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Erste Leseprobe
Vom Blick in die Vergangenheit und dem Gehen in die Zukunft Wilfried Nelles und Jakob Schneider diskutieren über die „Verstrickung“
In den Anfängen der Systemaufstellung wurde von den meisten vor allem an Bert Hellinger gemessen, was diese Arbeit ausmacht. Seine Wirkung hatte eine Expansion zur Folge, die eine starke Diversifizierung der Arbeit mit sich brachte – methodisch wie personell. Die Frage nach dem aktuellen Stand lässt sich also heute nicht mehr mit Rekurs auf eine zentrale Figur beantworten. Doch wie dann? Die Aktivitäten innerhalb des Berufsfeldes sind vielfältig und eine Übersicht zu gewinnen nicht mehr so einfach. Zumindest eine Achse des Feldes, so schien mir, ließe sich gut durchmessen, indem bedeutsame Vertreter möglichst unterschiedlicher Ansichten ihre entgegengesetzten Auf-fassungen diskutieren und so die Bandbreite des Aufstellungsfeldes illustrieren. Unterschiede zu finden ist zwar nicht schwer. Es gibt keine zwei Vertreter der Zunft, deren Arbeit und Ansichten wirklich identisch wären. Doch diese Unterschiede sind nicht immer substanziell. Sehr konsequenzreich hingegen sind die kontrapunktischen Auffassungen zum Thema Verstrickung von Jakob Schneider, in dessen Arbeit der Begriff eine sehr durchdachte Verwendung findet, und Wilfried Nelles, der das Konzept auf erhellende Weise ablehnt. So lud ich beide zu einer Diskussion ein. Im Folgenden finden sich überarbeitete Ausschnitte dieser Unterhaltung.
Für die Redaktion: Martin Hell
Schneider: Die Probleme, die ein Klient hat und für die er eine Lösung sucht, kann man, wenn man so will, als eine Art Problemtrance auffassen, die ihm den Blick verstellt auf das, was wirklich ansteht zu bewältigen. Problemtrancen sind Vergangenheitstrancen. Die Frage ist: Wieso ist jemand in einer Probleme erzeugenden Vergangenheitstrance? Welchen Sinn macht das? Verkürzt würde ich sagen, der Sinn eines Problems ist, dass es mich zwingt, noch mal in die Vergangenheit zu schauen, weil aus ihr Kräfte wirken, die mich unfrei machen in Bezug auf mein zukünftiges Handeln. In systemischer Sicht binden diese Kräfte mich ein in die Schicksale anderer, die in irgendeiner Weise ungelöst geblieben sind. Ereignisse in meinem Leben und im Leben anderer, verbunden mit Schuld, Schmerz, Angst, Scham, Trauer, Verlust sind noch virulent. All diese unbewältigten und nicht abgeschlossenen Sachen kommen nicht zur Ruhe und äußern sich in unseren ernsthaften Problemen. Verstrickung ist ein Prozess, um den es in einer Vergangenheitstrance gehen kann – aber beileibe nicht der einzige.
Nelles: Die Aussage, Kräfte aus der Vergangenheit machten uns unfrei für unser künftiges Handeln, impliziert eine Vorstellung von Freiheit, die ich nicht teile. Alles, was wir tun, ist bedingt und wird es immer bleiben, nichts kann ich in diesem Sinne frei bestimmen. Das beginnt mit der Zeugung und geht über die Geburt und die Lebensumstände unserer Zeit und endet mit dem Tod. Nichts davon ist frei, und das gilt auch für alles andere. Aber das ist ein weites Thema, das ich zunächst einmal zurückstellen möchte. Aber es ist schon wichtig, weil hier die Weichen gestellt werden, mit welcher Haltung wir die Arbeit machen, und diese Haltung bestimmt natürlich, das wissen wir ja inzwischen aus der Quantenphysik, auch das, was dann tatsächlich geschieht in einer Aufstellung.
Aber zur Praxis: Wenn ich auf die Aufstellungspraxis schaue, stimme ich insoweit mit dir überein, dass der Blick, das Schauen auf die Vergangenheit oft notwendig ist, weil sie nicht vorbei ist. Die Frage ist dann aber: Muss ich als Aufsteller in der Vergangenheit noch etwas lösen? Und da ist meine Antwort „nein“.
Ich habe zwei Beobachtungen gemacht, aus denen sich diese Haltung allmählich ergeben hat. Wenn ein Sohn vor seinen Eltern steht und einer der Eltern, sagen wir der Vater, sich abwendet und auf etwas Ungelöstes schaut, kann der Sohn damit meistens nicht umgehen, er versteht es nicht und meint, der Vater interessiere sich nicht für ihn, und deswegen kann er den Vater nicht nehmen. Dann gehen wir üblicherweise in einer Aufstellung hin und stellen hinter den Vater dessen Eltern und vielleicht die Großeltern und schauen, was dort ungelöst ist, und arbeiten damit. Wenn das gut gelingt, ist der Vater in der Aufstellung frei und wendet sich als innerlich freier Mann seinem Sohn zu. Der Sohn sagt dann: Ja, den Vater wollte ich schon immer haben, und fällt ihm in die Arme, überzeichnet formuliert. Es ist dann leicht für den Sohn, den Vater zu nehmen. Aber das ist nicht der Vater, den er kennt. Das ist nicht sein wirklicher Vater, der seiner Lebenserfahrung entspricht, sondern ein therapeutisch geläuterter, einer, der er hätte sein können, wenn ...
