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Die Furcht vor der Existenz dunkler Mächte und die Faszination der Lüge

Olivier Netter

Was unsere ungeklärten Ambivalenzen noch in sich trägt, das fasziniert uns. Wir alle, oder doch fast alle, sind als Kinder von denen, denen wir am meisten vertraut haben, in der einen oder anderen Weise, und aus den verschiedensten Motiven heraus, im Unklaren gelassen, belogen oder getäuscht worden. Es gibt wohl niemanden unter uns, der nicht sein Leben unter falschen Voraussetzungen und mit lückenhaftem Wissen begonnen hätte und darum doch selbst nicht auch das Lügen erlernt hätte. Mehr oder weniger schwerwiegende Familiengeheimnisse lasteten bewusst oder unbewusst auf den Eltern oder den Großeltern. Für uns nur eine seltsame Stimmung, die die Eltern und unsere Wirklichkeit umgeben hatte, im Rückblick aber unerkennbare, nicht auflösbare Zusammenhänge mit Umständen, Personen und Taten der Vergangenheit und Gegenwart, die uns, warum auch immer, verschwiegen wurden. Tatsachen, die uns vieles Unverständliche, Gefühlte und Wahrgenommene an den Eltern hätte erklären können. Für das wir vielleicht aus Mangel an Wissen und dem Mut zu Fragen oder aus der Furcht, das offensichtlich egoistische,  lieblose oder missbräuchliche Verhalten als das wahrzunehmen, was es war, die einen oder anderen erklärenden, entschuldenden Gründe erfinden mussten und erfunden haben. Was bei den einen nur ein gut gemeintes Verschweigen war, war bei anderen vielleicht ein bewusstes Vorspiegeln falscher Tatsachen bis hin zu einem psychisch missbräuchlichen Verhalten. Für manche ein Leben in einer fremden Lüge ohne wirkliche Liebe und mit einem falschen Bild des menschlichen Zusammenlebens überhaupt.

Es ist anzunehmen, dass je stärker durch Verschweigen oder Lügen der tatsächliche Hintergrund des Familienlebens oder das missbräuchliche Verhalten umgedeutet, abgeändert und verdreht wird, das eigene Realitätsgefühl, die Verbindung zwischen Wahrnehmung, Verstehen und das Gefühl der inneren Stimmigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Ein diffuses, unklares Selbst-Gefühl, ein nebulöses Unwohlsein und vielleicht ein lebenslanges Zweifeln und Suchen danach, fehlende  Stücke einer Realität zu finden, die das eigene Gefühl erklären könnten. Das habe ich mir doch nicht eingebildet und meinen Sinnen kann ich trauen! Es kann viele Jahre dauern, bis endlich diese Gewissheit zurück erlangt ist, wenn sie einmal verloren gegangen war. Wenn alles gut geht.

Wir leben aber auch als Erwachsene öfter als uns lieb ist in Realitäten, die das Ergebnis eines bewussten Eingriffs anderer darstellt, denen wir vertrauen und die wichtig für uns sind. Durch eine Lüge oder unwahre Darstellung können wir in anderen einen falschen Glauben erzeugen. Und so ist für ein Kind nichts faszinierender, als zu entdecken, dass es den Eltern oder einem fremden Erwachsenen einen falschen Glauben einpflanzen kann. Für manche ist es aber mehr als das, eine notwendige Überlebensstrategie, um sich in der Gegenwart eines unberechenbaren Elternteils den Anschein von Unwissen und Neutralität geben zu können. So erschaffen wir später als die einstigen Opfer der Lüge durch unsere Kunst des Lügens im Bewusstsein der anderen ein immer überzeugenderes falsches Bild von uns und der Realität, und fühlen uns dadurch etwas sicherer, stärker und mächtiger. So werden wir zu Tätern. Nur Weniges ist menschlicher als das. Erst später kommen mit der gewachsenen Autonomie der Nutzen und die Vorzüge der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit zum tragen. Hoffentlich.

Wir alle sind Täter und irgendwann einmal Opfer einer Lüge geworden und haben dies als Belogene mit einem Stück verlorener Realität bezahlt und im Falle einer jahrelangen Befangenheit in negativen Umständen mit einer bleibenden, kleiner gewordenen Wahrnehmung und Spürigkeit für unser eigenes moralisches Urteil. Als Lügner haben wir für die leichte Lösung, durch das Einpflanzen einer Illusion, mit dem Schutz vor den Konsequenzen unserer verborgenen Taten, mit dem Verlust der Unschuld und dem Nicht-Einstehen können für die Anerkennung der eigenen Bedürfnisse durch andere bezahlt.

Dieses Thema ist an keinen besonderen Kulturkreis, an keinen Ort und an keine besondere Zeit gebunden, sondern ist ein uns immer wieder beschäftigendes Menschheitsthema. Es hängt im Kern an der amphibischen, doppelten Natur unseres Realitätszugangs: Wir leben, so wie ein Amphibium im Wasser und auf dem Land lebt, sowohl in einer Welt der Sprache als auch in einer Welt der Wahrnehmung. Ein Drittes vermittelt und urteilt über die Übereinstimmung von beidem: die Empfindung. Eine körperliche Empfindung, gesteigert in einem Gefühl sagt mir, ob Wahrnehmung und Denken in Übereinstimmung sind. Die kunstfertige und gewissenlose Lüge stellt dieses Urteil erfolgreich auf die Probe und bringt das urteilende Gefühl oft nachhaltig durcheinander. Je traumatischer die Umstände einer Lüge oder falschen Darstellung sind, das heisst je rücksichtsloser und bedenkenloser der manipulative Charakter des Lügens ist, umso stärker die negativen Konsequenzen für den Belogenen und die Beziehung zwischen dem Lügner und dem Belogenen. Denn die Lüge enttäuscht nicht nur das Vertrauen und verbirgt den negativen Charakter einer Handlung, sondern nimmt auch die Freiheit zu selbstbestimmtem Handeln und Werten und bringt in eine unsichtbare Abhängigkeit und Unterordnung unter den Willen des Lügners. Das ist eine schmerzliche Verletzung der Würde und Autonomie, die nur sehr schwer verschmerzt und verziehen werden kann. Und das unabhängig von der Schwere des eigentlichen Anlasses. Wer Jahre unter den falschen Voraussetzungen einer Lüge gelebt hat und wem sich dies plötzlich eröffnet, den wird sein eigenes Vertrauen und die Lücken in der eigenen Wahrnehmung des für andere Offensichtlichen, mit Scham und Schmerz erfüllen.

Was das Leben, die Selbstbestimmung und das Vertrauen eines Menschen zerstört, verletzt das natürliche Gefühl für das, was Richtig ist und erzeugt im unbefangenen, unbelasteten Zeugen eine unwillküliche, spontane und heftig ablehnende Reaktion. In meiner Wahrnehmung erlebe ich im Kontakt mit den medialen Beispielen von Verschwörern und Verschwörungstheorien und alternativen Erklärungsmodellen immer wieder traumatische Momente, die eine latent bannende Wirkung auf mich haben . Ich befrage mich intensiv, irritiert und verunsichert nach den möglichen Motiven der Erzähler der offensichtlich realitätsfernen Erzählungen und offnsichtlichen Lügen. Diese irritierte und gleichzeitig unangenehme Faszination hat mich schliesslich dazu gebracht, diesen Text zu verfassen.

