praxis der systemaufstellung  -->  Aktuelle Ausgabe  -->  Leseproben Sonntag, 5. September 2010

Erste Leseprobe

Öffnet internen Link im aktuellen FensterZur zweiten Leseprobe

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterZur dritten Leseprobe

 

 

 

So bleibt alles durchwebt von Vermutungen

Anregungen und Positionen aus der Philosophischen Praxis

Thomas Stölzel


Im Folgenden geben wir den Vortrag wieder, den Thomas Stölzel während des letztjährigen Kongresses der DGfS in Wuppertal gehalten hat.


Philosophische Praxis 

 

Ich spreche heute vor allem als Philosophischer Praktiker zu Ihnen, und da ich nicht voraussetzen kann, dass der Begriff Philosophische Praxis hinreichend geläufig ist, möchte ich ihn an dieser Stelle etwas erläutern. Der Begriff, genauer die Koppelung aus philosophisch und Praxis, löst nicht selten Verwunderung, Erstaunen und mithin sogar Befremdung aus. Philosophie und Praxis, so ist zu vernehmen, das gehe doch nicht zusammen! Philosophie sei doch etwas ‚rein’ Theoretisches! 

Dazu ist sie allerdings – erkenntnisgeschichtlich betrachtet – erst im sogenannten Mittelalter gemacht worden; nämlich durch die Christianisierung vieler Aspekte und Übungen der sehr praxisorientierten antiken Philosophie.1  Die Philosophie, genauer das Philosophieren – ursprünglich eine existenzielle Lebenswissenschaft –, wurde von manchen Scholastikern zu einer ancilla theologiae herabgestutzt, zu einer Text- und Kommentarwissenschaft sowie zu einer intellektuellen Verteidigerin theologischer (Macht-)Interessen.

In der sog. Neuzeit ist zwar die theologische Inanspruch-nahme sukzessive zurückgedrängt worden, das Theoretisch-Abstrakte, Weltferne und Weltfremde ist der Philosophie jedoch geblieben, und das nicht nur zu ihrem Nutzen – im Gegenteil. Das Lebensnahe und Lebensdienliche der Philosophie und des Philosophierens, ihre Konkretion im Dasein, was ursprünglich der zentrale Impuls war, die eigenen Verstandeskräfte auszubilden und und andere in methodischen Übungen zu bewähren, kam zumeist nicht mehr in den Blick. Die philosophische Praxis, die sich im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts zu formieren begonnen hatte, versteht sich damit sowohl als Kompensation wie auch als Wiederbezugnahme auf die praktischen, unmittelbar lebensdienlichen Möglichkeiten der Philosophie und des Philosophierens.

Der Begriff selbst geht auf Gerd B. Achenbach zurück, der ihn 1981 bei der Gründung seines Instituts eingeführt hat. Daraus ist in den letzten Jahrzehnten Vielfältiges hervorgegangen: Seminare, Fort- und Ausbildungszyklen, Individual- und Gruppenberatung (Einzelne, Paare, Familien, Firmen, öffentliche Ämter, Politik etc.), Berufsverbände, zahlreiche nationale Gesellschaften, welche den kollegialen Austausch pflegen, Kolloquien und Symposien abhalten, Schriftreihen herausgeben usw. In vielen europäischen wie in außereuropäischen Ländern hat die Philosophische Praxis verschiedene Tätigkeitsfelder besetzt – darüber hinaus gibt es auch eine Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP) mit Sitz in Deutschland. 

Odo Marquard hat den Begriff Philosophische Praxis im Historischen Wörterbuch der Philosophie  als eine „professionell betriebene philosophische Lebensberatung“ beschrie-ben, die „in der Praxis eines Philosophen geschieht“. Der- bzw. diejenige, welche sich an einen Philosophischen Praktiker wendet, wird dabei nicht „als Fall unter vorgegebene Problem- und Lösungsschemata subsumiert, sondern als Individuum“ behandelt.2  Hieraus ergeben sich sowohl Verwandtschaften als auch Unterschiede zu Psychotherapie, Seelsorge und Coaching.3

Ich möchte Marquards Beschreibung für meine philosophische Arbeit der letzten zwölf Jahre so konkretisieren: Ich verstehe Philosophische Praxis als eine wirksame Möglichkeit, die in jedem Menschen vorhandenen philosophischen Kompetenzen – hierzu zählen vor allem Staunen, Humor, Mut und Skepsis – aufzuspüren, zu stärken und für das eigene Leben nutzbar zu machen, d.h. in dialogischer Weise das individuelle philosophische Potenzial einer Person, wie es sich unter anderem in der persönlichen, zumeist impliziten Lebensphilosophie zeigt, explizieren und entwickeln zu helfen.

...

 


Aktuelle Ausgabe 1/2010

Die aktuelle Ausgabe können Sie zum Einzelheft-

preis von 18,– Euro zzgl. Versandkosten bestellen.

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterAbonnentenservice