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"Das schwarze Buch"

Kritische Anmerkungen zu “Bert Hellinger. Mein Leben. Mein Werk”von 2018

Bert Hellinger zu Ehren

Fassung 2.1 vom 12.3 2020

Vorbemerkung

Diese angebliche Autobiografie Bert Hellingers befasst sich mit alten Geschichten, die ihn längst nicht mehr interessierten. Umgekehrt enthält es so gut wie nichts von dem, was ihn in seinen letzten Lebensjahren wirklich beschäftigte. Vieles, was in dem Buch geäußert wird, passt nicht zu ihm. Vieles ist auch einfach falsch – sei es aus blanker Unwissenheit oder mit Absicht. Alles in allem finde ich wenig glaubhaft, dass Bert selbst an der Entstehung dieser Biografie maßgeblich beteiligt gewesen wäre.

Ich nenne es "schwarzes Buch" wegen seiner düsteren Umschlaggestaltung, von der Bert, der damals noch lebte, den Leser wie aus dem Reich der Schatten heraus anschaut.

Als ich im Frühjahr 2019 in dem Buch Bert Hellinger. Mein Leben. Mein Werk las, schaffte ich es bis Seite 111. Dann legte ich es angewidert beiseite. Das war nicht Bert, der aus diesem Buch sprach! Eine befreundete Aufstellerin sagte mir wenig später: “Alle, die Bert von früher kennen, finden dieses Buch schrecklich. Aber viele, die neu zum Familienstellen kommen, sind froh, etwas über ihn persönlich zu erfahren.”Beim Schreiben meiner Erinnerungen an Bert kam ich an einen Punkt, an dem ich diese sogenannte Autobiografie nicht länger ignorieren konnte. Also unterbrach ich die Arbeit an den Erinnerungen, um eine Kritik dieses Buches zu schreiben.

Die Reaktionen in meinem Umfeld reichten von der milden Skepsis “Wozu machst du das?” bis “Das kannst du nicht tun, nicht zu diesem Zeitpunkt. Das ist unanständig!”. Eine Freundin, die das Manuskript gelesen hatte, meinte: “Als ich das las, wurde mir schwindelig.” Doch nur ein einziger Einwand hätte mich von dieser  Veröffentlichung abbringen können: Wenn mir jemand gesagt hätte: “Was du da schreibst, das stimmt nicht!” Aber dieser Einwand kam (bisher) nicht. Sollten Leserinnen und Leser dieser Seiten etwas ergänzen oder korrigieren wollen – ich bin gern bereit, das aufzunehmen.

“Auto”-Biografie?

In einem Nachruf auf Bert las ich dies: “Bert Hellingers Schaffenskraft war unermüdlich. Bis zuletzt war er aktiv. Die beiden letzten Jahre verbrachte er schreibend an seiner Biographie, verbunden mit der Weiterentwicklung des Familienstellens, und weiteren spannenden Artikeln oder Büchern.

Ich weiß nicht, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat, aber ich weiß, dass es nicht zutrifft. Bert hat nicht mehr geschrieben, kein Buch, geschweige denn Bücher, auch keine “spannenden Artikel”. Wo wären die denn zu lesen? So, wie ich Bert in den letzten zwei Jahren seines Lebens erlebt habe, war er gar nicht mehr in der Verfassung, Bücher zu schreiben.In dieser Zeit war er fast ausschließlich auf das bezogen, was er in den zehn Jahren vor seinem Tod immer wieder als die “andere Dimension” bezeichnet hat. Er beschäftigte sich gar nicht mehr mit der Praxis des Familienstellens oder gar ihrer “Weiterentwicklung”. Diese Biografie jedoch versucht, genau diesen Eindruck zu erwecken.Wenn aber dieses Buch gar nicht von Bert wäre – von wem wäre es dann? Und warum sollte jemand vortäuschen, dass es sich um eine Autobiografie handelt, wenn es nicht stimmt? Welchen Interessen würde das dienen?

Geschrieben ist das Buch von Hanne-Lore Heilmann, angeblich nach Berts eigenen Berichten. Frau Heilmann ist sehr vertraut mit Sophie Hellinger. Vieles in diesem Buch passt einfach nicht zu Bert; aber es passt zu seiner Witwe. Wenn ich es in dem Bewusstsein lese, es sei von ihr verfasst und nicht von ihm, dann passt auf einmal alles, was sonst verworren scheint. Im Folgenden werde ich von diesem Buch einfach als der Biografie sprechen. Das trifft ja zu, egal, wer sie verfasst hat – und egal, was sie taugt.

“Keine neuen Einsichten”

Der eingangs zitierte Nachruf erwähnt eine Verbindung von Berts Schreibtätigkeit mit einer Weiterentwicklung des Familienstellens. Was für eine Weiterentwicklung soll das sein? Der einzige konkrete Hinweis findet sich am Ende des Buches, wo es heißt: “Seit einiger Zeit ist es so, dass ich meiner Frau Sophie folge, auch bei der Weiterentwicklung des Familienstellens. Dazu gehört beispielsweise ihre Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen der Epigenetik, dem wohl derzeit spannendsten Forschungsgebiet der Biologie, und dem Familienstellen.”

Hat Bert aktuelle Entwicklungen in den Naturwissenschaften verfolgt? Fand er sie spannend? Kaum zu glauben! Wie dem auch sei: Falls es den Zusammenhang, der da behauptet wird, gibt, dann stellt er einen bisher unbekannten Effekt der Aufstellungsarbeit dar. Das ist aber keine Weiterentwicklung der Aufstellungsarbeit. In dieser Hinsicht gibt es nichts Neues.

Persönlich finde ich Neues sogar, wenn ich – mit meinem Verständnis von heute – in Berts alten Bücher lese. Aber ich in dieser Biografie steht nichts, dass irgendetwas, was Bert früher gemacht oder gesagt hat, hinter sich ließe. Eine Freundin, die vor etwa einem Jahr mit Bert telefoniert hatte, berichtete mir: “Er sagte, seine Arbeit sei getan, und es gäbe keine neuen Einsichten.”

Autobiografie?

Vor vielen Jahren erklärte Bert, er werde auf keinen Fall eine Autobiografie schreiben. Das war ihm zu selbstbezogen. Ihm ging es nicht um seine Person. Auch in den zwei Jahren, bevor er starb, hat er bei all meinen Besuchen und Telefonaten niemals erwähnt, dass er sich mit einer Autobiografie befasse. Und wer ihn ein wenig kannte, bemerkt bei der Lektüre bald: “Das ist nicht Bert, der da spricht!” Nicht nur die Sprache stimmt nicht – so hat er einfach nicht gedacht!

Man könnte nun sagen: “Ist doch egal, wer’s geschrieben hat – wenn es nur eine gute Biografie ist.” Dazu zweierlei: Erstens: Wenn es egal ist, warum dann überhaupt erst vortäuschen, Bert habe die Biografie selbst verfasst? Warum? Oder anders gesagt: Wer hat welches Interesse daran? Zweitens: Wann ist eine Biografie denn gut? Welchen Erwartungen sollte sie gerecht werden?

Im Vorwort erläutert “Bert”, warum er seinen Vorsatz,  niemals eine Autobiografie zu verfassen, umgestoßen habe: “Darf ich meiner Frau aufbürden, später – wenn ich nicht mehr bin, und das kann jeden Tag passieren – für mich zu sprechen? Fragen, die mit meiner Person zusammenhängen, für mich zu beantworten? Sozusagen für mich zu erledigen, wozu ich keine Lust hatte? Dazu habe ich kein Recht.” Wer Sophie nicht kennt, könnte gerührt sein. Doch haben viele Menschen die Erfahrung machen müssen, dass sie überhaupt kein Problem damit hat, auf Fragen nicht zu antworten. Außerdem hat sie Personal, um lästige Fragesteller abzuwimmeln.

Im vergangenen Frühjahr hatte ich im Hellinger-Büro selbst Woche um Woche angerufen, und nach Bert gefragt. Immer hatte er entweder angeblich noch geschlafen oder war wieder schlafen gegangen, war mit Sophie weggefahren oder war gerade im Schwimmbad. Ich solle es später noch mal versuchen. Rief ich später wieder an, war es das Gleiche. Irgendwann habe ich aufgehört, es zu versuchen, weil ich den Mitarbeitern im Büro nicht mehr zumuten wollte, mich ständig anzulügen.

Schließlich erfuhr ich über drei Ecken, Bert habe einen Oberschenkelhals-Bruch erlitten. Als Sophie das kurz danach bestätigte, habe ich ihr nahegelegt, nicht solch eine Heimlichtuerei darum zu veranstalten. Daraufhin antwortete mir Hanne-Lore Heilmann (ja, richtig, das ist die offizielle Ko-Autorin der Biografie!) in der Funktion als Sophies Privatsekretärin:

“Bert wünscht keinen Besuch, er will endlich mal die Zweisamkeit mit Sophie in Ruhe genießen können. Auch Sophie bittet um Verständnis dafür. Bert hat sich bereits vor mehr als einem Jahr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, und es besteht deshalb kein Anlass für Stellungnahmen irgendeiner Art. Er führt jetzt das Leben einer Privatperson, und niemand hat ein Anrecht auf Informationen in Bezug auf ihn. Beide, Sophie und Bert, bitten ihre Privatsphäre zu respektieren und von weiteren Anfragen abzusehen.”

Keine Informationen über Bert

Angesichts der Umstände wäre es möglich, dass Bert nicht besucht werden wollte. Ich bezweifle das. Die Aussage seiner Biografin, niemand habe "ein Recht auf Informationen über ihn", ist schon befremdlich. Doch der aufmerksame Leser wird feststellen, dass diese Biografie tatsächlich über den Menschen Bert Hellinger und sein tägliches Leben kaum etwas mitteilt.

Es gibt in der Biografie eine neue, lebensvolle Geschichte aus der Zeit, als Bert aus dem Orden austrat: „Zuvor hatte ich mich nie um alltägliche Dinge wie Einkaufen, Putzen oder Kochen kümmern müssen. Im Kloster wurde einem alles abgenommen. Ich erinnere mich, wie ich am Anfang meiner Wiener Zeit in einem Käseladen stand und keine Ahnung hatte, wie viel einhundert oder fünfhundert Gramm ausmachen. Um mich nicht zu sehr zu blamieren, bestellte ich einfach die gleiche Käsemenge wie die Frau vor mir. Die Größe ihres Stückes schien auch für mich passend zu sein.“

Diese nette Anekdote bleibt ein einsamer Ausreißer. Aus den Jahrzenten danach gibt es nichts dergleichen. Am Ende des Buches heißt es: „Wie verläuft denn mein Leben? Es verläuft gelassen, mit einer gesammelten Ruhe, was immer mir begegnet.“ Wenn man weiß, wie er lebte, kann man sagen: „Ja, das trifft im Großen und Ganzen zu.“ Wenn man es nicht weiß, erfährt man es auch nicht aus der Biografie. Viele Darstellungen dort sind von ähnlicher Allgemeinheit.

Ich habe mal ausgezählt, welchen Lebensabschnitten Berts seine Biografin wie viel Raum gewidmet hat. Das Ergebnis lautet, dass die Biografie großes Gewicht legt auf Berts Zeit als Soldat und auf seine Therapie-Ausbildungen. Nur einen mittleren Wert erreicht das systemische Familienstellen. Eher stiefmütterlich behandelt werden Kindheit und Jugend, Priester und Schulleiter sowie Berts letzte 15 Lebensjahre.

Wer wissen möchte, welche Truppenteile der Wehrmacht 1944 bei Aachen lagen, als die Amerikaner anrückten, oder was für ein Nazi-Verbrecher der Herr Caruso war, der später Berts Diplom als Psychoanalytiker vermasselte, der wird hier gut bedient. Wer jedoch etwas über das letzte Vierteljahrhundert von Berts Leben erfahren möchte, dem wird nur schmale Kost geboten. Das ist kaum etwas, was Bert in seinem Gesprächsband mit Gabriele tenHövel nicht bereits erzählt hätte. Jenes Buch, Ein langer Weg, ist übrigens wirklich autobiografisch. Dort spricht Bert in eigenen Worten über sich, seine persönliche Entwicklung und seine Arbeit. Über alles, was danach kam, teilt auch Mein Leben. Mein Werk kaum etwas mit.

Herta und Sophie

Der Klappentext von Mein Leben. Mein Werk wirbt damit: „Zum ersten Mal spricht Bert Hellinger über private Erlebnisse“. Was ich hier zum ersten Mal gelesen habe,
ist seine Mitteilung (falls es denn seine wäre) darüber, wie er seiner zweiten Frau Sophie näher gekommen ist und sich von seiner ersten Frau Herta getrennt hat: „Unsere Beziehung wurde enger, ja, beide fühlten wir uns zueinander hingezogen. Doch für Sophie wäre ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann nie in Frage gekommen.“

Über so intime Angelegenheiten habe ich Bert niemals sprechen hören, und ich hätte ihn auch nie danach gefragt. Ich finde es schon merkwürdig, dass er hier so etwas ausbreiten sollte. Bert war kein Moralist. Für Ehebruch hätte er niemanden – auch sich selbst nicht – verurteilt, umgekehrt aber auch niemanden dafür gepriesen, dass er (oder sie) so etwas nie getan hätte. Es ist schwer zu begreifen, warum Bert das behauptet haben sollte.

Die Sache sieht ganz anders aus, wenn man fragt: Warum sollte Sophie so etwas behaupten? Stellen wir uns vor, sie selbst würde, ohne "Bert" vorzuschieben, ungefragt über sich sagen: “Für mich wäre ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann nie in Frage gekommen.” Was würdest du, lieber Leser, dann denken? Hier erklärt sich der Hinweis aus dem Vorwort, Bert habe diese Autobiografie verfasst, um seiner Frau gewisse „Fragen, die mit meiner Person zusammenhängen“, zu ersparen.

Mit genauen Zeitangaben ist die Biografie in diesem Zusammenhang übrigens sparsam, aus gutem oder schlechtem Grund: „Ende der 1990er Jahre kam eine neue Teilnehmerin in meine Seminare: Sophie“. „Im Jahr 2000 eröffnete Sophie in Bad Reichenhall eine Hellingerschule“ – da durfte ihre Firma also schon seinen Namen tragen. Erst ein Jahr später, „in den letzten Tagen des Jahres 2001 traf ich eine Entscheidung: Ich würde mich von Herta scheiden lassen.“ Passt das zusammen?

Bevor mich die Biografie mit der Nase darauf stieß, habe ich über diese Frage nie nachgedacht. Ich wusste von Herta bis dahin so gut wie nichts. Das wenige allerdings reichte um zu erkennen, dass die Angaben der Biografie über sie nicht alle stimmen. Aber würde das irgendetwas von dem, das Bert uns gelehrt hat, in einem anderen Licht erscheinen lassen? Auf jeden Fall wirft es ein Licht darauf, wie Sophie sich Berts (und nach seinem Tod auch noch seines Geistes), seines Namens und seines Werkes bemächtigt.

Neues Familienstellen, Bewegungen des Geistes

Seit 2005 der biografische Gesprächsband Ein langer Weg erschien, entfaltete Bert, was er das Neue Familienstellen nannte. Hier wäre eine ausführliche Darstellung angebracht.  Die Biografie enthält auch ein eigenes Kapitel dazu. Es umfasst, wie gesagt, ganze 8 Seiten. Auf den ersten Blick erscheint das vielleicht wenig. Doch wenn man genauer hinschaut, dann ist es noch viel weniger!

Schon 2007 schrieb Wilfried Nelles: “Die ‚Bewegungen der Seele’ sind von Anfang an missverständlich gewesen. Das Missverständnis lag und liegt in der Gleichsetzung der Methode (die Stellvertreter dürfen sich bewegen) und innerer Bewegung (die Seele wird bewegt). Das erweckt den Eindruck, dass es in den alten, statischen Aufstellungen keine innere Seelenbewegung gegeben hätte.” (Praxis der Systemaufstellung, 1/2007)

Ich habe diesen Artikel damals in meinem Buch Über Psychotherapie hinaus völlig verrissen. Auch heute würde ich sagen, dass dies nicht Nelles' bester Artikel war. Doch mein Furor, Bert gegen jede Kritik zu verteidigen, war maßlos. Ich muss bei Nelles Abbitte leisten. Sein oben zitierter Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Weiter beklagte Nelles sich, dass Bert “seit Beginn des Jahres 2006 vom ‚geistigen Familienstellen’ spricht und dies als ‚das neue Familienstellen’ bezeichnet”, dabei aber das Wort ‚Seele’ “ohne weitere Erläuterungen durch den ‚Geist’ ersetzt habe.” Für Bert war das Neue Familienstellen also gleichbedeutend mit “geistigem Familienstellen”, “Bewegungen des Geistes” oder “Gehen mit dem Geist”.

Solch eine Klarstellung fehlt in der Biografie! Was erfahren wir dort überhaupt darüber, was Bert mit diesem Geist meinte? Der Ich-Erzähler der Biografie lässt wissen: "Vom Geist spreche ich im Sinne einer höheren Macht, die als Ursache von allem angesehen werden muss. Dieser Geist offenbart sich auch in den Bewegungen unseres Körpers und unserer Seele. Das zeigt sich in dem Phänomen, dass die Stellvertreter bei einer Familienaufstellung plötzlich fühlen wie die Personen, die sie vertreten, ohne etwas von ihnen zu wissen."

Der Geist, der durch sein Denken alles ins Dasein bringt und bewegt, wie Bert oft gesagt hat, zeigt (oder offenbart) sich natürlich in allem, was ist, und darin, wie es sich bewegt. Das zeigt sich im Stellvertreter-Phänomen ebenso wie in jedem beliebigen anderen Phänomen - nicht mehr und nicht weniger. Und dieser Quatsch ist alles, was die Biografie zum Thema Geist zu sagen hat. Vage Hinweise auf höhere Mächte machen dort, zusammengezählt, etwa eine Seite aus – eine von fast 300 Seiten! Das sagt schon etwas darüber aus, wie nah oder wie ferne die Verfasser der Biografie Berts theologisch-philosophischem Denken sind.

Falsch, falsch und nochmal falsch!

Im dritten Absatz des Kapitels Das Neue Familienstellen heißt es: “Statt der ganzen Familie wird oft nur ein Stellvertreter für den Klienten aufgestellt. Dabei ist es wichtig, dass sich dieser Stellvertreter – ohne dass er etwas über den Klienten weiß – allein der inneren Bewegung überlässt, wie sie ihn von innen und außen erfasst.” Das ist an sich nicht falsch. Falsch ist zu behaupten, es sei neu!

Weiter heißt es:  „Wenn sich der Stellvertreter den Bewegungen des Geistes überlässt, schaut er manchmal, ohne dass er sich dagegen wehren kann, auf den Boden. Dieser Stellvertreter schaut auf einen Toten. Mehr noch: Es zieht ihn zu einem Toten.“ Auch diese Darstellung ist an sich richtig. Aber was soll daran neu sein? Bert selbst schrieb dazu (wie oben zitert): „Von Anfang an bewegten sich die Stellvertreter ohne einen Eingriff von außen in eine Richtung, die unmittelbar ans Licht brachte (...), ob es jemand in den Tod zog.“ Wenn es von Anfang an so war, dann ist es nicht neu. Das macht kein Neues Familienstellen aus!

Oder dies: „Das Neue Familienstellen hat sich auch im öffentlichen Bereich von Beruf und Unternehmen als hilfreich und bahnbrechend erwiesen. Vor allem, weil es weit in die Vergangenheit hineinreicht. Es bringt Hintergründe für Erfolg und Misserfolg ans Licht.“ Ja, das tut es. Aber das ist wieder nichts, was das neue Familienstellen dem alten voraushätte. Aufstellungen nach Bert Hellinger reichten immer weit in die Vergangenheit und brachten Hintergründe für vieles ans Licht. Abermals: Das ist nichts Neues!

Oder dies: „Was zeigt sich hier? Der Klient will anstelle einer anderen Person sterben. Wir können uns vorstellen, welche Erleichterung es für ihn sein muss, wenn er plötzlich erfasst, dass es sich hier um eine Verschiebung handelt. Auf diese Weise geht das geistige Familienstellen weit über die früheren Grenzen der Familienaufstellung hinaus.“ Ist das wahr?

Wieder muss man sagen, dass die Darstellung in der Sache richtig ist. Natürlich bringt es eine große Erleichterung, wenn man erkennt, dass solch ein „Zug zum Tod“ aus einer (bis dahin unbewussten) Verstrickung herrührt. Das ist Teil des Familienstellens nach Bert Hellinger und ist es immer gewesen. Es geht nicht über die früheren Grenzen der Familienaufstellung hinaus, wie die Biografie behauptet.

Weiter heißt es dort: „Ab 1982 bot ich in Seminaren die heute von mir sogenannte klassische Familienaufstellung an, die ich später mit meiner zweiten Frau Sophie zum Neuen Familienstellen weiterentwickelte.“ Praktisch alles, was in dem Buch über das „neue Familienstellen“ mitgeteilt wird, ist falsch. Wenn es ein Neues Familienstellen gibt, müsste man es doch auch darstellen können. Warum scheitert diese Biografie daran so gründlich?

In ihrer Danksagung schreibt Hanne-Lore Heilmann: „Besonders dankbar sind wir [das meint: Bert Hellinger und sie selbst] Sophie Hellinger: Unermüdlich hast du aus dem Schatz deiner Erinnerungen zum Gelingen dieses Buches beigetragen. (...) Außerdem hast Du jede Seite des Manuskripts genauestens gelesen und dafür gesorgt, dass sich keine Fehler einschleichen konnten.“ Da kann ich nur sagen: Viel geholfen hat es nicht!

Anstößig

Ob es tatsächlich ein Neues Familienstellen gibt oder nicht – aus der Biografie erfahren wir es nicht. Hier ist dieser Begriff nur eine hohle, inhaltslose Floskel.  Der Begriff ist hier eine hohle, inhaltslose Floskel. Sie bedeutet nicht mehr als „Das neue Persil“ oder „Der neue Opel Astra“. Aber vielleicht genügt es den Autorinnen der Biografie. Vielleicht ist genau das, was sie haben wollen: Ein Werbe-Slogan.

Einleitet wird das Kapitel so: “Ausgehend von meinen Erlebnissen und Erkenntnissen zur Versöhnung von Opfern und Tätern bei Familienaufstellungen entwickelte ich zusammen mit meiner Frau Sophie das sogenannte Neue Familienstellen. Es begann für mich damit, dass ich im Jahr 2008 mehr als sechs Mal an den Energieseminaren Cosmic Power meiner Frau teilgenommen hatte. Hier eröffnete sich mir eine neue Dimension.”

Wie bitte? Was sich Bert in Sophies Cosmic-Power-Seminaren eröffnete, wer weiß. Vielleicht sogar eine neue Dimension. Aber dass hier im Jahr 2008 der Anfang des Neuen Familienstellens gelegen habe, ist nicht wahr. Seit der Aufstellung von Bern 1999 änderte Bert seine Vorgehensweise. Dabei sprach er zunächst von den “Bewegungen der Seele” seit Anfang 2006 vom “geistigen” oder “neuen” Familienstellen. Das hatte mit Sophie und ihren Energie-Seminaren überhaupt nichts zu tun!

Ich finde es schon anstößig, wenn die “Fehler” in der Biografie eine bestimmte Tendenz aufweisen, nämlich Sophie besondere Beiträge zur Entwicklung des Familienstellens zuzuschreiben, wo es sie nicht gibt.

Bert und die DGfS

Austausch und Dialog hätten Bert gut getan. Aber seine Möglichkeiten dazu waren zunehmend eingeschränkt. Aber das war nicht immer so. Teilnehmer seiner früheren Seminare in den 80er und 90er Jahren erinnern sich an ihn als weit umgänglicher und dialogfreudiger als späterhin.

Wer oder was genau hinter dem Zerwürfnis mit den Systemaufstellern steckte, ist anderen besser bekannt als mir. Die Biografie schweigt sich dazu aus. Die Bewegung der Systemaufsteller, ihre Kongresse und ihre Organisationen (zunächst IAG, später DGfS) waren keine nebensächliche Episode in seinem Leben, genauso wenig wie Berts Bruch mit ihnen. In der Biografie jedoch finden wir dazu nur einen einzigen schmalen Absatz. Die Tatsache dieser Trennung, will mir scheinen, hat Bert persönlich nicht gut getan. Sie führte dazu, dass er für einen Austausch kaum noch Ansprechpartner hatte außer seiner Frau. In seinen letzten Lebensjahren fühlte er sich einsam.

Alles, was den Autorinnen der Biografie zu Bert und der DGfS einfiel, passt in 7,5 Zeilen. Ein Drittel davon wird allein von den Namen der Organisationen gefüllt. All die Jahre mit den anderen Aufstellern, die seine Arbeit weitertrugen, sind in fünf Zeilen des Buches gepresst! Und was sie mitteilen, ist auch noch falsch! Der Absatz lautet:

„Auch von den Mitgliedern der 2004 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS), an der ich mich nicht beteiligte, sah und hörte ich in der Folgezeit nichts mehr. Dabei war die DGfS aus der 1996 von mir  initiierten Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG) hervorgegangen. Nach meinem Namen sucht man in der Tätigkeitsbeschreibung der DGfS jedoch vergebens.“

Die Behauptung, Bert habe nach 2004 nichts mehr von den Systemaufstellern gehört, ist sachlich falsch. Tatsächlich beteiligte sich Bert noch 2005 am Kongress der DGfS in Köln. Bis 2007 gab es auf jeden Fall noch Gespräche zwischen beiden Seiten.

Falsch ist weiter die Behauptung, Bert habe die Gründung der IAG “initiiert”. Das hat er nicht, und das hätte er auch nie behauptet. Er war an der Gründung von Organisationen nie interessiert. Die Gründung der IAG ging von Gunthard Weber und Jakob R. Schneider aus.

Es stimmt auch nicht, dass man Berts Namen bei der DGfS, etwa auf ihrer Webseite, vergebens suchen würde. Zum Beispiel steht dort unter der Überschrift Die Entwicklung der Aufstellungsarbeit: “Die Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) entstand aus der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG). Obwohl Bert Hellinger der Begründer der Arbeit mit Familienaufstellungen war, beteiligte er sich nicht mehr an der Umwandlung in den DGfS Mitgliederverein.”

Das Lamento der Biografie-Autor/innen gegenüber der DGfS, “nach meinem Namen sucht man jedoch vergebens”,  ist also unbegründet. Es verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, wie andere Organisationen aus dem Hause Hellinger mit rechtlichen Schritten bedroht werden, gerade weil sie den Namen Bert Hellinger in ihrem Titel führen.

Die Anfeindungen

Die Anfeindungen gegen Bert von 2003/2004 müssen in seiner Biografie natürlich erwähnt werden. Tatsächlich geht es in der Biografie aber fast nur um Arist von Schlippe, weiland Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft. Er wird dort als der Schurken übelster dargestellt: “Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, meldete sich 2004 auch noch Arist von Schlippe zu Wort”.

Auf  25 Seiten wird der Streit mit den Systemikern von damals verhandelt, vor allem von Schlippes Offener Brief sowie einige Repliken zu Berts Verteidigung. All das bleibt auf der Ebene “Wer hat Recht?”. Wer braucht das heute noch? Bert nicht. Doch nun heißt es in der Biografie: “Meine Frau Sophie drängte mich, gerichtlich dagegen vorzugehen. Doch ich wollte das damals nicht. Heute, nachdem ich über Jahre hinweg die Auswirkungen dieser Hetzkampagne beobachten durfte, halte ich es allerdings anders.” (S. 271) Isoliert betrachtet, klingt das nachvollziehbar: Irgendwann reicht’s.

Aber welche Auswirkungen hätte der Autor denn neuerdings beobachtet? Die Biografie hat nur ein einziges Beispiel: Einer der notorischen Hellinger-Hasser schrieb 2018 in einem Buch, Bert sei verstorben. Das war falsch, ist aber eigentlich nicht ehrenrührig. Ich habe weiß Gott schon Schlimmeres über Bert gelesen. Der Rest, der in der Biografie erwähnt wird, sind alles alte Kamellen.

In der Biografie behauptet der Ich-Erzähler: “Alles, was mich in dem richtigen und auch in einem guten Licht zeigte, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Man hätte ja sonst einen Fehler zugeben müssen. Stattdessen machte man weiter wie bisher. Das war auch bei Arist von Schlippe der Fall.”

Dass von Schlippe sich geweigert hätte, einen Fehler zuzugeben, ist nicht wahr! Seiner Sammlung von Offenem Brief und Antworten darauf setzte er voran: “Im Nachhinein stimmen natürlich die Vorwürfe, dass ich mich hätte besser informieren müssen”. Und ebendort stellt er auch klar: “Für mich ist Bert kein Nazi, auch kein Faschist und sein Denken kein Wegbereiter ‚brauner’ Weltanschauung.” Es hätte der Biografie gut angestanden, das anzuerkennen.

Das Etikett

Auf dem Umschlag der Biografie ist Berts Portrait ein Etikett aufgedruckt. Das hätte Bert  nicht gefallen. Etiketten definieren. Auf Deutsch: Sie setzen Grenzen. Jedes Etikett, selbst wenn seine Botschaft sachlich richtig wäre (was sie nicht ist), macht enger, kleiner, weniger. Mit diesem Etikett wird Bert Gewalt angetan.