Mit diesem Thema ist der heutige Mensch, sind wir noch lange nicht am Ende. Das Thema der dunklen Mächte hinter der als schwankend und lückenhaft erlebten gesellschaftlichen  Realität erfährt immer wieder neue Wiederbelebungen im kollektiven Bewusstsein – weil das Grundthema, der Verlust des anfänglichen Vertrauens und der Schock der Aufdeckung der lückenhaften eigenen Wahrnehmung des Offensichtlichen, nicht zu einem Ende gekommen ist. Eine lang in die Vergangenheit zurückgehende Kulturgeschichte der Verschwörungstheorien ist bereits geschrieben. Der Mensch hat immer schon seine eigene Geschichte des Erwachens aus den Illusionen und Mystifikationen der abhängigen kindlichen Welt auf die Durchdringung der allgemeinen Geschehnisse übertragen, vor allem, wenn diese mit traumatischen Erlebnissen des Vertrauensbruchs verbunden sind. Wir bleiben aber im Bannkreis der emotionalen Anspannung traumatischer Erfahrungen unseres Ursprungssystems, wenn wir mit hoher emotionaler Intensität und existentiellen Bedrohtheitsgefühlen rational zu durchdringende Missstände gewohnheitsmässig nur auf dunkle, böse und geheime Wirkkräfte und Verschwörungen hinter der offenbaren Welt zurückführen. Dabei stehen wir entweder im Bannkreis eigener oder übernommener traumatischer Erregung. Der NS hat gezeigt, dass eine wahnhafte Realitätsdeutung immer dann besonders kollektiv wirksam wird, wenn die Projektion eigener Schattenanteile zur Faszination der Lüge hinzukommen.

Was folgt daraus für die Betrachtung der gegenwärtigen Situation, in der offensichtlich eine neue Welle sowohl der Angst vor den dunklen Mächten als auch, wie ich betonen möchte, die einer Faszination des Lügens auf uns zuzurollen scheint? Und woher kommt es, dass vieles an dieser Welle selbst äußerst ambivalente Gefühle in denen auslöst, die nicht Teil davon sind oder sein wollen. Es ist für viele, zu denen ich mich zähle, gerade im Kontext der aufgeladenen Debatten über plausible oder unplausible Erklärungsmuster der aktuellen Krisen sehr beunruhigend, dass es tatsächlich rationale, objektive Gründe gibt, sich zu sorgen und Kritik zu formulieren.  Wie kann man in dieser Situation angemessen mit dieser schwer einzugrenzenden, fast uferlosen Furcht vor dunklen Mächten umgehen, die sich auf diese Probleme beziehen und sie nun durch das Aufladen mit projizierten Angstbildern noch schwerer lösbar machen? Ich möchte weiter unten noch darauf zurückkommen.

Viele gesellschaftliche, kulturelle und ökologische Probleme liegen auf der Hand. Ich verzichte hier darauf,  sie alle aufzuzählen und vertraue darauf, dass sie, wenn alle beteilgt werden, im Ausgleich und im gegenseitigen Respekt zu lösen sein werden. Warum so frage ich mich also, Verursacher und Profiteure im Verborgenen einer parallelen Welt des Unrechts und Bösen suchen? Dass die Vorstellungskraft zur Wiederherstellung einer realitätsgerechten Wahrnehmung bereit sein muss, das Unvorstellbare zu denken und ihm eine Gestalt zu geben, geht in Ordnung und ist eine empfehlenswerte Idee. Nur, woher kommt meine affektive Ablehnung dieser Bewegung, wenn die Teilnehmerzahl einer Berliner Demonstration von Gegnern der staatlichen Massnahmen mit 1,4 Mio angegeben wird in Wirklichkeit aber nur 25.000 Teilnehmer da waren. Ist das Humor? Ich fürchte Nein.

Die Demokratie zu unterstützen ist weiter unser Privileg, unsere Aufgabe und Zukunft.

