DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
     praxis der systemaufstellung  -->  Aktuelle Ausgabe  -->  Leseprobe Dienstag, 21. November 2017

Leseprobe

 

Trauma und Begegnung

Praxis der Systemaufstellung

 

Kirsten Nazarkiewicz und Peter Bourquin

Einführende Worte

 

 

Es gibt einen gewissen Modeeffekt, was Trauma angeht. Das Gleiche geschah

mit Konzepten der Psychoanalyse, der Genetik oder der Quantenphysik, mit

Begriffen wie Resilienz oder Mindfulness. Es geschieht in aller Regel, wenn ein

Begriff einen komplexen Zusammenhang greifbar zum Ausdruck bringt: Alle

Welt macht sich dieses Wort zu eigen und verwässert seine Bedeutung. Plötzlich

ist »Trauma« in aller Munde, was zu einem inflationären Gebrauch und damit

auch zur Bagatellisierung von Trauma führen kann. Doch zugleich ist die weit

verbreitete Verwendung Ausdruck dessen, dass ein neues Verständnis hilfreich,

nützlich und zeitgemäß ist. Endlich lässt sich etwas benennen und erklären, was

zuvor keinen Namen hatte und dabei zugleich für die tiefsten seelischen Wunden

im Menschen verantwortlich ist. Aufgrund dieser Benennung zeigten sich

zudem Wege auf, wie eine erfolgreiche Behandlung ausschauen kann.

 

Grundsätzlich lassen sich drei Dimensionen von Trauma unterscheiden,

obgleich sie oftmals miteinander verwoben sind: Zum einen kann man von

einem persönlich erlebten Trauma sprechen. Zum anderen bezeichnet das

familiäre oder transgenerationale Trauma das Phänomen, dass überwältigende

Ereignisse, welche andere Mitglieder einer Familie zum damaligen Zeitpunkt

nicht verarbeiten konnten, Folgen hat, die immer noch spürbar sind: Das Unverarbeitete

bleibt als Echo wirksam. Weitergehend und umfassender beschreibt

der Begriff »soziales Trauma« zugleich eine überpersönliche Dimension, da

größere Gruppen oder eine ganze Gesellschaft traumatische Geschehnisse erleiden

können, und das soziale Trauma somit ein kollektives Schicksal darstellt.

 

Eine Eigenheit von Trauma ist, dass es vermieden oder gar verneint wird.

Das gilt sowohl auf persönlicher als auch auf familiärer und gesellschaftlicher

Ebene, wie die oftmals fehlende Auseinandersetzung mit transgenerationalen

und sozialen Traumata zeigt: Es ist schwer, dem Schmerz zu begegnen und ihm

sprichwörtlich ins Auge zu schauen.

 

So entstand erst seit den 1970er Jahren, und zwar vor allem in den USA aufgrund

zahlreicher überbordender Erfahrungen der die heimkehrenden traumatisierten

Kriegsverteranen des Vietnamkrieges behandelnden Fachkräfte, allmählich 

eine eigenständige Richtung innerhalb der Psychologie, die sich der

Behandlung von Trauma widmet. Wir halten die Entstehung der Traumatherapie

zusammen mit der Neuropsychologie, die sich seit den 1990er Jahren aufgrund

eines immer umfassenderen Verständnisses der Funktionsweise unseres Gehirns

entwickelt, für die zwei wesentlichen Entwicklungen und Bereicherungen der

vergangenen Jahrzehnte auf dem Gebiet der Psychotherapie. Beide Bereiche, die

zudem in einen fruchtbaren Austausch miteinander getreten sind, haben neue

und wirksame Wege zur Heilung menschlichen Leidens möglich gemacht. In

den letzten Jahrzehnten wurden spezielle Techniken zur Behandlung und Integration

von Trauma entwickelt, die den Körper als primären Behandlungsweg

nutzen oder den psycho-neurologischen Ansatz fokussieren.

 

Doch was ist eigentlich ein persönliches Trauma? Bereits als Folge der beiden

Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts entstand aufgrund der praktischen

Arbeit mancher Ärzte, Psychiater und Psychologen ein erstes Verständnis von

Trauma, das jedoch rasch wieder in der Versenkung verschwand. Beispielsweise

formulierte der französische Psychologe und Neurologe Pierre Janet schon im

Jahr 1919 eine Definition des Traumas, die auch heute nach einem Jahrhundert

immer noch gültig scheint:

 

»Es ist das Ergebnis des Ausgesetztseins an ein unvermeidliches stressiges

Geschehen, das die Mechanismen der Person übersteigt, damit umzugehen.