Seit etwa 2000 ging sein Blick über das Familienstellen hinaus. Auf dem Kölner Kongress 2005 hielt Bert einen Vortrag, machte aber keine Aufstellung.  Antje Jaruschewski berichtete damals in der Praxis der Systemaufstellung: "Schließlich wurden wir freundlich von ihm in die Pause verabschiedet mit dem sinngemäßen Hinweis, dass es Größeres gebe als das Aufstellen und dass Samstag ja auch noch ein Tag sei.” Dieses Größere war es, was Bert interessierte! Das Aufstellen interessierte ihn zunehmend nur noch, insofern es zu diesem Größeren hinführte.

Das Etikett passt nicht zu Bert, aber es passt zu dieser Biografie, die Bert darauf reduziert, "Begründer der Familienaufstellung" zu sein. Und das ist er nicht einmal. “Familienaufstellung” ist ein Fachbegriff für die Aufstellungen, wie sie schon vor Bert in der systemischen Familientherapie angewandt wurden. Bert ist der Begründer des phänomenologisch-systemischen Familienstellens, kurz: des “Familienstellens nach Bert Hellinger”.

Phänomenologie

Dem Konflikt mit den konstruktivistischen Systemikern, um den es im Kapitel Die Anfeindungen” im Wesentlichen geht, liegt zu Grunde, dass Berts phänomenologische Vorgehensweise mit der Arbeitsweise der systemischen Familientherapeuten und ihren “therapeutischen Standards” nicht in Einklang zu bringen ist. Hier verläuft eine objektive Scheidelinie.

Jeder konnte sehen, dass Berts Arbeitsweise - sagen wir: sehr unorthodox war. Aber kaum jemand verstand, damals wie heute, was genau er mit “phänomenologischer Vorgehensweise” meinte. Es ist schwer zu verstehen, und Bert hat es seinen Zuhörern oder Lesern auch nicht leicht gemacht. Hier hätte die Biografie eine Aufgabe gehabt. Doch das Wort phänomenologisch habe ich darin nur an einer einzigen Stelle gefunden: “Ich bin rein phänomenologisch vorgegangen, das heißt, ich habe mich ausschließlich daran orientiert, was sich bei Aufstellungen immer wieder zeigte und sich dadurch verifizierte.”

An dem Beispiel ist auch etwas Richtiges. Es ist aber nicht geeignet, Phänomenologie zu erklären. Denn die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten, die in Systemen wirken, kommt aus der Beobachtung regelhaft wiederkehrender Phänomene. Beobachtung ist aber nicht Wahrnehmung im phänomenologischen Sinn! Wahrnehmung macht sich gerade nicht an den beobachtbaren Phänomenen fest, sondern nimmt etwas wahr, das hinter ihnen als Wesentliches verborgen ist.

Auf 25 Seiten wird in der Biografie der alte Streit mit den Systemikern verhandelt. Für Berts Konzept des phänomenologischen Familienstellens hat die Biografie ganze drei (und noch dazu untaugliche) Zeilen. Das wirft natürlich Fragen auf! Vor allem: Ob die Autorinnen es nicht besser können oder ob sie es nicht wollen.

Berts philosophisches Werk

Im Jahr 2013 sagte Bert über sich und seine Arbeit: "Was hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin? Als erstes: Ich bin ein Philosoph, kein Familiensteller. Ich bin ein Philosoph. Alles, was ich getan und geschrieben habe, ist Philosophie. Es ist die Anwendung einer philosophischen Methode. Und diese Methode heißt Phänomenologie. Das ist eine Vorgehensweise, ohne dass es ein Ziel gibt."

Außerdem schrieb Bert seit Mitte der 2000er Jahre zahlreiche kleine philosophische Betrachtungen.  Von dieser Aufgabe war er zunehmend in Anspruch genommen. Er schrieb diese Geschichten in großer Fülle, schneller, als ich lesen konnte. Er selbst sagte über diese Geschichten, sie “brauchen Zeit, um sich zu erschließen. Sie verlangen nach Zwischenpausen.” Genau so geht es mir, wenn ich sie lese, immer noch: Zwei, drei Seiten, dann reicht’s erstmal. Anderen Lesern wird es genauso gegangen sein. Bücher von dieser Art kann man nicht eins nach dem anderen lesen.

Bert veröffentlichte in 25 Jahren an die 100 Bücher. Zur Hälfte sind das Bücher über die Aufstellungsarbeit, Transkripte von Seminaren oder Bücher über jene Gesetzmäßigkeiten, welche in Beziehungen wirken. Die andere Hälfte seiner Bücher sind philosophischer Natur, vor allem Sammlungen kurzer Betrachtungen.

Wenn man auch seine Vorträge während der Aufstellungs-Seminar berücksichtig, besteht die Hälfte von Berts Werk aus philosophischen Betrachtungen und Einsichten. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, dass dieser Aspekt seines Lebens Bert wichtig war. Hätte er diese Biografie selbst verfasst, hätte er dem auch angemessenen Raum gegeben. Und wie ist die Wirklichkeit? Nicht ein Kapitel dazu habe ich gefunden. Nicht eine Seite. Keine einzige Zeile.

Wozu dient das Buch?

Warum steht in dieser Biografie so viel Falsches? Warum wird Berts Werk dort auf das Familienstellen reduziert? Aus dem Inhalt des Buches selbst ergeben sich nur wenige Hinweise:

Im Vorwort steht: “2018 habe ich meine sämtlichen beruflichen Aktivitäten wie die Hellingerschulen und den Verlag Hellinger Publications meiner Frau Sophie übertragen.” Am Schluss des Buches steht das Gleiche noch mal. Aber was genau heißt denn "Aktivitäten übertragen"?

War Bert denn in den letzten 10 Jahren im hauseigenen Verlag aktiv - außer, dass seine Texte dort veröffentlicht wurden? Die technischen Verlagsarbeiten wurden stets von Angestellten des Hellinger-Büros erledigt. Und die Hellingerschule? Die Biografie sagt an anderer Stelle: “Im Jahr 2013 eröffnete Sophie Erdödy in Bad Reichenhall eine Hellingerschule, in der die Familienaufstellung gelehrt und praktiziert wurde.” Und drei Seiten später: “Sophie hatte durch ihre Hellingerschule eigene Gefolgsleute.” Ihre Hellingerschule, nicht seine!

Ein dreiviertel Jahr nach Erscheinen der Biografie starb Bert. In ihrem Nachruf auf Bert erklärte Sophie Hellinger: “Mir hat er die gewaltige Aufgabe übergeben und hinterlassen, seinen Auftrag und sein Werk fortzuführen.” Das kann man nun glauben oder auch nicht.

Von was für einem “Auftrag” wäre denn da die Rede? Bert sprach davon, "von einer anderen Kraft in den Dienst genommen" zu sein. In seinem Verständnis würde es sich also um einem Auftrag “von oben”, aus der geistigen Welt handeln. Könnte jemand solch einen Auftrag an eine andere Person weiterreichen? So hätte Bert nicht gedacht.

Und sein Werk? Was wäre das denn? Natürlich denkt jeder zuerst an das Familienstellen. Genau diese Sichtweise wird von der Biografie auch bedient. Doch Bert sagte unmissverständlich: "Ich bin ein Philosoph, kein Familiensteller". Seine Orientierung hat sich seit 2000 fortwährend in eine andere Richtung verschoben, weg vom therapeutischen Familienstellen, hin zu dem, was er als “andere Dimension” umschrieb. Das geistige Familienstellen geht  natürlich in diese Richtung. Die Biografie folgt dieser Richtung jedoch nicht.

In seinen letzten drei Lebensjahren hat Bert, sowohl in persönlichen Gesprächen als auch öffentlich, von seiner unmittelbaren geistigen Beziehung zu Jesus gesprochen. Bei seinem letzten öffentlichen Seminar in Cancun, Mexiko 2017, rief er während einer Aufstellung: “Wo ist Jesus? Jesus ist nicht hier! Das hier ist alles nur Theater!” Und genau das würde er über diese Biografie auch sagen: Jesus kommt darin nicht vor.

In Sophies E-Mail, die am Tag nach Berts Tod verbreitet wurde, finden wir darin die Aussage: “In tiefer Dankbarkeit blicke ich auf das Geschenk, das er mir als seiner Frau gemacht hat: Ich durfte über Jahre hinweg mit ihm in Liebe verbunden sein, von ihm lernen und mit ihm zusammen das Familienstellen zum Original Hellinger Familienstellen weiterentwickeln. Mir hat er die Weiterführung seiner Arbeit als Vermächtnis hinterlassen.”

Dass Sophie Berts Nachfolge von für sich beanspruchen würde, war seit vielen Jahren absehbar. Aber müssen wir an diesem Vermächtnis zweifeln? Es könnte schließlich so gewesen sein! Beweisen lässt sich das eine so wenig wie das andere. Doch man darf schon erstaunt sein: Nicht etwa allen Aufstellern auf der Welt sollte Bert “die Weiterführung seiner Arbeit als Vermächtnis” hinterlassen haben? Nur einer einzigen Person, “mir”, Sophie?

Wenn da jemand kleinlich-juristisch eingestellt wäre, könnte er nun fragen: “Liegt dieses Vermächtnis zufälligerweise in schriftlicher Form vor?” Ja, und da käme dann die angebliche Autobiografie ins Spiel - als wäre sie genau für diesen Zweck geschrieben worden!

“Original Hellinger Familienstellen”?

Das Letztere würde also erklären, warum diese Biografie eingerahmt ist von der Erzählung, dass Bert, im Bewusstsein, das seine Kräfte schwinden, all seine Aufgaben an Sophie übertragen hätte. Es erklärt aber nicht, warum das alte, systemische Familienstellen 70 Seiten Raum, sein neues, geistiges Familienstellen hingegen nur 8, und warum auf diesen 8 Seiten  das alte Familienstellen dargestellt, aber als “Neues” verkauft wird.

Auch dafür finde ich eine Erklärung nur außerhalb der Biografie, in der wirklichen Welt. Was da zählt, ist der Umstand, dass sich das alte, systemische Familienstellen als therapeutisches Instrument weltweit gut vermarkten lässt. Vor allem, wenn man den Namen Hellinger besitzt.

Nicht gut vermarkten lässt sich Philosophie. Der phänomenologische Erkenntnisweg ist kein Geschäft. Wenn man davon ausgeht, dass diese Biografie ein Werbemittel für Sophies Hellingerschule ist, dann ist es nur logisch, dass Bert in diesem Buch auf den Begründer des Familienstellens reduziert wird. Philosophie, Jesus, das macht nur Ärger und bringt nichts ein. Die Worte "phänomenologisch" und "neues Familienstellen" kommen dort zwar noch vor, sind aber inhaltslose Phrasen, Reklame-Floskeln.

Sophie behauptete in ihrer Mail gleich nach Berts Tod, sie habe “mit ihm zusammen das Familienstellen zum Original Hellinger Familienstellen weiterentwickelt”. Was, bitte, soll das denn sein? Frau Google, die sonst so vieles weiß, findet hierfür einen einzigen Eintrag, und zwar auf der Webseite hellinger.com. Dort steht ein mittelprächtiger Werbe-Text, den fast Aufsteller auf seine Webseite schreiben könnte: "Durch die Befreiung der alten unbewussten Bindungen werden wahre Liebe, Zuwendung, Achtsamkeit, Respekt und Träume Wirklichkeit,” und so weiter und so fort.

Da ist auch nicht die Spur einer Andeutung, was dieses Original Hellinger Familienstellen von anderen Formen des Familienstellens unterscheiden würde. Nur das “®”, das besagt, das der Hellinger ein eingetragener Markenname ist, ist insofern eine Unterscheidung, als niemand anders als Sophie Hellinger den Namen als Markenbezeichnung verwenden darf. Doch wenn man nach inhaltlichen Unterscheidungen fragt – da gibt es nichts, einfach nichts.

Bert hat sich stets geweigert, das Familienstellen rechtlich als Marke für sich zu beanspruchen. Es sollte ungebunden hinaus in die Welt gehen und seinen Weg finden. Er hat sein Werk geschützt, indem er ihm zugetraut hat, auch ohne ihn allein zurecht zu kommen, zu wachsen und zu gedeihen.

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Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung. Der vollständige Text (mit allen bibliografischen Angaben) kann beim Autor als PDF-Datei angefordert werden (und ist hier weiter unten zu lesen. – die Redaktio)

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Auf Bert Hellinger bin ich 1999 aufmerksam geworden, als ich einen fotokopierten Artikel über ihn zu lesen bekam. Der Mann schien interessant zu sein – und das war er auch!
Sehr bald erlernte ich selbst das Familienstellen nach Hellinger bei Bertold Ulsamer.

Es folgte die Zeit der Hetz-Kampagne gegen Bert und das Schisma der Aufsteller-Bewegung. Ich begann, Bert gegen alle Angriffe zu verteidigen – heute würde ich sagen: manchmal wie ein Kreuzritter für den wahren Glauben. Warum? Schwer zu sagen. Ich musste es einfach, ich konnte nicht anders.

Später sah ich mich mehr als Berts “Übersetzer ins Deutsche”. Was er in seinen letzten zehn Jahren machte und vortrug, war und ist für viele schwer zu begreifen, und von ihm selbst gibt es praktisch keine systematischen Darlegungen. Die Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger beschäftigt mich seit Jahren jeden Tag meines Lebens.

Thomas Gehrmann (* 1952), Aufsteller und Autor mehrerer Bücher zum Thema, teilweise zusammen mit Ursula Steinbach. Keine Webseite. Kontakt über das untenstehende Formular an die Redaktion oder E-Mail: gehrmann-kassel@web.de

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Kritische Anmerkungen zu “Bert Hellinger. Mein Leben. Mein Werk” - Bert Hellinger zu Ehren

Vorbemerkung

Dieses Buch ist voll mit alten Geschichten, die Bert ängst nicht mehr interessierten. Umgekehrt enthält es wenig, fast nichts von dem, was ihn wirklich beschäftigte in der Zeit, in welcher er seine Biografie verfasst haben soll. Vieles, was in dem Buch geäußert wird, passt nicht zu ihm, manches ist auch einfach falsch – sei es aus blanker Unwissenheit oder mit Absicht. Alles in allem finde ich keinen Grund anzunehmen, dass Bert selbst an der Entstehung dieser Biografie maßgeblich beteiligt gewesen wäre. 

Fassung 1.3  November 2019

Einleitung

Als ich im Frühjahr 2019 in dem Buch “Bert Hellinger. Mein Leben. Mein Werk” las, schaffte ich es bis Seite 111. Dann legte ich es angewidert beiseite. Wer auch immer aus dem Buch zu mir sprach: Das war nicht Bert! Ich hatte nicht vor, es jemals wieder zur Hand zu nehmen. Eine befreundete Kollegin sagte mir wenig später: “Alle, die Bert von früher kennen, finden dieses Buch schrecklich. Aber viele, die neu zum Familienstellen kommen, sind froh, etwas über ihn persönlich zu erfahren.” 