Wenn unsere demokratischen Insitutionen nicht so funktionieren, wie es wünschenwert ist, die realen Probleme und die Unsicherheit der Entscheider für alle spürbar sind, so erzeugt dies untergründige Spannungen und Verunsicherungen. Diese drängen damit jeder einzelnen Person und dem gesamten System eine kompensierende Anpassungsleistung auf, um diese Spannung auf persönlicher Ebene, emotional und intellektuell, zu verarbeiten, zu verdrängen oder aber auf andere zu verschieben. Eine Reaktion ist es, im Vertrauen an der Lösung des Problems mitzuarbeiten. Eine andere ist es, einen Schuldigen zu suchen. Die Unsicherheit der Erkenntnislage der Wissenschaft beispielsweise äußert sich im Umstand, dass es noch keine medizinische Bezeichnung für die bisher nur mit Covid 19 bezeichneten, sehr unterschiedlich verlaufenden Krankheitssymptome gibt, die in der Folge einer Ansteckung mit Coronavirus SARS CoV 2 auftreten. Nicht-sicher-Wissen und sich doch irgendwie im Vertrauen verhalten müssen, prägen die gegenwärtige Situation - ganz demokratisch transparent - für alle. Verantwortungsvolles Nicht-Wissen kann nicht sorglos alles laufen lassen, das schwerkalkulierbare Risiko erzeugt offensichtlich auch Überreaktionen.

Wo sich die Autorität nicht mehr länger den Anschein der Unfehlbarkeit geben kann und auch gar nicht geben will, erwächst das Bedürfnis und die Berechtigung selbst zu sprechen. Dieses Anliegen ist im Kern auch eine innere Forderung der sich weiter konstruktiv entwickelnden Ethik der Demokratie und Gleichberechtigung. Minderheiten werden schon lange immer sichtbarer, die für sich beanspruchen, nicht mehr Objekte anderer zu sein, die über sie entscheiden, und die für sich selber sprechen. So sind viele der von Außen kommenden Bezeichnungen für Minderheiten von ihnen selbst, zu Recht oder Unrecht, bereits als strukturelle Gewalt gebrandmarkt. Die eigene Selbstdefinition als Person, die individuelle Wahrnehmung und Deutung der eigenen sexuellen Identität ist das bisher letzthinzugekommene, durch das Bürgerliche Gesetzbuch garantierte Menschenrecht in freier Selbstbestimmung. 

Worum geht es? Wenn jetzt auf You Tube Wissenschaftler und Publizisten die Nachrichtensendungen der großen Zeitungsredaktionen und Fernsehanstalten im eigenen Wohnzimmer nachspielen, dabei aber im Gegensatz zu den kopierten Vorbildern in der Regel auf nicht überprüfte und nachrecherchierte Quellen zurückgreifen, Tribunale einberufen, zu denen nur Ankläger eingeladen werden, so berufen sie sich letztlich im Gestus ihres Auftretens, gerade so wie eine sexuelle oder ethnische Minderheit, auf das radikal subjektive und individuelle ihrer Meinung. So, als wäre jede Meinung sowieso stets und immer nur die besondere Spielart einer schützenswerten privaten Ausrichtung und freien Wahl und damit ein verbrieftes Menschenrecht, und nicht etwas, was diskutiert und bewertet werden kann, weil es auf den Regeln einer rationalen Faktenanalyse und - deutung beruht. Die Verschwörungstheoretiker agieren im Schutz des Minderheitenschutzes.

Nicht wenige Kommentatoren des Zeitgeschehens wiederum verbeugen sich trotz Kritik in der Sache doch auch vor wenig plausiblen oder absurden Meinungen respektvoll und geduldig, als vor einer neuen Form der persönlichen Selbstbestimmung und vermeiden damit ängstlich, in die Reihe der Missbraucher mit hegemonialem Deutungs-Anspruch eingereiht zu werden. Ob dieser freundliche Respekt und die damit verbundene Zurückhaltung den offenbar gewordenen Verlust einerseits der rationalen Basis unseres Zusammenlebens und andererseits des Vertrauens in die uns schützenden institutionellen Strukturen der Demokratie und freien Presse wettmachen kann? Zweifel sind hier angebracht. Aber noch mehr steht auf dem Spiel:

