DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Editorial 1/2004

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Liebe Leserinnen und Leser,

 

was tun wir mit der Unterscheidung von Gut und Böse? Die Aufstellungen von Familien und die sie umfassenden gesellschaftlichen Beziehungen mit dem Bemühen, Wege der Versöhnung zu finden, konfrontieren uns immer wieder mit den Schrecknissen und Grausamkeiten von körperlichen Verletzungen und Mord und den Ungeheuerlichkeiten der Vernichtung ganzer Volksgruppen.

Anfang April jährte sich der Beginn des Völkermordes in Ruanda zum zehnten Mal. Kaum eine Zeitung erinnerte nicht daran. Albrecht Mahr hatte Ende letzten Jahres Gelegenheit, Ruanda zu besuchen. Er berichtet in diesem Heft  über die Vorgänge des Bürgerkrieges und die Versuche, die Folgen aufzuarbeiten und Gerechtigkeit herzustellen. Er beschreibt seine Erlebnisse als Gast und seine Erfahrungen in den Aufstellungen mit den Betroffenen. Wie kann angesichts solch unvorstellbarer Grausamkeit dieses Genozids – und natürlich der Judenverfolgung, der Kriegsgräuel der Weltkriege, des Vietnamkrieges, in Kambodscha und, und, und – Versöhnung aussehen? Wir wissen um die Notwendigkeit der gemeinsamen Zustimmung von Opfern und Tätern und ihren Nachkommen zu dem sie verbindenden Schicksal. Wir erfahren die entlastende und heilsame Wirkung, wenn auf das Bessersein als andere, auf den Ausschluss anderer aus moralischen Gründen und Gruppenloylität heraus verzichtet wird. Wir stellen Opfer und Täter in einen größeren Zusammenhang, der verbindend und heilsam wirkt, weil er keine Unterschiede mehr zwischen Opfern und Tätern macht, wir stellen hinter sie den Tod, das Schicksal, die große Seele, vielleicht Gott. Aber wo bleiben dabei das unmittelbar erlebte Grauen und seine Wirkung?

Müssen und können wir die Unterscheidung von Gut und Böse aufgeben? Ist vielleicht gerade sie die Ursache all der Gräuel, die Menschen sich antun? Angesichts dessen, was in Ruanda passiert ist, greift vielleicht ein solcher Verzicht auf diese Unterscheidung nicht. Oder müssen wir gerade dort an diese äußerste Grenze des Loslassens gehen? Auch Er-klärungen von Gut und Böse aus dem Gruppengewissen heraus scheinen nicht mehr zu passen, wenn innerhalb zusammengehörender Volksgruppen Ärzte beginnen, ihre Patienten zu töten, gläubige Klosterschwestern ihre Schützlinge ans Messer liefern, ein Ehepartner den anderen oder die eigenen Kinder umbringt, Menschen in einem ungeheuren Blutrausch mit primitivsten Waffen abgeschlachtet werden. Ein Rausch des Bösen! Oder „nur“ des Schrecklichen?

Albrecht Mahr spricht von „Ordnungen des Bösen“, denen wir uns viel-leicht stellen müssen. Norbert Bischof spricht in dem Interview mit Eva Madelung davon, dass es kein objektives Maß für die Einteilung von Gut und Böse gibt. Hat die Ethik ausgedient? Oder wenn nicht, muss sie auf die Unterscheidung von Gut und Böse verzichten, oder welches lösende oder heilsame Gesicht kann sie dieser Unterscheidung geben? Diese menschlichen Grundfragen bleiben äußerst virulent.

 

Wir freuen uns, wenn auch die anderen Artikel Sie wieder neugierig machen und Sie aus ihnen Ihren Gewinn ziehen können.

 

Die Redaktion

 


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Ausgabe 1/2004

Die bisher erschienenen Ausgaben sind als Einzel-
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