Wenn die Menschen sich zu sehr von ihren Emotionen überwältigt fühlen,

können sich die Erinnerungen nicht in neutrale narrative Erfahrungen verwandeln.

Der Schrecken verwandelt sich in eine Phobie bezüglich der Erinnerung,

was die Integrierung des traumatischen Geschehens verhindert und

die traumatischen Erinnerungen fragmentiert, welche so vom normalen

Bewusstsein ferngehalten werden und in visuellen Wahrnehmungen, somatischen

Befürchtungen und verhältnismäßigem Wiederausagieren organisiert

bleiben« (Janet, 1884/1990, S. 156 f.).

Dieses Zitat entspricht im Wesentlichen der aktuellen Definition nach DSM-

5, indem das Phänomen »Trauma« zum ersten Mal 1980 Eingang fand. Dort spricht

man abhängig von den Folgeerscheinungen in der betroffenen Person vom posttraumatischen

Stress-Syndrom, das charakterisiert ist durch:

1. spontan auftretende, überwältigende Erinnerungen, in Form von Flashbacks,

Albträumen oder Gedankenkreisen um das Geschehene;

2. das bewusste und unbewusste Vermeiden von Dingen, Situationen, Themen

und sogar Gefühlen, die an das Trauma erinnern und die quälenden Erinnerungen

hervorrufen könnten;

3. körperliche Übererregung wie starke Ängste, Beklemmung, Hypervigilanz

und Schreckhaftigkeit zusammen mit weiteren körperlichen Symptomen.

 

Man spricht entweder von posttraumatischem Stress, wenn die Lebensqualität

ausreichend erhalten bleibt und das alltägliche Leben noch stattfinden kann,

oder aber von der posttraumatischen Belastungsstörung, wenn die Symptome

alle Bereiche des täglichen Lebens der Betroffenen beeinträchtigen und es schwer

wird, das emotionale Gleichgewicht gegenüber einem stark abwertenden Eigenbild

und einer Flut überwältigender Erinnerungen aufrechtzuerhalten. Die

Diagnosekriterien der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen

unterscheiden sich kaum vom DSM-5. In der ICD-10 sind für die posttraumatische

Belastungsstörung außerdem das nicht seltene Auftreten von Angst und

Depression sowie Suizidgedanken als Symptom aufgenommen.

 

Der amerikanische Psychiater Bessel van der Kolk geht noch einen Schritt

weiter und sagt dazu:

»Viele meiner Kollegen denken, dass die Flashbacks, das Niveau der Erregung

und das Vermeiden die Essenz dessen ausmachen, was traumatisierten

Personen passiert. Ich glaube, sie verstehen das Thema nicht richtig,

denn für die Mehrzahl der Personen verwandelt sich ihr Trauma in einen

Lebensstil« (2015, S. 221).

 

Ob jemand traumatisiert ist oder nicht, definiert sich also über die Folgeerscheinungen

in seinem gegenwärtigen Leben und nicht über die Ereignisse als solche.

 

Der Einsatz von Aufstellungsarbeit im Kontext von Traumata ist keineswegs

selbstverständlich und bedarf der Erläuterung. Es existieren aus manchen Perspektiven

starke Vorbehalte gegenüber ihrer Nutzung bei Traumatisierungen,

insbesondere in Bezug auf spezielle Praktiken (Haas, 2013). Sorgfältig eingesetzt

und eingebettet, stellt die Aufstellungsarbeit jedoch eine wichtige Be- und

Verarbeitungsressource dar (Drexler, 2013). Sie ist in erster Linie geeignet, die

Dynamiken zu verstehen, die sich in den Beziehungen zwischen Personen zeigen,

vor allem innerhalb der Familie. Darüber hinaus ist sie in der Lage, die

Wechselwirkung zwischen Elementen eines jeglichen Systems – auch der innerpsychischen

Anteile einer Person – deutlich zu machen. Über die Sichtbarmachung

in Aufstellungen können Anstöße im Rahmen von Behandlungs- und

Heilungsprozessen bzw. Impulse für Entwicklungen gegeben werden. In diesem Sinne kann man

Aufstellungsarbeit als eine der hilfreichen ergänzenden Methoden sehen.

 

Da die Aufstellungsarbeit bislang kein psychotherapeutisches Verfahren

ist, das den Klienten über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet, sondern

eine therapeutische Methode für einmalige oder gelegentliche Interventionen,

kann sie zwar zum Heilungsprozess von persönlichen Trauma beitragen, hat

jedoch nicht den Anspruch, die therapeutische Behandlung allein zu schaffen.