Teile des neuen öffentlichen Sprechens verfolgen, wenn nicht immer so doch häufig, Strategien der Erzeugung einer Atmosphäre des generalisierten Misstrauens und der Benennung von Schuldigen. Es wird mit Nachdruck weder nach gemeinsamen Lösungen noch nach einem befriedenden Ausgleich gesucht. Viel wichtiger aber ist, dass diese Opfer der Lüge selbst auch der Faszination erliegen und frei erfundene Gegenmodelle der Realität entwerfen, mit denen sie andere anklagen, einschüchtern und letztlich manipulieren. Die Lücken in der eigenen Wahrnehmung durch frei erfundene  Elemente schliessen und dies bedenkenlos als Fakten zu präsentieren, ist in Ihren Augen eine legitime Vorgehensweise, mit der das Verhalten der den öffentlichen Diskurs dominierenden Medien gespiegelt werde soll.  Donald Trump der stets die "fake news" bemüht hat nach Urteil der Chronisten über 20.000 Mal gelogen. Er ist ein besonders erdrückendes Beispiel für einen zum Täter gewordenes Opfer. Zur Veranschaulichung hier ein Video eines Interviews von Donald Trump mit und über seine Tochter Ivanka. Hier klicken

Lüge trifft auf Wahrheit

Die Schwierigkeit, in dieser Situation den Überblick zu behalten ist klar: Vieles an den Verschwörungstheorien ist als Wiederholung und als Bewältigungsversuch einer traumatischen Missbrauchsituation im Familienkontext zu erkennen. Auch der sich außerhalb wähnende Beobachter wird durch die eigenen traumatischen Reste in diese besondere, schwankende Wirklichkeit hineingezogen und wird auf die Probe gestellt.

Konfabulation und Wirklichkeit mischen sich. In unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit wird in vielen Bereichen von Rollenträgern ihre Rolle zum eigenen, meist verborgenen Nutzen missbraucht. Besonders Finanzwelt, Kirche und Politik sind entzaubert. Die von Ihnen erzeugten Illusionen sind durch die Aufdeckung inakzeptabler extremer unethischer Taten zerplatzt. Vom sexuellen oder sadistischen Missbrauch Schutzbefohlener über die Erfindung wertloser Finanzprodukte die weltweit das Bankensystem zum Einsturz zu  bringen drohten – diese Taten fanden statt in der Deckung einer äußerlichen Rolle der Respektibilität und Vertrauenswürdigkeit. Eine lange Liste von vorher im Dunkeln ablaufender missbräuchlicher Praktiken ist in den letzten wenigen Jahren zusammen gekommen. Vieles hat mit sexualisierter Gewalt zu tun, vieles auch mit persönlicher Bereicherung und einer Ausnutzung des Vertrauens Abhängiger. Dies zeigt einerseits, dass unsere gesellschaftlichen Abläufe und die repräsentative Demokratie in einem permanenten Prozess der Aufdeckung von Missständen und einer Neu-Legitiemierung eingetreten ist und sie im Prinzip unverzeihliche Fehler aufweist und gut funktioniert. Das erlittene Unrecht muss letztendlich von denen ausgeglichen werden, die den Missbrauch geduldet haben. Chinas radikaler, technologisch zementierter Totalitarismus und seine Bewusstseins- und Meinungskontrolle ist uns hier fremd und steht doch als irreale Dystopie dunkel und drohend am Horizont unserer Lebenswelt.

Im Bannkreis der Faszination.