Deshalb, finde ich, ist die viel tiefere Bewegung, wenn der Sohn auf den Vater schaut, wie er ist oder war, ohne dass daran etwas geändert wird. Er sieht, dass der Vater von etwas Altem besetzt ist, und dann sagt er: Ja, das ist mein Vater, und er ist richtig so. Ich muss ihn nicht anders haben. Das ist nicht nur viel größer, das ist auch viel wirklichkeitsnäher und deshalb auch wirksamer. Die einzige Voraussetzung, dass dies gelingt, ist, dass es mit Liebe gesagt wird.
Dazu kann ich als Therapeut beitragen, indem ich beide, den Vater wie den Sohn, mit Liebe anschaue, und zwar genau so, wie sie sind. Ich darf also auch den Sohn nicht erst dann lieben, wenn er sich zum Beispiel verneigt hat, sondern muss auch seinen Starrsinn achten. Dann wird er sich öffnen.
Darauf bin ich zufällig gestoßen, als ich nicht die Möglichkeit hatte, in die Generationen zurückzugehen. Die Eltern haben am Boden gelegen, und ich habe gesagt: So ist es, schau deine Eltern nur an. Das war zunächst sehr schwer, aber ich habe immer wieder insistiert: Nur hinschauen, und lass dein Herz davon berührt werden. Es hat eine Weile gedauert, aber dann war bei den meisten plötzlich die Liebe da, es hatte eine sehr tiefe Wirkung.
Die zweite Beobachtung war dann ganz überraschend für mich: In dem Moment, in dem der Sohn sagt: Ja, ich stimme dem zu, dass er nicht ganz für mich da sein konnte, und ich nehme ihn trotzdem als meinen Vater, in dem Moment war nicht nur der Sohn frei, sondern auch der Vater. In dem Moment, wo der Sohn sagt: Ja, ich stimme zu und gehe in mein eigenes Leben, hören alle Konflikte, die zuvor noch auf den vorherigen Generationsebenen existierten, auf. Die Vorfahren, zum Beispiel Vater und Mutter oder Täter und Opfer, gehen aufeinander zu und sagen: Wenn der in seine Zukunft geht, dann ist unser Konflikt erledigt. Man braucht nicht damit zu arbeiten. Sie gehen aufeinander zu, umarmen sich, ohne dass ich irgendetwas mache.
Schneider: Was heißt eigentlich Verstrickung? Sind die Ahnen frei, aufeinander zuzugehen, wenn der Nachfolgende seinen Lebensweg geht? Oder sind vielleicht auch die Toten nicht frei, diese Freigabe zu geben? Wenn ich die Verstrickung als irgendwie existent ernst nehme, dann ist ihr Kennzeichen, dass auch die Ahnen, von denen sie kommt, mit eingeschlossen sind. Meine These wäre, dass rückwirkend auch die Ahnen etwas brauchen, damit die Freigabe oder der Friede im System gelingen, damit es besser weitergehen kann.
Nelles: Da sind zwei Voraussetzungen drin, die ich nicht teile. Zum Ersten ist meine Beobachtung: Das Einzige, was die Ahnen brauchen, ist, dass die Nachkommen nach vorne schauen. Dann sind sie erlöst. Ich nenne ein Beispiel. Ein junger Mann hat Probleme mit Geld, er verdient manchmal viel, verschwendet es aber sofort. Bei einem Besuch bei der Großmutter erzählt diese ihm, dass sie – es war in Tschechien – von den Kommunisten enteignet wurden. Sie erzählt dies dem Enkel unter der Bedingung, nicht darüber zu sprechen, sie ist also immer noch in einem ungelösten Schmerz. In der Aufstellung standen Großvater und Großmutter in einer starken Spannung zueinander, der Vertreter des Klienten lag lange am Boden, weil etwas Schweres ihn niederdrückte. Ich habe nichts gemacht. Als ich nach einiger Zeit frage, wie es ihm geht, berichtet er, dass ihn zwingt, am Boden zu bleiben. Ich frage ihn, was ihn denn zwinge. Er hebt leicht den Kopf, um mir zu antworten, und dann realisiert er plötzlich: Eigentlich ist da gar nichts, das hat ja gar nichts mit mir zu tun! Er sagt das, schüttelt sich und schaut sich um: Wo ist das Leben? Er blickt zu den Großeltern und sagt: Es ist in Ordnung. Dann steht er auf, lacht und schaut in sein eigenes Leben, seine Zukunft. In dem Moment hört die Spannung zwischen den Groß-eltern auf, sie stellen sich wie ein glückliches Paar nebeneinander.
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Die bisher erschienenen Ausgaben sind als Einzel- Die umfangreiche Ausgabe 2/2010 ist als Einzel-
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