Ich schrieb seinerzeit gerade an einem neuen Buch über das Familienstellen, und diese Arbeit war mir wichtiger, als mich mit dieser Biografie herumzuärgern. Dann starb Bert, und eine Menge Erinnerungen, Gedanken und Bilder, vor allem aus seinen letzten 10 Lebensjahren, überfluteten mich. Ich unterbrach also die Arbeit an dem neuen Buch und begann, diese Erinnerungen aufzuschreiben. Dabei kam ich an einen Punkt, an dem ich das ärgerliche schwarze Buch, diese sogenannte Autobiografie, nicht länger ignorieren konnte. 

Also unterbrach ich auch die Arbeit an den Erinnerungen und nahm mir die Kritik dieses Buches vor – separat als gesonderten Text. Auch in diesen Erinnerungen werde ich auf die Biographie zurückkommen. Gleichwohl versuche ich, beide Themen zu auseinander zu halten. Denn soweit ich sehen kann, hat diese Biographie nicht viel mit dem echten Bert und seiner Arbeit zu tun. Diese Kritik mag unvermeidlich sein und vielleicht sogar für manche befreiend wirken, doch wird sie stellenweise absehbar eine unangenehme Aufgabe werden, sowohl für den Schreiber als auch für den Leser. Warum sollte ich das in die Erinnerungen einfließen lassen? Ich werde Bert nicht von Kritik aussparen, wenn es einen Grund dafür gibt, aber wäre ungerecht, ihm diese so genannte Autobiographie vorzuwerfen.

Die Reaktionen in meinem Umfeld gingen in eine eindeutige Richtung. Die irritierte, leicht genervte Frage “Wozu machst du das?” deutete milde Skepsis an. “Das kannst du nicht tun, nicht zu diesem Zeitpunkt. Das ist unanständig!” war deutlicher. Eine Freundin, die das Manuskript gelesen hatte, meinte: “Als ich das las, wurde mir schwindelig.” 

Warnung an alle Leser: Die folgenden Seiten wurden nicht weiter auf mögliche Nebenwirkungen geprüft! Doch nur ein einziger Einwand hätte mich von dieser Veröffentlichung abbringen können: Wenn mir jemand gesagt hätte: “Was du da vorbringst, stimmt nicht!” Aber dieser Einwand kam (bisher) nicht. Sollten Leserinnen und Leser dieser Seiten etwas ergänzen oder korrigieren wollen – ich bin gern bereit, das aufzunehmen. Auf dem Deckblatt steht “Fassung 1.3”, was darauf hinweist, dass ich diesen Text korrigiere, sobald ich Gründe dafür erfahre. 

“Auto”-Biografie?

In einem Nachruf las ich neulich dies:

Bert Hellingers Schaffenskraft war unermüdlich. Bis zuletzt war er aktiv. Die beiden letzten Jahre verbrachte er schreibend an seiner Biographie, verbunden mit der Weiterentwicklung des Familienstellens: "Mein Leben, mein Werk", und weitere spannende Artikel oder Bücher.

Ich weiß nicht, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat, aber ich weiß, dass es nicht zutrifft. Berts Schaffenskraft war nicht nur ermüdlich, er war ermüdet. So, wie ich Bert in den letzten zwei Jahren seines Lebens erlebt habe, war er nicht in der Verfassung, Bücher zu schreiben. Er hätte auch keine Erinnerungen mehr zusammenhängend erzählen können, so dass jemand anders sie niederschreibt. Es hat ihn auch nicht mehr interessiert. Ihn hat ganz etwas anderes intessiert, nämlich das, was er in den zehn Jahren vor seinem Tod immer wieder als die “andere Dimension” bezeichnet hat. 

Bert hat nicht mehr geschrieben, kein Buch, geschweige denn Bücher, auch keine “spannenden Artikel”. Wo wären sie denn zu lesen? Bert beschäftigte sich gar nicht mehr mit der Praxis des Familienstellens oder gar ihrer “Weiterentwicklung”. Gleichwohl versucht diese Biografie, genau diesen Eindruck zu erwecken.

Sie enthält zahlreiche Darstellungen, die zu früheren Aussagen und Schriften von Bert einfach nicht passen wollen, auch nicht zu seiner geistigen Haltung, solange ich ihn kenne, und schon gar nicht zu seiner geistigen Ausrichtung in den letzten Jahren.

Damit beziehe ich mich natürlich nicht auf die zahlreichen Original-Texte von Bert, welche in die Erzählung seines Lebens immer wieder eingestreut werden. Auch fand ich im Text immer wieder Stellen, an denen ich aufmerkte: “Das hört sich ja wirklich an, als sei es von Bert selbst!” Aber nicht oft. Das meiste wirkt fremd und befremdlich. 

Wenn aber dieses Buch gar nicht von Bert wäre – von wem wäre es dann? Und warum sollte jemand vortäuschen, dass es sich um eine Autobiografie handele, wenn es nicht stimmte? Welchen Interessen würde das dienen? 

Geschrieben ist das Buch von Hanne-Lore Heilmann, angeblich nach Berts eigenen Berichten. Im Studium von Publizistik und Jura ist die Frage nach der Authentizität von Autobiografien immer wieder ein Thema für Diskussionen. Ein beliebtes Beispiel sind die Memoiren von Dimitrij Schostakowitsch – einem Komponisten, den Bert, nebenbei bemerkt, sehr mochte. Solomon Wolkow hatte mit Schostakowitsch Gespräche geführt, sie aufgeschrieben, aus der Sowjetunion in den Westen geschmuggelt und publiziert. Zunächst wurde er verdächtigt, diese Lebenserinnerungen Schostakowitschs gefälscht zu haben. Was wesentlich dazu beitrug, dass sein Buch schließlich doch allgemein als authentisch anerkannt wurde, war der Umstand, dass Schostakowitsch jede einzelne Manuskript-Seite mit seinem Kürzel signiert hatte. Ich wäre erstaunt, wenn auch die Verfasser/innen des schwarzen Buches in der Lage wären, solch einen Nachweis zu erbringen.

Mehrere Verfasser/innen? Frau Heilmann ist sehr vertraut mit Sophie Hellinger, gewissermaßen ihre Privatsekretärin. Den Details meiner Betrachtungen möchte ich hier voraus schicken, was ich als Ergebnis meiner Betrachtung gefunden habe: Vieles begründet Zweifel an der tatsächlichen Autorschaft des Buches. Allzuvieles passt einfach nicht zu Bert, wenn man ihn auch nur ein wenig kannte. Aber alles passt zu seiner Witwe, Sophie. So war jedenfalls mein Eindruck. Wenn ich das Buch in dem Bewusstsein lese, es sei von ihr verfasst und nicht von ihm, dann passt auf einmal alles, was vorher verwirrend war. Vorsichtshalber werde ich im Folgenden von diesem Buch einfach als der Biografie sprechen. Das trifft ja zu, egal, wer sie verfasst hat – und egal, was sie taugt.

Alles neu?  “Keine neuen Einsichten”

Der eingangs zitierte Nachruf erwähnt eine Verbindung von Berts angeblicher Schreibtätigkeit mit der Weiterentwicklung des Familienstellens. Doch der einzige konkrete Hinweis auf eine Weiterentwicklung des Familienstellens findet sich erst am Ende des Buches, wo es heißt: “Seit einiger Zeit ist es so, dass ich meiner Frau Sophie folge, (...) auch bei der Weiterentwicklung des Familienstellens. Dazu gehört beispielsweise ihre Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen der Epigenetik, dem wohl derzeit spannendsten Forschungsgebiet der Biologie, und dem Familienstellen.” S.288

Hat Bert sich für aktuelle Entwicklungen in den Naturwissenschaften interessiert? Fand er sie spannend? Kaum zu glauben! Wie dem auch sei: Wenn es diesen Zusammenhang, der da behauptet wird, gibt, dann würde er einen bisher unbekannten Effekt der Aufstellungsarbeit darstellen. Das ist aber etwas anderes als eine Weiterentwicklung der Aufstellungsarbeit. In dieser Hinsicht gibt es nichts Neues.

Bei den jährlichen Hellinger-Tagen in Bad Reichenhall wird freilich oft so geredet. Als ich im Herbst 2018 dort war, sprach mich dort eine Frau an, die (um in der Diktion des schwarzen Buches zu bleiben) zu “Sophies Gefolgsleuten” zählt. Das jüngste Buch, das ich (zusammen mit Ursula Steinbach) verfasst habe, das sei ja sehr interessant. Das ältere hingegen, unser Lehrbuch für das geistige Familienstellen, das sei völlig veraltet; die Entwicklung sei längst weit darüber hinaus gegangen. Ich war erstaunt! Was für eine neue Entwicklung mochte das sein? 

Als ich drei Tage später abreiste, war ich stinksauer. Es gab natürlich keine neue Entwicklung. Im Gegenteil, seit Bert nicht mehr selbst aufstellte, geht dort die Tendenz zurück zum klassischen Familienstellen nach Hellinger. Sauer war ich eigentlich auf mich selbst, weil ich mal wieder auf das dort übliche Geschwätz “Jetzt alles neu!” hereingefallen war.

Klar, es gibt immer wieder mal etwas Neues. Ich selbst finde Neues sogar, wenn ich – mit meinem Verständnis von heute – in Berts alten Bücher lese. Aber ich sehe nichts fundamental Neues, keine Weiterentwicklung, die irgendetwas, was Bert gemacht oder gesagt hat, hinter sich ließe. Eine Freundin, die vor etwa einem Jahr mit Bert telefoniert hatte, berichtete mir: “Er sagte, seine Arbeit sei getan, und es gäbe keine neuen Einsichten.”

Bert wollte nie eine Autobiografie schreiben.

Vor Jahren sagte Bert einmal, er werde auf keinen Fall eine Autobiografie schreiben. Das war ihm zu selbstbezogen. Ihm ging es nicht um seine Person. Auch in in den zwei Jahren, bevor er starb, hat er bei all meinen Besuchen und Telefonaten niemals erwähnt, dass er sich mit einer Autobiografie befasse. Ich bin mir sehr sicher: Wenn er sich damit befasst hätte, dann hätte er es auch erwähnt. 

Ich habe diese Biografie immer noch nicht ganz gelesen und werde mir das auch nicht antun. Es regt mich zu sehr auf. Beim ersten Versuch habe ich nach einem Drittel, das Buch weggelegt, weil ich zum wiederholten Male fand: “Das ist nicht Bert, der da spricht!” Nicht nur die Sprache stimmt nicht – so hat er einfach nicht gedacht!

Später habe ich noch an einzelnen Stellen darin gelesen, hoffend, bestimmte Daten zu finden, die mir nicht gegenwärtig sind. Zum Beispiel: In welchem Jahr hat Bert eigentlich angefangen, mit Aufstellungen zu experimentieren? Später traf ich jemand, der selbst dabei gewesen war und sich ganz genau erinnerte. Daher kann ich bestätigen, dass die im Buch angegebene Jahreszahl annähernd zutrifft. Und an kleinen Fehler will ich mich hier nicht aufhängen. (Auch mir, auch hier, wird sicher der eine oder andere Fehler unterlaufen.)

Was ein “kleiner Fehler” ist, das ist natürlich eine ganz persönliche Wertung. Fragwürdige oder eindeutig falsche Angaben in diesem Buch, die Berts Familie oder seine frühere Frau Herta betreffen, sind mir persönlich ziemlich egal. Anderen ist das wichtig. Mir geht es darum, ob das, was Bert erkannt und gelehrt hat, richtig vermittelt wird. Und ich kann mich tierisch aufregen, wenn ich eine Formulierung finde und denke: “Das hätte Bert niemals so gesagt!” Denn selbst in seinem letzten Jahr war seine Wortwahl so präzise wie eh und je. Auch wenn man ihm vielleicht nicht folgen konnte: Er hat niemals “irgendwie so” dahergeredet. 

Man könnte nun sagen: “Ist doch egal, wer’s geschrieben hat – wenn es nur eine gute Biografie ist.” Dazu zweierlei:

Erstens: Wenn es egal ist, warum dann überhaupt erst vortäuschen, Bert habe die Biografie selbst verfasst? Warum? Odere anders gesagt: Wer hat welches Interesse daran? 

Zweitens: Wann ist eine Biografie denn gut? Welchen Erwartungen sollte sie gerecht werden?

Zu eins gibt es eine Stelle im Vorwort (S. 12), an der “Bert” erläutert, warum er seinen Vorsatz, er werde niemals eine Autobiografie verfassen, umgestoßen habe: “Darf ich meiner Frau auch aufbürden, später – wenn ich nicht mehr bin, und das kann jeden Tag passieren – für mich zu sprechen? Fragen, die mit meiner Person zusammenhängen, für mich zu beantworten? Sozusagen für mich zu erledigen, wozu ich keine Lust hatte? Dazu habe ich kein Recht.”

Wer Sophie nicht kennt, könnte gerührt sein. Doch mussten schon viele Menschen die Erfahrung machen, dass Sophie überhaupt kein Problem damit hat, Fragen nicht zu beantworten, wenn sie keine Lust dazu hat. Außerdem hat sie Leute, um lästige Fragesteller abzuwimmeln. So ist es mir selbst widerfahren:

Im vergangenen Frühjahr hatte ich im Hellinger-Büro selbst Woche um Woche angerufen, mehrmals, und nach Bert gefragt. Immer hatte er entweder angeblich noch geschlafen oder war wieder geschlafen gegangen, war mit Sophie weggefahren oder war gerade im Schwimmbad. Ich solle es später noch mal versuchen. Rief ich später wieder an, war es das Gleiche. Irgendwann habe ich aufgehört, es zu versuchen, weil ich den Mitarbeitern im Büro nicht mehr zumuten wollte, mich ständig anzulügen. Es war ja wohl kaum ihre eigene Entscheidung.

Als ich schließlich über drei Ecken erfuhr, Bert habe einen Oberschenkelhals-Bruch erlitten, was Sophie kurz danach bestätigte, habe ich ihr selbst nahegelegt, nicht solch eine Heimlichtuerei darum zu veranstalten. Daraufhin antwortete mir Hanne-Lore Heilmann (ja, richtig, das ist die offizielle Ko-Autorin der Biografie!) in der Funktion als Sophies Privatsekretärin:

“Bert wünscht keinen Besuch, er will endlich mal die Zweisamkeit mit Sophie in Ruhe genießen können. Auch Sophie bittet um Verständnis dafür. Bert hat sich bereits vor mehr als einem Jahr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, und es besteht deshalb kein Anlass für Stellungnahmen irgendeiner Art. Er führt jetzt das Leben einer Privatperson, und niemand hat ein Anrecht auf Informationen in Bezug auf ihn. Beide, Sophie und Bert, bitten ihre Privatsphäre zu respektieren und von weiteren Anfragen abzusehen.”

Angesichts der Umstände scheint es möglich, dass Bert nicht besucht werden wollte - auch wenn ich Gründe habe, es zu bezweifeln. Hat das etwas mit der Biografie zu tun? Möglicherweise, ich weiß es nicht. Die Aussage, Bert sei jetzt nur eine "Privatperson und niemand habe ein Recht auf Informationen über ihn", mag an sich unverdächtig sein. Allerdings, da sie ausgerechnet von Berts Biografin stammt, komme ich doch ins Grübeln.

Was enthält diese Biografie?

Zu zwei: Eine Biografie kann helfen, das Werk eines Menschen besser zu verstehen. Zum Beispiel kann sie helfen, das Werk nicht nur aus sich selbst zu verstehen, sondern auch aus den Lebensumständen der betreffenden Person und den Zeitbezügen. 

Was Bert betrifft, vertrete ich selbst sehr entschieden, dass sein Werk, sowohl seine philosophischen Vorträge und Schriften als auch die Aufstellungsarbeit, nur dann wirklich verstanden werden können, wenn sie im Kontext seines Lebenslaufes betrachtet werden. Dafür braucht es allerdings nur wenig Biografie. Es käme sehr auf die Gewichtung der einzelnen Aspekte an. 

Die Biografie Mein Leben. Mein Werk, dafür genügt ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis, besteht aus 90 Seiten Vorgeschichte (also seine Geschichte vor dem Familienstellen), gut 70 Seiten systemischem Familienstellen, 40 Seiten Verschiedenem, 35 Seiten zur Hasskampagne Anfang der 2000er Jahre, und dann 7 Seiten zum sogenannten Neuen Familienstellen. Nota bene: 70 Seiten altes Familienstellen – 7 Seiten neues Familienstellen!

Die Vorgeschichte (Kindheit & Jugend, Militärdienst) halte ich für überflüssig, zumal sie wenig enthält, was Bert in seinem Gesprächsband mit Gabriele tenHövel nicht bereits erzählt hätte.(Bert Hellinger / Gabriele tenHövel, Ein langer Weg. Gespräche über Schicksal, Versöhnung und Glück. München 2005. Dieses Buch, Ein langer Weg, ist übrigens wirklich autobiografisch. Hier spricht Bert in eigenen Worten über sich, seine persönliche Entwicklung und seine Arbeit.)

Der Klappentext von Mein Leben. Mein Werk wirbt damit: “Zum ersten Mal spricht Bert Hellinger über private Erlebnisse”. Was ich hier zum ersten Mal gelesen habe,
ist seine Mitteilung (wenn es denn seine ist): 

“Unsere Beziehung wurde enger, ja, beide fühlten wir uns zueinander hingezogen. Doch für Sophie wäre ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann nie in Frage gekommen.” (S. 214) Wen geht das denn etwas an? Über so intime Angelegenheiten habe ich Bert niemals sprechen hören, und ich hätte ihn auch nie danach gefragt. Wozu auch? Ich finde es schon merkwürdig, dass er hier so etwas ausbreiten sollte. Solche “privaten Erlebnisse” (oder Ansichten) wären meines Erachtens besser privat geblieben. 

Bert war kein Moralist. Für Ehebruch hätte er niemanden – auch sich selbst nicht – verurteilt, umgkehrt aber auch niemanden dafür gepriesen, dass es (oder sie) so etwas nie getan hätte. Bevor mich diese Stelle in der Biografie mit der Nase darauf stieß, habe ich über diese Möglichkeit nie nachgedacht. Und noch einmal: Wozu auch? Würde es irgendetwas, das Bert uns gelehrt hat, in einem anderen Licht erscheinen lassen?

Diese Fragen zeigen aber, dass ich dieser angeblichen Auto-Biografie in gewisser Weise immer noch auf den Leim gegangen bin: Ich fragte mich, warum Bert das behaupten sollte. Das macht einfach keinen Sinn. Die Sache sieht jedoch anders aus, wenn man sich fragt: Warum sollte Sophie so etwas behaupten? Genauer: Warum sollte sie den Ich-Erzähler des Buches so etwas über sich sagen lassen? Stellen wir uns vor, Sophie würde selbst (ohne das jemand danach gefragt hätte) über sich schreiben: “Für mich wäre ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann nie in Frage gekommen.” Was würdest du, Leser, dir denken?

Mit genauen Zeitangaben ist die Biografie an dieser Stelle sparsam: “Ende der 1990er Jahre kam eine neue Teilnehmerin in meine Seminare: Sophie”.S. 212 “Im Jahr 2000 eröffnete Sophie in Bad Reichenhall eine Hellingerschule” (S. 213) – da durfte ihre Firma also schon seinen Namen tragen. “In den letzten Tagen des Jahres 2001 traf ich eine Entscheidung: Ich würde mich von Herta scheiden lassen.” (S. 214)  Passt das zusammen? Nicht wirklich.

Nach dem, was ich Berts Vorgeschichte nenne, ist der größte Brocken der Biografie eine Darlegung des alten Familienstellens. Ich habe nicht vor, das zu lesen, und gehe davon aus, dass es schon sachlich richtig sein wird. Indes stellt sich die Frage, wieso die Ordnungen, das Gewissen etcetera in einer Biografie ausgebreitet werden müssen. Es gibt doch schon lange gute Bücher über das systemische Familienstellen. 

Seit jenem Gesprächsband mit Frau tenHövel, der im Jahre 2005 erschien, ist neu entstanden, was Bert das Neue Familienstellen nannte. Hier hätte es also einen Bedarf gegeben, es ausführlicher darzustellen. Tatsächlich enthält die Biografie ein eigenes Kapitel Das Neue Familienstellen. Es umfasst, wie gesagt, ganze 7 Seiten. Auf den ersten Blick erscheint das vielleicht wenig. Doch wenn man genauer hinschaut, dann ist es noch viel weniger!

Das sogenannte “Neue Familienstellen”

Im dritten Absatz dieses Kapitels liest man: “Statt der ganzen Familie wird oft nur ein Stellvertreter für den Klienten aufgestellt. Dabei ist es  wichtig, dass sich dieser Stellvertreter – ohne dass er etwas über den Klienten weiß – allein der inneren Bewegung überlässt, wie sie ihn von innen und außen erfasst.” (S. 275)  Das ist zwar nicht falsch, aber erstens ist das nur eine äußerliche Beschreibung. Sie enthält keinerlei Erklärung, was denn das Neue Familienstellen im Kern ausmache. Und zweitens: Es ist nicht wirklich neu!

2007 schrieb Wilfried Nelles: “Die ‚Bewegungen der Seele’ sind von Anfang an missverständlich gewesen. Das Missverständnis lag und liegt in der Gleichsetzung der Methode (die Stellvertreter dürfen sich bewegen) und innerer Bewegung (die Seele wird bewegt). Das erweckt den Eindruck, dass es in den alten, statischen Aufstellungen keine innere Seelenbewegung gegeben hätte.”

Wilfried Nelles, Klassisches Familienstellen, Bewegungen der Seele, Bewegungen des Geistes. Wohin bewegt sich die Aufstellungsarbeit? In: Praxis der Systemaufstellung, 1/2007 S. 33

Ich habe seinerzeit diesen Artikel in meinem Buch Über Psychotherapie hinaus völlig verrissen. Auch heute würde ich sagen, dass er nicht gut geschrieben war und dass Nelles, der damals einen Zorn auf Bert hatte, in seiner Kritik stellenweise daneben lag. Für meine Replik gilt das ebenso. Mein Furor, Bert gegen jede Kritik zu verteidigen, war maßlos. Ich muss bei Nelles Abbitte leisten: Der Artikel enthält durchaus Bedenkenswertes. Dass Nelles den Begriff “Bewegungen der Seele” noch verwendete, das war zum Zeichen, dass er sich hier gegen Bert positionierte. Bert sprach inzwischen von den “Bewegungen des Geistes”, und davon wollte Nelles nichts wissen.

Gleichwohl ist Nelles’ oben zitierter Einwand nicht von der Hand zu weisen. Weiter beklagte Nelles sich, dass Bert “seit Beginn des Jahres 2006 vom ‚geistigen Familienstellen’ spricht und dies als ‚das neue Familienstellen’ bezeichnet”, dabei aber das Wort ‚Seele’ “ohne weitere Erläuterungen durch den ‚Geist’ ersetzt habe.” ( ebendort, S. 37)

Aus Nelles’ Beschwerde erfahren wir jedenfalls, dass für Bert das Neue Familienstellen gleichbedeutend war mit “geistigem Familienstellen”, “Bewegungen des Geistes” oder “Gehen mit dem Geist”. Solch eine Klarstellung fehlt in der Biografie! Unvermittelt heißt es im zweiten Absatz des Kapitels: “Bevor ich ins Detail gehe, sage ich erst noch etwas über das, was ich ‚den Geist’ nenne. Von ihm spreche ich im Sinne einer höheren Macht, die als Ursache von allem angesehen werden muss. Dieser Geist offenbart sich auch in den Bewegungen unseres Körpers und unserer Seele. Das zeigt sich in dem  en, dass die Stellvertreter bei einer Familienaufstellung plötzlich fühlen wie die Personen, die sie vertreten, ohne etwas von ihnen zu wissen.” (S.275)

Das ist zwar richtig, aber – genau, wie Nelles im obigen Zitat schrieb – wirklich nicht neu! “Von Anfang an”, bestätigte Bert in einem Buch, das er tatsächlich selber geschrieben hat, “war es für viele unerklärlich, wie die Stellvertreter genau wie die Menschen fühlten, die sie vertraten, ohne dass sie etwas von ihnen wussten. Darüber hinaus bewegten sich die Stellvertreter ohne einen Eingriff von außen in eine Richtung, die unmittelbar ans Licht brachte, auf was es in dieser Familie ankam. Zum Beispiel, ob es jemand von ihnen in den Tod zog.” (Bert Hellinger, Wege in eine andere Weite. Das mediale Familienstellen. Bischofswiesen 2013. S. 21 ) Von Anfang an! Also nicht erst durch das sogenannte Neue Familienstellen.

Nur wurde damals das, was Bert hier als “mediale Offenbarung” bezeichnete, “in den Hintergrund gedrängt.” (ebendort, S. 22) Das heißt, nicht dieses Phänomen als solches war neu, sondern es in den Vordergrund zu rücken und es zu ergründen, das war neu! Und das hat Bert letztlich zu seinem Konzept des geistigen Familienstellens geführt. Dieser Hinweis hätte auch das bewusste Kapitel der Biografie zieren können. Hat er aber nicht.

Anstößig

Betrachten wir nun den Abatz, welcher das Kapitel einleitet. Der lautet: “Ausgehend von meinen Erlebnissen und Erkenntnissen zur Versöhnung von Opfern und Tätern bei Familienaufstellungen entwickelte ich zusammen mit meiner Frau Sophie das sogenannte Neue Familienstellen. Es begann für mich damit, dass ich im Jahr 2008 mehr als sechs Mal an den Energieseminaren Cosmic Power meiner Frau teilgenommen hatte. Hier eröffnete sich mir eine neue Dimension.”S 275

Wie bitte? Bert soll das “neue Familienstellen” zusammen mit Sophie seit 2008 entwickelt haben, weil sich ihm in Sophies Cosmic-Power-Seminaren eine neue Dimension eröffnete? Was sich ihm dort eröffnete, weiß ich nicht. Vielleicht sogar eine neue Dimension, warum nicht. Aber dass hier der Anfang des Neuen Familienstellens gelegen habe, ist nicht wahr.

Seit der Aufstellung von Bern 1999 änderte Bert seine Vorgehensweise. Dabei sprach er zunächst von den “Bewegungen der Seele” und, wie wir gerade bei Nelles lasen, seit Anfang 2006 vom “geistigen” oder “neuen” Familienstellen Die Unterscheidung von “Bewegungen der Seele” und “Bewegungen des Geistes” ist zwar grundsätzlich bedeutsam, tut hier aber nichts zur Sache. Das hatte mit seiner Frau Sophie und ihren Energie-Seminaren überhaupt nichts zu tun! 

Soviel nur zum Begriff “neues Familienstellen”. Die besondere Vorgehensweise selbst ist sogar noch älter! Jakob R. Schneider schrieb über seine erste Aufstellung bei Bert: “Diese Aufstellung verlief im Grunde wie in den späteren ‚Bewegungen der Seele’. Keine Festlegung, keine Aufarbeitung, kein Lösungsbild, keine Lösungssätze. An einem bestimmten Punkt unterbrach Bert und sagte: ‚Du hast genug gesehen’. Ich hatte genug gesehen.” (Jakob R. Schneider, Schlüsselerlebnisse. In: Danke, Bert. Festschrift zum 85. Geburtstag von Bert Hellinger.  Kassel 2010. S. 125 )Das war 1983, als sich (wenn man der Biografie glaubt) Bert und Sophie noch gar nicht kannten.

Ja, ich denke: Auch wir haben hier genug gesehen! Und ich finde es schon anstößig, wenn die “Fehler” eine bestimmte Tendenz aufweisen, nämlich Sophie fälschlich besondere Beiträge zur Entwicklung des Familienstellens zuzuschreiben. Jedoch, ist es denn hier noch angebracht, von einem Fehler zu sprechen?

Wenn die Umstände eines Ereignisses so detailliert beschrieben werden wie hier (“...im Jahr 2008 mehr als sechs Mal.” Hier, genau “hier, eröffnete sich mir eine neue Dimension.”), dann erhöht das die Glaubhaftigkeit des Berichts. Wir werden verführt zu denken, dass dieses Ereignis, so oder ähnlich, auch stattgefunden habe. Offensichtlich weiß der Autor ja sehr genau, worüber er schreibt! Oh ja, der Autor weiß, was er schreibt. Nur, wenn das, was da behauptet wird, offensichtlich nicht stimmt, gar nicht stimmen kann, dann scheint es mir genauso offensichtlich, dass der Autor (bzw. die Autorin) sehr genau weiß, dass er seine Leser täuscht und belügt.

Ich behaupte nicht, Sophie hätte keinen Anteil an Berts Arbeit. Ein ständig vorwärts drängender Geist wie Bert brauchte Austausch, brauchte Dialog. Den wird er mit seiner Frau gehabt haben. Da werden schon Impulse von ihr gekommen sein. Nur weiß ich nichts Bestimmtes, wo ich sagen könnte: “Dieser Beitrag zum geistigen Familienstellen geht auf Sophie zurück.” 

Einsamkeit

Wie gesagt, Austausch und Dialog hätten Bert gut getan. Aber seine Möglichkeiten dazu waren in der Zeit, in der ich ihn kennen lernte, zunehmend eingeschränkt. Das lag sicher auch an ihm selbst: Er machte wohl seit jeher vieles mit sich allein ab, ohne Andere nach ihrer Meinung zu fragen. Manchmal schien Bert auch verliebt in seine eigene Großartigkeit und brauchte niemand anderen. Aber das war nicht immer so. Teilnehmer seiner früheren Seminare in den 80er und 90er Jahren erinnern sich an ihn als weit umgänglicher und dialogfreudiger als späterhin.