Bei einer Offenheit und Respekt fordernden Haltung der Opfer bleibt es aber nicht in allen Fällen. Das irritierende und in seiner Wirkung kaum zu unterschätzende der neuen öffentlichen emotionalisierten Kommunikation, die im Feld des Missbräuchlichen und der traumatischen Erfahrung des massiven Vertrauensbruchs gebannt ist, bedarf einer genaueren Erörterung: Wie kommt es dazu, dass auffällig viele eindeutig unwahre, unbewiesene und auch viele leicht zu identifizierende, frei erfundene Aussagen als Tatsachen dargestellt werden und, dass sie völlig zu Unrecht, mit den Aussagen der Wissenschaft und der sorgfältigen Recherche auf eine Ebene gehoben werden? Welche Wirkung hat dies auf uns, die diese Aussagen hören und welche Wirkung hat dies auf diejenigen, die diese Aussagen tätigen?

Gibt es eine neue Kultur oder einen Kult der offensichtlichen Lügens und Konfabulierens nicht nur im individuellen und persönlichen, sondern im gesellschaftlichen Gespräch? Die Furcht vor der Existenz dunkler Mächte und Ihren Machenschaften  ist bei uns allen im Kern angelegt und wer sie aktuell empfindet, möchte seine Erfahrung offensichtlich auch anderen vermitteln. Aus Opfern werden Täter. Je maßloser die Übertreibung, je realitätsferner die Aussagen zur Füllung der Informationslücken ausfallen und je offensichtlicher die Lüge ist, die mit dem vehementen Anspruch vorgetragen wird, als Wahrheit anerkannt zu werden, um so eher knüpft sie an unsere eigenen traumatischer Erfahrungen an. Dieser Effekt verbreitet sich im eigenen Umfeld genauso gut, wie über die Medien in die Welt.

Eine nicht verdeckte Form des Lügens, als das die maßlosen Phantasien und Übertreibungen mancher Verschwörer anzusehen sind, ist im menschlichen Analyseprogramm nicht vorgesehen und erzeugt eine irritierte Hilflosigkeit und Furcht, da der Zweck einer offensichtlichen Lüge den normalen Zweck des Lügens, die unbemerkte Vorspiegelung falscher Tatsachen als Wahrheit, offensichtlich nicht verfolgen kann. Das offensichtliche Lügen, verbunden mit der Forderung, das Unwahre als Wahr zu akzeptieren, hat wie ich weiter oben bereits ausführte, die Zerstörung des Vertrauens in die überlebenswichtige Unterscheidung zwischen korrekter eigener Wahrnehmung und  den falschen Behauptungen anderer im Sinn. Jede Missbrauchssituation zielt im Kern genau darauf, dem Opfer die eigene Bewertung der missbräuchlichen Situation zu nehmen und zu verunmöglichen. Je eklatanter der Widerspruch zwischen den realen missbräuchlichen Handlungen und der Umwertung durch den Täter ist, um so schwerer hat es das Opfer, die eigenen, an sich völlig klaren Maßstäbe für richtig und falsch, zu bewahren.

Teile der Bewegung gegen den sogennanten Mainstream transportieren und verteilen den emotionalen Schock des Traumas so weiter, wie Teile des Mainstreams die Traumen erzeugen. Auch wenn uns diese Aussage in zweierlei Hinsicht vielleicht missfällt. Diese jetzt im öffentlichen Raum zu beobachtenden Strömungen knüpfen wie ich weiter oben versucht habe darzulegen, an weitverbreitete, unterschiedlich schwerwiegende persönliche Missbrauchs-Erfahrungen an, sodass es kaum möglich ist, sich den lähmenden, traumatisierenden Wirkungen, oder Teilen dieser Wirkungen dieser Vorgänge zu entziehen und doch scheint dies dringend notwendig zu sein. Fest steht auch, wenn erst einmal die schuldigen Verschwörer gefunden sind, beginnt die zweite Phase des selbstzerstörerischen Prozesses. Die Dämonisierung der Schuldigen nährt sich dann erfogreich aus den eigenen Schattenanteilen.

„Corona“ – „Wer ist schuld?  Wem nützt es! Zwei Konzepte, die wir vermeiden sollten, da sie der Frage nach dem, worum es hier gehen könnte, erfolgreich ausweichen.

