der Corona-Pandemie“. Ein Beispiel ist Harry Hopkins, „Lord Root oft he Matter“ wie ihn Boris Johnson einmal anerkannte – Harry Hopkins also, der den New Deal (das Überleben und Erstarken der USA in und nach der Wirtschaftsdepression in den 20er Jahren) ebenso wie später die US-Hilfe für Großbritannien zum Überstehen der Nazi-Angriffe mit vorangetrieben hat. Hopkins hat seine Einstellung gerne mit Aussagen des demokratischen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt untermauert, wie diese: „Frag nie, ob ein Mensch, der Hilfe benötigt, Republikaner ist oder Demokrat, Sozialist oder was auch immer. Hilf diesem Menschen einfach“ (SZ 12./13.12.2020).

Zum Schluss noch einmal Daniel Pinchbeck aus seinem eben erschienen „Conspiranoia“: „Wir treten in eine Zeit, in der wir eine weltweite Verbundenheit und einen Sinn für gemeinsame Zielsetzung so notwendig brauchen wie vielleicht niemals zuvor“ (S. 72).

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