Was führte zu dieser Veränderung? Ich kann nur raten. Das klassische Familienstellen war gewissermaßen fertig, abgeschlossen, und der Wechsel zur geistigen Arbeitsweise erfolgte. Bert heiratete Sophie und zog mit ihr zusammen. Bert arbeitete regelmäßig vor großem Publikum. Mit der IAG gab es eine Organisation, die ihm in seiner neuen Entwicklung nicht folgte und in der seine Rolle nicht eindeutig war. War irgendetwas davon der Grund? Ich weiß es nicht.

Vielleicht war seine Abwendung vom Feld der Systemaufsteller zwangsläufig. Jedenfalls fand sie statt. Die Bewegung der Systemaufsteller, ihre Kongresse und ihre Organisationen (zunächst IAG, später DGfS) sowie Berts Bruch mit ihnen waren gewiss keine nebensächliche Episode in seinem Leben. In dieser Biografie jedoch finden wir nur einen einzigen schmalen Absatz.

Wer oder was genau hinter dem Zerwürfnis mit den Systemaufstellern steckte, ist anderen besser bekannt als mir. Die Biografie schweigt sich dazu aus, aus gutem oder schlechtem Grund. Diese Trennung als Faktum, will mir scheinen, hat Bert persönlich nicht gut getan. Sie führte dazu, dass er für einen Austausch kaum noch Ansprechpartner hatte außer seiner Frau. In seinen letzten Lebensjahren fühlte er sich, in dieser Hinsicht, einsam.

Bert und die DGfS

Alles, was den Autor/innen der Biografie zu Bert und der DGfS einfiel, passt in 7,5 Zeilen. Ein Drittel davon wird allein von den Namen der Organisationen gefüllt. All die Jahre mit den anderen Aufstellern, die seine Arbeit weitertrugen, sind in fünf Zeilen des Buches gepresst. Und was sie mitzuteilen haben, ist überwiegend falsch! Der Absatz lautet:

“Auch von den Mitgliedern der 2004 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS), an der ich mich nicht beteiligte, sah und hörte ich in der Folgezeit Folgezeit bedeutet hier: Nach den heftigen Attacken der deutschen systemischen Familientherapeuten in den Jahren bis 2004. Einige von ihnen sind auch Mitglieder in der Gesellschaft der Systemkonstellatoren, und die Namen beider Organisationen, DGSF und DGfS, erscheinen alle ähnlich und verwirrbar, nichts mehr. Folgezeit bedeutet hier: Nach den heftigen Attacken der deutschen systemischen Familientherapeuten in den Jahren bis 2004. Einige von ihnen sind auch Mitglieder in der Gesellschaft der Systemkonstellatoren, und die Namen beider Organisationen, DGSF und DGfS, erscheinen alle ähnlich und verwirrbar.Dabei war die DGfS aus der 1996 von mir  initiierten Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG) hervorgegangen. Nach meinem Namen sucht man in der Tätigkeitsbeschreibung der DGfS jedoch vergebens.” (S. 273)

Mit einer Tätigkeitsbeschreibung definiert man einen Arbeitsplatz, für den man einen geeigneten Angestellten sucht. Was immer die IAG war (und in der Nachfolge die DGfS ist) – sie war nicht Berts Ausführungsorgan, kein “Hellinger-Büro”. Ein Wort wie “Tätigkeitsbeschreibung” kam in Berts Wortschatz nicht vor.

Sachlich falsch ist die Behauptung, Bert habe nach 2004 nichts mehr von den Systemaufstellern gehört. Tätsächlich beteiligte sich Bert noch 2005 am Kongress der DGfS in Köln, und wie ich hörte, scheiterte seine Beteiligung am Kongress 2007 nur an irrwitzigen Honorarforderungen aus dem Hause Hellinger. Bis dahin gab es auf jeden Fall  noch Gespräche.

Sachlich falsch ist auch die Behauptung, Bert habe die Gründung der IAG “initiiert”. Das hat er nicht, und das hätte er auch nie behauptet. Die Gründung der IAG ging nicht auf Bert zurück, sondern auf Gunthard Weber und Jakob R. Schneider. Bert – der wirkliche, nicht der Ich-Erzähler von Mein Leben. Mein Werk – war an der Gründung von Organisationen nicht interessiert.

Es ist auch nicht so, dass man Berts Namen bei der DGfS, etwa auf ihrer Webseite, vergebens suchen würde. Zum Beispiel steht dort unter der Überschrift Die Entwicklung der Aufstellungsarbeit: “Die Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) entstand aus der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG). Obwohl Bert Hellinger der Begründer der Arbeit mit Familienaufstellungen war, beteiligte er sich nicht mehr an der Umwandlung in den DGfS Mitgliederverein.” 

Weder wird Bert verschwiegen noch unfair dargestellt. Auf der Webseite der DGfSsystemaufstellung.com stehen aktuell die Nachrufe von vier (ehemaligen) Vorsitzenden der DGfS. (www.systemaufstellung.com am 6.11.2019). Der vom aktuellen Vorsitzenden, Christopher Bodirsky, endet mit dem Satz: “Wir verneigen uns vor ihm, dessen Name immer mit dieser fantastischen Arbeit verknüpft sein wird.”

Das unbegründete Lamento der Biografie-Autor/innen gegenüber der DGfS, “nach meinem Namen sucht man jedoch vergebens”, verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, wie andere Organisationen aus dem Hause Hellinger mit rechtlichen Schritten bedroht werden, gerade weil sie den Namen Bert Hellinger in ihrem Titel führen.

Die Anfeindungen

Die Anfeindungen gegen Bert von 2003/2004 müssen in seiner Biografie natürlich erwähnt werden. Man könnte diesen historischen Vorgang analysieren und herausarbeiten, was die verschiedenen Akteure dabei angetrieben hat, auch fragen, ob und wie er mit Berts eigener Entwicklung in Beziehung gestanden hat. Ich selbst hatte 2009 einiges dazu geschrieben. (Gehrmann, Über Psychotherapie hinaus. Die Entwicklung des Familienstellens nach Bert Hellinger. Bischofswiesen 2009, besonders S. 65.)

In der Biografie wird Arist von Schlippe, weiland Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft. als der Schurken übelster dargestellt: “Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, meldete sich 2004 auch noch Arist von Schlippe zu Wort”. (S. 249) Auf zwanzig Seiten wird nun von Schlippes Offener Brief von damals verhandelt, worin er sich über das Hitler-Kapitel aus Berts Gottesgedanken, seine Wohnung in der sogenannten kleinen Reichskanzlei sowie ein verfälschtes Zitat von Bert ereifert, das eine antisemitische Einstellung vermuten lässt. Weiterhin werden verschiedene Repliken zu Berts Verteidigung von damals in voller Länge ausgebreitet.

All das bleibt auf der Ebene “Wer hat Recht?”. Damals, als diese Antworten geschrieben wurden, war das angemessen, denn viele Anwürfe von Schlippes gegen Bert waren in der Sache völlig unhaltbar. Aber heute, fünfzehn Jahre danach? Wer braucht das noch? Bert nicht. Er hatte 2008 das Manuskript zu meinem Buch Über Psychotherapie hinaus in seiner Entstehung begleitet. Schließlich hat er mir angeboten, das Buch in seinem Verlag herauszubringen. Ich fühlte mich geehrt und nahm sofort an.

Vermutlich hätte ich auch keinen anderen Verlag gefunden. Ich hatte damals geglaubt, dass die Frage, was eigentlich zum Bruch zwischen Bert und den Systemaufstellern geführt habe, die ganze Aufsteller-Szene brennend interessieren würde. Obwohl ich die Sache heute differenzierter sehe als damals, hatte ich doch einige gute Antworten. Doch das Interesse war gering. Was die Verkaufszahlen betrifft, so war das Buch ein völliger Flop. Bedrückt teilte ich Bert das mit, doch er war ganz frohgemut. Er meinte, das Buch habe seine Wirkung gehabt: “Seither ist Ruhe!” Welchen Beitrag mein Buch dazu tatsächlich geleistet hatte, steht dahin. Aber: Das Thema der Anfeindungen gegen ihn war für Bert erledigt!

Doch nun heißt es in der Biografie: “Ich äußerte mich zu all den Anschuldigungen und Behauptungen nicht. Meine Frau Sophie drängte mich, gerichtlich dagegen vorzugehen. Doch ich wollte das damals nicht. Heute, nachdem ich über Jahre hinweg die Auswirkungen dieser Hetzkampagne beobachten durfte, halte ich es allerdings anders.” (S. 271) Isoliert betrachtet, klingt das nachvollziehbar: Irgendwann reicht’s. 

Allerdings gibt es dafür, welche Auswirkungen der Autor neuerdings beobachtet hätte, nur ein einziges Beispiel: Einer der notorischen Hellinger-Hasser schrieb 2018 in einem Buch, Bert sei verstorben. Das war zwar falsch, aber eigentlich nicht ehrenrührig. Ich habe weiß Gott schon schlimmere falsche Behauptungen über Bert gelesen. Der Rest, der in der Biografie erwähnt wird, sind alles alte Kamellen.

Letzlich erscheint Bert als armes Opfer, dem Unrecht getan wurde. Das passt dazu, dass er nebenbei, wenn nicht heilig, so doch selig gesprochen wird – durch ein eigenes Zitat: “Vor einiger Zeit (...) habe ich mich daran erinnert, was Jesus darüber gesagt hat, was selig macht: ‚Selig sind die Friedfertigen und die, die Frieden bringen. Und er hat gesagt: ‚Liebet eure Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen.” (S. 242) Genau so hat Bert es auch gehalten. Das hat er gelebt! Die Frage ist also: Wieso auf einmal nicht mehr? Dafür liefert die Biografie keinen Grund.

Zu Arist von Schlippe, dem über die Hälfte des Kapitels “Die Anfeindungen” gewidmet ist, wäre noch etwas anzumerken. Was er damals in seinem Offenen Brief vertreten hat, fand ich – zurückhaltend formuliert – nicht korrekt. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal zu seiner Verteidigung aufstehen würde. Doch man muss anerkennen, dass er nicht nur seine “Absage an Bert” öffentlich verbreitet hat. Auch die Unzahl von Antworten, die er daraufhin bekam – einschließlich derer, die nun in der Biografie erneut und in extenso wiedergegeben werden – hat von Schlippe selbst zusammengefasst und (als Feedback) veröffentlicht. Die Sammlung Aristv.Schlippe“...und deshalb bist du ein Elch!” Ein offener Brief und seine Folgen. ist nach wie vor als PDF im Internet zu finden.

In der Biografie behauptet der Ich-Erzähler: “Alles, was mich in dem richtigen und auch in einem guten Licht zeigte, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Man hätte ja sonst einen Fehler zugeben müssen. Stattdessen machte man weiter wie bisher. Das war auch bei Arist von Schlippe der Fall. In einem nächsten Schritt brachte er folgendes Positionspapier heraus”, die sogenannte Potsdamer Erklärung.

Es ist nicht wahr, dass von Schlippe sich geweigert hätte, einen Fehler zuzugeben. Seiner Sammlung, die seinen Offenen Brief sowie die zahlreichen Antworten enthält, geht sein Kommentar voraus, in dem er zugibt: “Im Nachhinein stimmen natürlich die Vorwürfe, dass ich mich hätte besser informieren müssen”. Und ebenort stellt er auch klar: “Für mich ist Bert kein Nazi, auch kein Faschist und sein Denken kein Wegbereiter ‚brauner’ Weltanschauung.” Man kann immer noch der Meinung sein, dies sei eine allzu dürftige Entschuldigung – aber immerhin! Es hätte der Biografie gut angestanden, anzuerkennen.

Auch die Potsdamer Erklärung ist kein “Weiter wie bisher”, wie die Biografie unterstellt. Während von Schlippe in seinem Offenen Brief Nazi-Verdächtigungen gegen Bert andeutete oder kolportierte, ist diese Erklärung in der Tat ein Positionspapier. Darin grenzen die konstruktivistischen Systemiker ihre selbstgesetzten therapeutischen Standards gegen Berts Vorgehensweise ab, allerding ohne zu bedenken, dass diese Standards für eine phänomenologische Arbeitsweise nicht gelten können. Insofert halte ich diese Erklärung für ignorant. Grundsätzlich jedoch war es legitim, Position zu beziehen und sich abzugrenzen. Diese Systemiker waren in der Defensive, und sie haben sich gewehrt. Man kann sich mit diesen Positionen auseinandersetzen, wenn man will, auch 15 Jahre später noch. Aber diese Mühe spart sich die Biografie.

Falsch, falsch und nochmal falsch!

Zurück zur Behandlung des geistigen Familienstellens in der Biografie. Es finden sich dort schon Aussagen dazu, und dass diese Aussagen oft sehr vage bleiben, das würde keinen Zweifel an Berts Urheberschaft begründen. So hat er geredet. Bert hat meistens auch vermieden, das Wort “Gott” zu verwenden und hat Zuflucht genommen zu vagen Umschreibungen wie “eine andere Macht” oder, schon deutlicher “der schöpferische Geist” (S. 277).

Was, wenn nun einer sagt: “Ich hab’s nicht so mit ‚anderen Mächten’ und ‚schöpferischem Geist’.” Kann so jemand das Neue Familienstellen anwenden? Ist es wesentlich? Wäre das eine Voraussetzung? Dazu wird in diesem Kapitel nichts ausgesagt. Im ganzen Buch machen die Hinweise auf “andere Mächte” zusammen etwa eine Seite aus – eine von fast 300 Seiten! Das ist praktisch eine Einladung, darüber hinweg zu lesen.

In dieser einen Seite gibt es einen halben Absatz, der es tatsächlich in sich hat: “Die Aufstellung wird nicht auf ein Ziel hin geleitet, das vom Klienten vorgegeben wird und in dessen Dienst sich der Aufstellungsleiter stellt. Alles wird den Bewegungen überlassen, wie sie den Stellvertreter erfassen, jenseits der Vorstellungen von Problemen und Lösung und jenseits der Psychotherapie im bisher üblichen Sinn.” (S. 275 f)

Wenn man das ernst nimmt, macht es wirklich einen Unterschied! Es verlangt aber nach Erläuterung: Warum soll der Aufsteller sich denn nicht in den Dienst des Klienten stellen (wie die systemischen Familientherapeuten in ihrer Kritik an Hellinger ausdrücklich verlangten)? Warum sollte er denn nicht nach Lösungen für Probleme suchen? Das dürfte für viele Leser nicht ohne Weiteres verständlich sein. Man könnte aus diesen knapp 7 Zeilen tatsächlich das Konzept des geistigen Familienstellens entwickeln! Das geschieht aber nicht, nicht einmal ansatzweise. 