Auch im Fall von AIDS, einer pandemisch sich verbreitenden Krankheit hat es längere Zeit gedauert, bis der mikrobiologische Mechanismus, die intrakorporelle und interkorporelle Strategie des Virus verstanden und auf den Punkt gebracht und kommuniziert werden konnte: Das HI- Virus zerstört bei den Infizierten das Immunsystem und liefert damit dessen Körper-Ich der Umwelt schutzlos aus. Das Glücksversprechen und die persönliche Erfüllung, die sexuelle Kontakte in sich zu bergen schienen, fielen als bereits im Vorfeld gefährdete Versprechen in sich zusammen. AIDS löste eine Krise des Vertrauens und der sexuellen Hingabe aus, die zuvor aus verschiedenen Gründen bereits angelegt war. Das Virus nutzte das Bedürfnis nach Vertrauen können und den Glauben an das Glücksversprechen für sich und seine Verbreitung aus, bis diese beiden Triebkräfte des menschlichen Lebens in vielen Fällen als Illusion und als gekaperte Teile einer extranen, also nicht-menschlichen Vernunft und Strategie erkennbar wurden. Nicht wenige wurden durch Sexualkontakte mit  Partnern infiziert, denen ihre eigene Infektion bekannt war.

Virus trifft auf Trauma und Trauma trifft auf Virus

Bei Covid 19 stellen für den Einzelnen das eigene Atmungsbedürfnis, die Atmungsorgane und alle damit verbundenen Schleimhäute das Einfallstor dar. Des Weiteren werden in der Folge bei einer letztlich unbestimmten Zahl von Infizierten neben dem Lungengewebe wohl auch alle mit dem Blut- und Nervensystem verbundenen Organe mehr oder weniger intensiv betroffen und geschädigt. Ein Großteil der Schäden insgesamt entsteht also fast überall im Organismus, offensichtlich aber wiederum durch eine extreme Überaktivierung bestimmter Funktionsteile des  körpereigenen Immunsystems. Es ist unklar, in welchem Verhältnis die unmittelbaren Schäden des Virus, und die im Körper ablaufende Überreaktion des Immunsystems an den stark ausgeprägten Folgeschädigungen und tödlich endenden Verläufen beteiligt sind.

Damit scheint diese Pandemie unter den exakt entgegengesetzten Vorzeichen zu stehen wie AIDS. Stellt AIDS die vitalen Ich-Kräfte des Körpers in Form des Abwehrsystems total in Frage, bringt Cov 2 diese Ich-Kräfte dazu, sich in den tödlich verlaufenden Fällen letztlich in einer Übersteigerung der Ich-Kräfte selbst zu zerstören. Fest steht auch, nicht anders als bei der Influenza: Buchstäblich jeder andere Mensch und Infizierte kann, ob er will oder nicht, bereits in der beiläufigen und zufälligen flüchtigen Begegnung zum Agenten und Verbreiter des Virus und eine potentielle Gefahr werden.

Die freiwillige Einschränkung, die Kooperation und der Glaube und vor allem das Vertrauen in den Sinn einer gemeinsamen Anstrengung, die Bereitschaft sich vital und persönlich zurückzunehmen, sind deshab noch immer die bisher einzigen entwickelten Strategien zur Überwindung der wesensbedingten Anfälligkeit für das Virus. Nach kurzer Zeit ist neben das „social distancing“ die „Mund-Nasen-Bedeckung“ zum Symbol der sozialen Bewegung und des Zusammenschlusses  der Gutwilligen und Vertrauensvollen geworden. Der „Mund-Nasen-Schutz“ ist das Kondom der 2020er Jahre.

Was hat das mit den traumatisierenden Strukturen der öffentlichen Kommunikation zu tun? Zu einer sich pandemisch ausbreitenden Krankheit gehören nicht nur die Symptome des einzelnen Erkrankten, sondern auch das krankheitsbezogene Verhalten der gesamtem Bevölkerung, in der sich die Krankheit ausbreitet. Jede Epidemie und jede Pandemie löst im Verbreitungsgeschehen des Virus oder Bakteriums und im Kampf dagegen ihre besonderen, charakteristischen sozialen Verhaltensweisen und Probleme aus, die lokal unterschiedlich sein können. Besonders gut beschrieben ist das für den Fall der Pestpandemie, die mit extremen sozialen Revolten und chaotischen, aufgelösten gesellschaftlichen Strukturen verbunden war. Eine global erfolgreiche Pandemie ist ein schwerwiegender sichtbarer Eingriff einer irgendwie, jenseits des menschlichen Bewusstseins vernünftig vorgehenden Naturkraft, mit der sich der Mensch in dieser Weise sonst nicht konfrontiert sieht. Auch die Natur verfolgt Zwecke.

Die nicht-menschliche "Vernunft" passt sich neben dem individuellen Krankheitsgeschehen im Körper eben auch in den sozialen Verhaltensanteil, den kollektiven Lebenszusammenhang der zu besiedelnden Menschen so ein, dass der Zweck,  ihre Verbreitung über Infektion sicher erfolgt. Die Verhaltensweisen im sozialen System des Menschen werden physiologisch und verhaltensseitig dem Menschen entwendet und benutzt, um dem Virus zu nützen. Dass der Mensch durch ein Kleinstwesen auch massive Verhaltensänderungen aufgezwungen bekommt, also völlig sich selbst entfremdet und von einer fremden Kraft in seinem Verhalten gesteuert werden kann, lässt sich am Extrembeispiel der Tollwut am Einzelnen und im Fall der Pest an der Gemeinschaft zeigen. Der mit Tollwut infizierte bewegt sich über weite Entfernungen, er entwickelt infektiösen Schaum im Mund, kann nicht Schlucken und beisst sein Gegenüber und verbreitet so das Virus. Aber schon jeder Grippekranke zeigt eine einfache aber typische Form eines für die Übertragung des Virus nützlichen, unwillkürlichen Verhaltens: Niesen.

Das menschliche Verhalten fällt scheinbar nur ein wenig aus seiner gewohnten Bahn heraus, aber nützt damit vor allem dem Krankheitserreger.  Aber auch eine bereits vorhandene Verhaltensweise kann sich im Zusammenhang mit einer Epidemie oder Pandemie als Vorteil des Virus entpuppen. Es scheint ganz aktuell, dass das Virus die Wucht des bereits vorhandenen Misstrauens für sich nutzt und negative, ungelöste traumatische Verstrickungen zwischen Tätern und Opfern verstärkt und neu belebt. Wer Täter und wer Opfer ist, bleibt weiter offen. Die Medien verbreiten mit globaler Wirkung  traumatisierende Formen einer manipulativen Kommunikation, wie sie bisher nur im Bereich des familiären Missbrauchs zu beobachten war. Ehemalige Opfer mit Missbraucherfahrung treten als ambivalente Helden auf, die die Grenzen zwischen Gut und Böse auflösen und damit Faszination oder Abscheu erregen.

Die rastlose Suche nach der verlorenen Wahrheit, das verlorene Vertrauen in die Integrität der Autoritäten und die Verunsicherungen durch die offene Lüge, sind einerseits Indikatoren ungelöster Traumen und Verstrickungen im Zeitalter einer globalen Wandlung und Evolution der menschlichen Freiheit und Souveränität und andererseits die Grundlage einer weiteren erfolgreichen Verbreitung des Virus. Letztlich zählen nicht die besseren Argumente. Viel mehr als seine Menschlichkeit zu bewahren und diese anderen nicht abzusprechen, sowie den Unterschied zwischen Rationalität und Emotion in den eigenen inneren Abläufen weiterhin zu unterscheiden lernen - viel mehr bleibt nicht zu tun. Vielleicht kann man damit sogar dem Ganzen nützlich sein.

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