Eine nachhaltige Verbesserung oder Heilung gelingt nur im Kontext einer

kontinuierlichen Unterstützung von Therapeuten mit umfänglichen Erfahrungen

und Wissensbeständen. Es bedarf spezieller Kenntnisse, unter anderem in

Psychotraumatologie, sowie einer eigenen Methodologie der Behandlung, um

traumatisierten Menschen wirksam und nachhaltig helfen zu können, sowie

zahlreicher Qualitäten in der Aufstellungsleitung (siehe dazu Nazarkiewicz

u. Kuschik, 2015). Diese genannten Faktoren sind notwendig, um einerseits

die Retraumatisierung des Klienten zu vermeiden, die sogar und gerade dann

geschehen kann, wenn Aufsteller in gutgemeinter Absicht ihre üblichen Vorgehensweisen

anwenden, und andererseits einen Beitrag dazu leisten zu können,

dass die Wunde der betreffenden Person sich allmählich schließen kann.

 

Vom Beitrag der Systemaufstellung zur Traumatherapie handelt dieses Buch.

Es ist als Lesebuch gedacht, die Beiträge sind voneinander unabhängig und

in sich abgeschlossen. In dem ersten Teil wird das Verständnis verschiedener

Arten von persönlichem Trauma ausgelotet. Der zweite Teil illustriert traumaspezifische

Vorgehensweisen in Aufstellungen, um eine heilsame Erfahrung

zu ermöglichen. Der dritte Teil zeigt mögliche Kombinationen der Systemaufstellungen

mit anderen therapeutischen Methoden auf. Der vierte Teil handelt

von der Prävention von Sekundärtraumatisierungen, vor allem durch den Therapeuten

selbst. Und der fünfte Teil reflektiert die spirituelle Dimension von

Trauma mit ihren Irrwegen und Auswegen.

 

Wir haben den Buchtitel »Trauma und Begegnung« gewählt, da er ein mehrschichtiges

Beziehungsgeflecht spiegelt, das sich in den Inhalten der Kapitel

wiederfindet: Zum einen geht es um die Begegnung der betroffenen Person mit

sich selbst und ihrem Trauma und dessen Anteilen, dann um die Begegnung

zwischen Klienten und Therapeuten und schließlich um die Begegnung der

Therapeuten mit sich selbst, mit ihren je eigenen Geschichten und nicht zuletzt

mit dem Schmerz der Welt. Der amerikanische Kindertraumatologe Bruce D.

Perry drückt es in folgenden Worten aus:

 

»Ein Trauma und seine Reaktion darauf lassen sich außerhalb des Kontextes

menschlicher Beziehungen nicht verstehen. Ob Menschen ein Erdbeben

überlebt haben oder wiederholte Male sexuell missbraucht worden sind, das

Wichtigste ist, wie sich diese Erfahrungen auf ihre Beziehungen auswirken –

zu den Menschen, die sie lieben, zu sich selbst und der Welt. […] Infolgedessen

geht es bei der Heilung von einem Trauma und von Vernachlässigung

ebenfalls um Beziehungen – um das Wiederherstellen von Vertrauen,

das Wiedererlangen von Zuversicht, die Rückkehr zu einem Gefühl von

Sicherheit und die Wiederverbindung mit der Liebe« (Perry u. Szalavitz,

2014, S. 290).

 

Dieses Lesebuch ist dem persönlichen Trauma im Kontext der Aufstellungsarbeit

gewidmet. Im kommenden Jahr wird ein Folgeband mit dem Titel »Einflüsse

der Welt – individuelles Schicksal im kollektiven Kontext« erscheinen, der sich

der transgenerationalen und sozialen Dimension von Trauma im Rahmen der

Aufstellungsarbeit widmen wird. Er wird die Erfahrungen von Einzelnen mit

gesellschaftlichen Umbrüchen, Migration, verschiedenen Kulturen, Krieg und

Naturkatastrophen thematisieren. Wir hoffen, mit diesen beiden Sammelbänden

alle drei sich ergänzenden und gegenseitig beeinflussenden Dimensionen

von Trauma im Kontext der Aufstellungsarbeit anschaulich machen zu können.


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Ausgabe 2/2017
Praxis der Systemaufstellung Ausgabe 2/2017

Das aktuelle Jahrbuch ist zu 23.- Euro inkl. Porto und MwSt. erhältlich.

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