Was finden wir im Rest dieser 7 Seiten? Ein aufmerksamer Leser könnte dort über den Satz stolpern: “Gleichzeitig schützt das geistige Gewissen davor, die Grenzen des kollektiven Gewissens zu missachten” (S. 278). Für diesen Leser habe ich eine gute Nachricht: Es liegt nicht an ihm, wenn er das nicht versteht! Nicht komisch finde ich hingegen jene Beispiele, die darstellen, was das Neue Familienstellen angeblich ausmacht, etwa dies: 

“Wenn sich der Stellvertreter den Bewegungen des Geistes überlässt, schaut er manchmal, ohne dass er sich dagegen wehren kann, auf den Boden. Dieser Stellvertreter schaut auf einen Toten. Mehr noch: Es zieht ihn zu einem Toten.” (S. 276) Diese Darstellung ist an sich richtig. Aber was soll daran neu sein? Bert selbst schrieb dazu (wie oben zitert): 

“Von Anfang an bewegten sich die Stellvertreter ohne einen Eingriff von außen in eine Richtung, die unmittelbar ans Licht brachte (...), ob es jemand in den Tod zog.” Wenn es von Anfang an so war, dann ist es nicht neu. Das macht kein Neues Familienstellen aus!

Oder dies: “Das Neue Familienstellen hat sich auch im öffentlichen Bereich von Beruf und Unternehmen als hilfreich und bahnbrechend erwiesen. Vor allem, weil es weit in die Vergangenheit hineinreicht. Es bringt Hintergründe für Erfolg und Misserfolg ans Licht.” (S. 281) Ja, das tut es. Aber das ist wieder nichts, was das neue Familienstellen dem alten voraus hätte. Aufstellungen nach Bert Hellinger reichten immer weit in die Vergangenheit und brachten Hintergründe für vieles ans Licht. Abermals: Das ist nichts Neues!

Oder dies: “Was zeigt sich hier? Der Klient will anstelle einer anderen Person sterben. Wir können uns vorstellen, welche Erleichterung es für ihn sein muss, wenn er plötzlich erfasst, dass es sich hier um eine Verschiebung handelt. Auf diese Weise geht das geistige Familienstellen weit über die früheren Grenzen der Familienaufstellung hinaus.” (S. 277) Ist das wahr? Nein, es ist nicht wahr! 

Natürlich bringt es eine große Erleichterung, wenn man erkennt, dass solch ein “Zug zum Tod” aus einer (bis dahin unbewussten) Verstrickung herrührt. Das ist Teil des Familienstellens nach Bert Hellinger und ist es immer gewesen. Die Behauptung, das geistige Familienstellen gehe damit “weit über die früheren Grenzen der Familienaufstellung hinaus”, ist falsch.

In der Biografie heißt es: “Ab 1982 bot ich in Seminaren die heute von mir sogenannte klassische Familienaufstellung an, die ich später mit meiner zweiten Frau Sophie zum Neuen Familienstellen weiterentwickelte.” (S. 137) Was soll man von dieser Aussage halten, wenn man betrachtet, dass praktisch alles, was in dem Buch über das “neue Familienstellen” mitgeteilt wird, falsch ist? Wenn es ein Neues Familienstellen gibt, müsste es doch auch darstellen können. Warum scheitert diese Biografie daran so gründlich?

In ihrer Danksagung schreibt Hanne-Lore Heilmann: “Besonders dankbar sind wir [das meint: Bert Hellinger und sie selbst] Sophie Hellinger: Unermüdlich hast du aus dem Schatz deiner Erinnerungen zum Gelingen dieses Buches beigetragen. (...) Außerdem hast Du jede Seite des Manuskripts genauestens gelesen und dafür gesorgt, dass sich keine Fehler einschleichen konnten.” (S. 296 f )Da kann ich nur sagen: Viel geholfen hat es nicht! 

Außer – es handelt sich gar nicht um “Fehler”, sondern um Absicht, also um eine absichtliche Täuschung der Leser. Die Formel “Neues Familienstellen” unterstellt ja, gerade dadurch, dass das Wort “Neu” groß geschrieben wird, es handele sich um eine klar definierte, spezifische Sache. Es ist ein Name für ein unverwechselbares Produkt. Dass dem so sei, kann die Biografie mit ihren Beispielen nicht vermitteln. Im Gegenteil erscheint die Formel “Neues Familienstellen” in dieser Weise ganz sinnentleert. Es bedeutet nicht mehr als “Das neue Persil” oder “Der neue Opel Astra”.

Phänomenologie

Dem Konflikt mit den konstruktivistischen Systemikern, um den es im Kapitel “Die Anfeindungen” im Wesentlichen geht, liegt unter anderem zu Grunde, dass Berts phänomenologische Vorgehensweise mit den “therapeutischen Standards” der Systemiker nicht in Einklang zu bringen ist. Hier verläuft eine objektive Scheidelinie. Kaum jemand verstand, was genau Bert mit “phänomenologischer Vorgehensweise” meinte. Andererseits konnte jeder sehen, dass Hellingers Arbeitsweise, sagen wir: sehr unorthodox war. In der Folge waren die Abgrenzungen der alten Systemiker gegen Hellingers Arbeitsweise maßlos heftig, aber nicht sehr verständig.

Es ist jedoch keineswegs so, dass nur die Hellinger-Gegner nicht verstanden hätten, was Bert mit dem Begriff “phänomenologisch” meinte. Es ist für jeden schwer zu verstehen,  und er hat es seinen Zuhörern oder Lesern auch nicht wirklich leicht gemacht. Wie wenig die Bedeutung dieses Wortes begriffen wurde, war Bert sehr bewusst. Ausführlich zitieren Ursula Steinbach und ich Bert dazu in unserem Buch In eine andere Weite. Dennoch war das Verständnis der phänomenologischen Vorgehensweise war für ihn zentral. Umso bemerkenswerter ist es, wie sich die Autor/innen der Biografie darum herum drücken. Das Wort “phänomenologisch" kommt in dem schwarzen Buch praktisch nicht vor. Ich habe es jedenfalls nur an einer einzigen Stelle gefunden. Dort steht:

“Dabei bin ich rein phänomenologisch vorgegangen, das heißt, ich habe mich ausschließlich daran orientiert, was sich bei Aufstellungen immer wieder zeigte und sich dadurch verifizierte.” (S. 139) Abgesehen davon, dass Bert eher “bestätigte” gesagt hätte als “verifizierte”, stimmt die Darstellung auch in der Sache nur bedingt: Phänomenologische Wahrnehumg ist ein innerer Vorgang, die plötzliche Erkenntnis: “So ist das!”, die wirkt, wenn sie aufgegriffen wird, auch ohne verständlich oder erklärbar zu sein.

Die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten, die in Systemen wirken, kommt aus der Beobachtung regelhaft wiederkehrender Phänomene. Das ist richtig dargestellt, hat auch mit phänomenologischer Wahrnehmung etwas zu tun, ist selbst aber kein geeignetes Beispiel dafür. Wahrnehmung ist nicht Beobachtung! Sie hält sich gerade nicht an den beobachtbaren Phänomenen fest, sondern nimmt etwas wahr, das hinter ihnen als Wesentliches verborgen ist.

Das Etikett “Begründer der Familienaufstellung”

Als ich jetzt in meinem alten Buch Über Psychotherapie hinaus nach einem bestimmten Zitat suchte, fand ich zufällig ein anderes: “Antje Jaruschewski berichtet vom Kölner Kongress 2005, wo Hellinger einen Vortrag hielt und Innenreisen anleitete - aber keine Aufstellung machte. Schließlich wurden wir freundlich von ihm in die Pause verabschiedet mit dem sinngemäßen Hinweis, dass es Größeres gebe als das Aufstellen und dass Samstag ja auch noch ein Tag sei.” (S. 119)

Dieses Größere war es, was Bert interessierte! Das Aufstellen interessierte ihn zunehmend nur noch, insofern es zu diesem Größeren hinführte. Das war, wenigstens für eine Zeit, das “Gehen mit dem Geist”. Das “Größere” war für Bert nur bedingt mit Aufstellungsarbeit verbunden. Je mehr er das Nahen des Todes spürte, desto radikaler wurde er in seiner Ausrichtung auf dieses Größere.

Auf dem Umschlag der Biografie ist Berts Portrait ein Etikett aufgeklebt. Nein, nicht nur aufgeklebt, sondern aufgedruckt – es kann nicht mehr abgelöst werden. Das hätte Bert grundsätzlich nicht gefallen. Etiketten definieren, auf Deutsch: Sie setzen Grenzen. In diesem Fall reduzieren sie Bert darauf, “Der Begründer der Familienaufstellung” zu sein. Und das ist in zweifacher Weise falsch.

Erstens: “Familienaufstellung” ist ein Fachbegriff für die Aufstellungen, wie sie schon vor (und auch nach) Bert in der systemischen Familientherapie angewandt werden. Bert ist der Begründer des “Familienstellens nach Bert Hellinger”.

Zweitens: Bert war der Begründer des Familienstellens. Das ist groß. Und doch ist es zu klein, wollte man Bert darauf reduzieren. Er war weit mehr als das. Um ein Gefühl dafür zu vermitteln, ob eine Aufstellung in die richtige Richtung geht oder nicht, fragte er oft: “Macht das jetzt enger oder weiter? Wird einer dadurch größer oder kleiner? Geht die Tendenz auf mehr oder auf weniger?” Jedes Etikett – selbst dann, wenn seine Botschaft sachlich richtig wäre – macht enger, kleiner, weniger. Bert war mehr. Er war größer. Er war weiter. Mit diesem Etikett wird ihm Gewalt angetan.

Worum geht es wirklich?

Was ist das A und O dieser Biografie? Was finden wir in ihrem Anfang und an ihrem Ende?
Auf der ersten Seite des Vorwortes steht dies: “2018 habe ich meine sämtlichen beruflichen Aktivitäten wie die Hellingerschulen und den Verlag Hellinger Publications meiner Frau Sophie übertragen.” (S. 11 f) Am Schluss des Buches steht abermals: “2018 habe ich sämtliche Aktivitäten meiner Frau Sophie übertragen. Dazu gehören die Hellingerschule sowie mein Verlag Hellinger Publications, den ich 2006 gründete.” (S. 288)

Ich dachte erst, es handele sich um einen Fehler. Manchmal kommt in meinen Texten auch ein Gedanke doppelt vor, einfach weil ich den Überblick verloren und vergessen habe, dass ich ihn weiter vorn schon ausgeführt hatte. Aber hier glaube ich nicht, dass es sich um ein Versehen handelt. Es wirkt eher wie eine vorangestellte Hypothese und schließlich das Fazit, das diese Eingangsthese bestätigt: Wie wir es ursprünglich angenommen haben, so ist es auch!

Ist es aber wirklich so? Meines Wissens hatte Bert mit der eigentlichen Verlags-Arbeit schon lange nichts mehr zu tun. Das ist also keine neue Bürde, die seine Frau ihm am Ende abnahm, weil er dazu die Kraft nicht mehr hatte. (Außerdem gibt es Angestellte im Hellinger-Büro, die diese Arbeit ausführen.) Mit der Gestaltung der Webseite hellinger.com hatte Bert spätestens seit 2013 nichts mehr zu tun, falls jemals.

Und die Hellingerschule? Die ist, falls man dieser Biografie zu glauben geneigt ist, nie sein Betrieb gewesen, sondern schon immer Sophies. Dort steht deutlich genug: “Im Jahr 2013 eröffnete Sophie Erdödy in Bad Reichenhall eine Hellingerschule, in der die Familienaufstellung gelehrt und praktiziert wurde.” (S. 214) Und drei Seiten später: “Sophie hatte durch ihre Hellingerschule eigene Gefolgsleute.” (S. 217 f)

Warum also diese Behauptungen? Ein dreiviertel Jahr später, in ihrem Nachruf auf Bert erklärte Sophie Hellinger: “Mir hat er die gewaltige Aufgabe übergeben und hinterlassen, seinen Auftrag und sein Werk fortzuführen.” Auf der Webseite hellinger.com, gelesen am 5.11.19. Das kann man glauben oder auch nicht.

Angenommen, es wäre so: Von was für einem “Auftrag” wäre denn da die Rede? In Berts Verständnis könnte sich ja nur um einem Auftrag “von oben”, aus der geistigen Welt handeln. Könnte denn jemand solch einen Auftrag an eine andere Person weiterreichen? So hätte Bert nicht gedacht. 

Und sein Werk weiterführen? Was genau macht denn sein Werk aus. Natürlich denkt jeder an das “Familienstellen nach Hellinger”, die Ordnungen et cetera. Genau diese Sichtweise wird von der Biografie auch bedient. Dass Bert das selbst auch so gesehen hätte, das hingegen darf bezweifelt werden. Seine Orientierung hat sich seit 2000 fortwährend in eine andere Richtung verschoben, in die Richtung dessen, was er als “andere Dimension” umschrieb. Das geistige Familienstellen war und ist natürlich ein Erkenntnisweg in diese Richtung. Die Biografie folgt dieser Richtung jedoch nicht. Sie geht zurück.

“Alles nur Theater”

Dieses Buch ist voll mit alten Geschichten, die Bert schon lange nicht mehr interessierten – falls jemals. Auf keinen Fall in der Zeit, in welcher er diese Biografie verfasst haben soll. Umgekehrt enthält diese Biografie so gut wie nichts von dem, was ihn zum Schluss wirklich beschäftigte.

Für alle, die Bert in seinen letzten drei Lebensjahren nicht mehr erlebt haben: Er hat in dieser Zeit, sowohl in persönlichen Gesprächen als auch öffentlich, von seiner unmittelbaren geistigen Beziehung zu Jesus gesprochen. Bei seinem letzen öffentlichen Seminar in Cancun, Mexiko 2017, rief er während einer Aufstellung: “Wo ist Jesus? Jesus ist nicht hier! Das hier ist alles nur Theater!” (Gehrmann / Steinbach, In eine andere Weite. Zur Philosophie und Theologie von Bert Hellinger. S. 91) Und genau das kann man in Bezug auf diese Biografie auch sagen. Jesus kommt darin nicht vor.

Irrtum oder Absicht?

Ich erwähnte oben, bei den vielen falschen Angaben in dieser Biografie könnte es sich möglicherweise gar “nicht um Fehler, sondern um Absicht” handeln, nicht um Irrtum, sondern um absichtsvolle Täuschung. Dass also jemand etwas schreibt, von dem er (oder sie) genau weiß, dass es nicht stimmt, aber möchte, dass die Leser das glauben – warum auch immer.

Nun, warum denn? Warum stehen in dieser Biografie so viele Sachen, die entweder Bert nicht gerecht werden oder sachlich falsch sind, manchmal offensichtlich bewusst falsch dargestellt? Aus dem Inhalt des Buches selbst ergeben sich zwar Hinweise, aber mehr nicht. Eine Erklärung wäre nur außerhalb des Buches selbst zu finden. Wir wären dann auf Vermutungen angewiesen und darauf, deren Plausibilität zu prüfen.

Meine eigene Vermutung mag schwer verdaulich sein, und sie ist auch nicht einfach. Sie hat zwei Ebenen. Die erste Ebene ist, dass Berts Tod als dynastische Erbfolge inszeniert wurde: “Der König ist tot, es lebe die Königin!” Das ist gewissermaßen der märchenhafte Teil. Darunter liegt eine zweite Ebene. Auf dieser Ebene ist Berts Name ein Wert, eine Goldader, ergiebig auch nach seinem Tod. Neben allem anderen, was das Familienstellen sonst noch ist – es ist ein Markt von Konkurrenten. Es ist sogar ein Weltmarkt. Und über Berts Namen zu verfügen, bedeutet einen Vorteil im Wettbewerb.

Schauen wir uns die E-Mail an, die am Tag nach Berts Tod verbreitet wurde: 

“Am gestrigen Donnerstag hat mein geliebter Mann Bert friedlich die Ebene gewechselt. Trotz der großen Trauer darüber ist es mir ein Trost, zu wissen, dass er dennoch weiter in meiner Nähe und auch der seiner Freunde ist. Er bleibt weiter in unserem Feld. Mit seinen Erkenntnissen und seiner Arbeit hat Bert die Welt verändert. Tausenden Menschen hat er zu einem glücklichen Leben verholfen, viele von ihren Leiden geheilt und für mehr Frieden auf diesem Planeten gesorgt. In tiefer Dankbarkeit blicke ich auf das Geschenk, das er mir als seine Frau gemacht hat: Ich durfte über Jahre hinweg mit ihm in Liebe verbunden sein, von ihm lernen und mit ihm zusammen das Familienstellen zum Original Hellinger Familienstellen weiterentwickeln. Mir hat er die Weiterführung seiner Arbeit als Vermächtnis hinterlassen. Vor dieser Aufgabe stehe ich in großer Demut, immer bewusst, dass Bert mir dabei aus einer anderen Dimension heraus hilfreich zur Seite stehen wird.”

Ich verstehe genug vom Verfassen von Texten um zu erkennen, dass dieses schlichte Stück Literatur meisterhaft ist. Wieder gibt es das Verwirrspiel mit zwei Ebenen. Was ist denn die zentrale Botschaft dieser Mitteilung? Die meisten Leser werden sagen: “Natürlich die Nachricht von Berts Tod!” Für die meisten Leser kam diese Nachricht ja überraschend und heftig. Natürlich, Bert war alt und trat schon seit gut zwei Jahren nicht mehr öffentlich auf. Man musste damit rechnen, irgendwann, dass er stirbt. Aber trotzdem, wenn es dann plötzlich passiert... Erschütternd!”

Das ist die Seite der Empfänger der Nachricht. Von der Seite der Absenderin jedoch sieht es ganz anders aus. Bert sprach in den letzten Jahren immer wieder davon, dass er “nur noch wenig” da sei, und dass “der Himmel wartet” oder “Jesus wartet”. Wie sehr er weniger wurde, wussten jedoch nur wenige, und Sophie wusste es sicher am besten. Für sie kam Berts Sterben nicht überraschend. 

Vor der Öffentlichkeit aber hielt sie geheim, wie es um ihn steht. Zum Beispiel sein Oberschenkelhals-Bruch im Frühjahr, der bei alten Leuten so oft ihr physisches Ende einläutet, der wurde vor Berts Verwandten und Freunden verheimlicht. Überhaupt wurden ihnen (und zwar genau, seit die Biografie erschien!) Besuche verwehrt, auch telefonischer Kontakt oder Briefe. Wieso? 

Soviel weiß man auch aus dem Kino, dass die Kunde, der König läge im Sterben, zu politischen Unruhen führen könnte und deshalb vom Hofe verheimlicht wird. Als es soweit war, kam zugleich mit der aufwühlenden Nachricht von Berts Tod die beruhigende Nachricht, dass seine Nachfolge schon geregelt ist.

Ich selbst habe einige Zeit und viel Nachdenken benötigt, um diese Vorgehensweise zu erkennen. Für mich selbst kam die Nachricht von Berts Tod nicht überraschend, sie war kein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf. Ich war klar genug, um jene verborgene Botschaft sofort bewusst wahrzunehmen: “Mir [Sophie] hat er [Bert] die Weiterführung seiner Arbeit als Vermächtnis hinterlassen.” Als ich das las, war ich schon etwas schockiert. Dass Sophie eine Art Nachfolge von Bert für sich beanspruchen würde, das war seit vielen Jahren absehbar. Aber es gleich rausposaunen, kaum, dass der Verstorbene kalt geworden ist?

Das war von mir natürlich naiv gedacht. Politisch gesehen war diese Vorgehensweise die einzig richtige: Keine Pause lassen, in der jemand nachdenken könnte, wie es denn jetzt weitergehen soll. Bevor diese Frage hätte auftauchen können, war sie schon beantwortet.

Handwerklich ist der Text dieser Mail äußerst geschickt gemacht: Die eine Nachricht geht so fließend in die andere über, dass beide wie eine Einheit erscheinen und der Leser automatisch die Glaubwürdigkeit der ersten Aussage (Bert ist gestorben) auf die zweite überträgt (“Mir hat er die Weiterführung seiner Arbeit als Vermächtnis hinterlassen”). Streng genommen hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Doch fällt einem das nur auf, wenn man den Text mit etwas Abstand liest. Die meisten Leser dürften viel zu überrascht und betroffen von Berts Tod geweisen sein, um den Text mit Abstand zu betrachten. Sie waren überrumpelt! Und ja, das ist clever gemacht.

Sollten wir denn an der zweiten Nachricht (die mit dem Vermächtnis) zweifeln? Es könnte schließlich so gewesen sein! Beweisen lässt sich das eine so wenig wie das andere. Von der Sache her darf man schon erstaunt sein: Nicht etwa allen Aufstellern auf der Welt sollte Bert “die Weiterführung seiner Arbeit als Vermächtnis” hinterlassen haben? Nur einer einzigen Person, “mir”, Sophie? Diese Frage muss schon erlaubt sein!  

Wenn da jemand kleinlich-juristisch eingestellt wäre, könnte er nun fragen: “Liegt dieses Vermächtnis zufälligerweise in schriftlicher Form vor?” Ja, und da käme dann die angebliche Autobiografie ins Spiel - als wäre sie dafür geschrieben worden!

Einträglich oder nicht? 

Das Letztere würde also erklären, warum diese Biografie eingerahmt ist von der Erzählung, dass Bert, im Bewusstsein, das seine Kräfte schwinden, all seine Aufgaben an Sophie übertragen hätte – einschließlich derer, die sowieso immer ihre waren. Es erklärt aber nicht die vielen anderen “Fehler”, vor allem nicht den, für den ich mich speziell interessiere: 

Warum bekommt das alte, systemische Familienstellen nach Bert Hellinger 70 Seiten Raum, sein neues, geistiges Familienstellen hingegen nur 7? Und warum wird auf diesen 7 Seiten fast ausschließlich das alte Familienstellen dargestellt, aber als “Neues Familienstellen” verkauft?

Auch dafür finde ich eine Erklärung nur außerhalb der Biografie, in der wirklichen Welt – in der denkbar weltlichen Welt. Da geht es keineswegs etwa um die unterschiedlichen Qualitäten von altem und neuem Familienstellen. Was zählt, ist der Umstand, dass sich das systemische Familienstellen als therapeutisches Instrument weltweit gut vermarkten lässt. Der phänomenologische Erkenntnisweg hingegen ist kein Geschäft. So einfach ist das. Natürlich ist auch das eine Unterstellung, letztlich nur eine Vermutung. Aber die ist – im Gegensatz zu der Biografie – wenigstens in sich stimmig. Und all die bisher erwähnten verwirrenden Indizien fänden darin eine plausible Erklärung. Und wir sind noch nicht fertig!

Seit Mitte der 2000er Jahre schrieb Bert zahlreiche kleine philosophischen Betrachtungen. Sicher seit 2013 wurden ihm diese Geschichten “aus einer anderen Dimension” gewissermaßen in die Feder diktiert. Von dieser Aufgabe war er äußerst in Anspruch genommen. Er schrieb diese Geschichten in großer Fülle, und zwar schneller, als ich lesen konnte. Er selbst sagte über diese Geschichten, sie “brauchen Zeit, um sich zu erschließen. Sie verlangen nach Zwischenpausen.” (Bert Hellinger, Gedanken unterwegs. München 2003. S.14) Genau so geht es mir, wenn ich sie lese, immer noch: Zwei, drei Seiten, dann reicht’s erstmal. Anderen Lesern wird es genauso gegangen sein. Bücher von dieser Art kann man nicht eins nach dem anderen lesen.

Dem Absatz dient das nicht, und vermutlich hatten diese Bücher nicht allzu viele Leser. Ein Indiz dafür ist, dass diese Bücher, seit sie im Eigenverlag Hellinger publications erschienen, immer billiger wurden – nicht im Verkaufspreis, aber in ihrer Erscheinung und in der Produktion, bis hinab zu print on demand von Amazon. Verglichen zum Beispiel mit dem zitierten Buch Gedanken unterwegs, das der Kösel-Verlag herausbrachte, sind die späteren Produktionen eher lumpig.

Wie auch immer, die Vielzahl dieser Bücher trug dazu bei, dass Bert schließlich an die 100 Bücher veröffentliche. Zur Hälfte sind das Bücher über die Aufstellungsarbeit, zumeist Transkripte von Seminaren und Vorträgen oder Bücher über jene Gesetzmäßigkeiten, welche in Beziehungen wirken. Die andere Hälfte seiner Bücher sind philosophischer Natur, vor allem Sammlungen kurzer Betrachtungen.

Man kann sagen: Die Hälfte von Berts Werk (und, wenn man seine Vorträge zwischen den Aufstellungen hinzurechnet, noch mehr) besteht aus philosophischen Betrachtungen und Einsichten. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, dass dieser Aspekt seines Lebens Bert wichtig war. Hätte er diese Biografie selbst verfasst hätte, hätte er dem auch angemessenen Raum gegeben. Und wie ist die Wirklichkeit? Nicht ein Kapitel dazu habe ich gefunden. Nicht eine Seite. Keine einzige Zeile.

“Original Hellinger Familienstellen”?

Ähnlich wie für Berts philosophische Bücher gilt für das das geistige Familienstellen, dass es kein großes Geschäft ist. Als Markenzeichen schon. Da signalisiert der Begriff, dass man hier etwas Besonderes bekommt, was man anderwso nicht bekommt. Aber ist das mehr als heiße Luft? Soweit ich es erkennen kann, ist das Produkt von alter Art. Nur das Etikett mit der Aufschrift “Neu!”, das ist neu. Und so ist nicht nur in dem Buch.

Sophie behauptet in ihrer Mail nach Berts Tod, sie habe “mit ihm zusammen das Familienstellen zum Original Hellinger Familienstellen weiterentwickelt”. Dieses Wortungetüm habe ich nie aus seinem Munde gehört. Und was soll das denn sein, diese “Original Hellinger® Familienaufstellung”? Frau Google, die sonst so vieles weiß, findet hierfür nur einen Eintrag, und zwar auf der Webseite hellinger.com. Dort steht dies:

“Worum geht es in der Original Hellinger® Familienaufstellung? In den Familienaufstellungen geht es immer um das Sein oder Nichtsein. Für jeden, der das einmal erlebt und erkannt hat, ist die innere Bewegung zwangsläufig immer nach vorne, d.h., hin zum Leben. Jeder kennt das, dass wir uns viele Dinge vorgenommen haben aber nicht umsetzen konnten. Verstrickungen werden gelöst und eigenverantwortliches und glückliches Leben tritt in den Fokus. Durch die Befreiung der alten unbewussten Bindungen werden wahre Liebe, Zuwendung, Achtsamkeit, Respekt und Träume Wirklichkeit.” (Gelesen am 15.11.2019)

Das ist ein bestenfalls mittelmäßiger Werbe-Text, den mancher Aufsteller auf seine Flyer oder Webseite schreiben könnte. Da ist auch nicht die Spur einer Andeutung, was dieses Original Hellinger Familienstellen von anderen Formen des Familienstellens unterscheiden würde – außer dem “®”, das darauf hinweist, das der Name Hellinger eine eingetragene Marke ist. Das ist natürlich eine Unterscheidung insofern, als niemand anders als die Inhaberin den Namen Hellinger als Markenbezeichnung verwenden darf. Das steht schon mal fest. Doch wenn jemand nach inhaltlichen Unterscheidungen fragt – da gibt es nichts, einfach nichts. Im Seminar-Programm der “Hellinger®schule” finde ich ebenfalls nichts, was andere Institute nicht ebenso im Progamm hätten. Nur Berts Namen mit einem “®” dahinter – den haben die anderen nicht!

Dass Bert das gewollt hätte, ist äußerst unwahrscheinlich. Er hat sich stets geweigert, das Familienstellen rechtlich als Marke für sich zu beanspruchen. Es sollte ungebunden hinaus in die Welt gehen und seinen Weg finden. Er hat sein Werk geschützt, indem er ihm zugetraut hat, auch allein, ohne ihn zurecht zu kommen, zu wachsen und zu gedeihen. Und in diesem Punkt ist er standhaft geblieben. 

Auf Bert Hellinger bin ich 1999 aufmerksam geworden, als ich einen fotokopierten Artikel über ihn zu lesen bekam.
Der Mann schien interessant zu sein – und das war er auch!
Sehr bald erlernte ich selbst das Familienstellen nach Hellinger bei Bertold Ulsamer. 

Es folgte die Zeit der großen Hetz-Kampagne gegen Bert und dann auch das Schisma der Aufsteller-Bewegung. Ich begann, Bert gegen alle Angriffe zu verteidigen – heute würde ich sagen: ... manchmal wie ein Kreuzritter für den wahren Glauben. Warum? Schwer zu sagen. Ich musste es einfach, ich konnte nicht anders.

Später sah ich mich mehr als Berts “Übersetzer ins Deutsche”. Was er in seinen letzten zehn Jahren machte und vortrug, war und ist für viele schwer zu begreifen, und von ihm selbst gab es praktisch keine systematische, klare Darlegungen. Dies (einschließlich meiner eigenen Erfahrungen und Gedanken zur Aufstellungsarbeit) beschäftigt mich seit Jahren jeden Tag meines Lebens.

 

Thomas Gehrmann, Aufsteller und Autor zahlreicher Bücher zum Thema (teilweise mit Ursula Steinbach). Keine Webseite. Kontakt über das untenstehende Formular an die Redaktion

 


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Kommentare

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Kommentar von Marianne Hegenscheidt |

Eine sehr lesenswerte, in sich stimmige Auseinandersetzung mit Berts "Autobiografie" die mir einiges erklärt und mich zudem neugierig macht auf die späteren Veröffentlichungen Berts die ich bis jetzt etwas achtlos beiseitegelassen hatte - auch weil ich mich sowieso immer bei der Lektüre seiner Bücher ärgerte und darum auch befand, "die Bewegung des Geistes" bräuchte ich nicht noch... Vielen Dank!

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