DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Bonusartikel

> Familienwelten

    Lisa Böhm

 

Einführung


Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe ist den „Familienwelten“ gewidmet, und dies ist die richtige Bezeichnung, denn die Familie als solches gibt es nicht mehr, besser gesagt, nicht mehr nur. Die Familie ist im Wandel – eigentlich war sie das schon immer. Seit dem 19. Jahrhundert werden parallel zu den gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen auch deutliche Veränderungen im Bild von einer Familie beobachtet. Dies hat Oliver König in seinem Buch „Familienwelten“, aus dem wir das entsprechende Kapitel abdrucken dürfen, am Beispiel einer Familie über die Generationen aufgezeigt und die historisch markanten Punkte zusammengestellt.

 

Und was ist heute? Der Wandel bezieht sich auf Veränderungen im Urbild der natürlichen Familie von Vater–Mutter–Kind(ern) durch neue Konstellationen: Die Regenbogenfamilie von Mutter–Mutter–Kind oder Vater–Vater–Kind existiert immer häufiger und ist in einigen Punkten auch rechtlich abgesichert. Homosexuelle Paare dürfen „heiraten“, das heißt, sie dürfen ihre Lebenspartnerschaft eintragen lassen, ein Pflegekind annehmen, aber kein Kind adoptieren. Gleichzeitig ermöglichen außereuropäische Auslandsreisen den Paaren über Leihmütter, doch noch Eltern zu werden, wobei dann zwischen leiblichem bzw. biologischem und sozialem Elternteil unterschieden wird. Durch Trennung, Scheidung und Neubeginn entstehen neue Familienformen wie die Patchwork- oder Einelternfamilien. Einelternfamilien gibt es auch deshalb, weil manche Frauen allein entscheiden wollen, ein Kind zu bekommen und es ohne Partner großzuziehen. Der oft langwierige Entscheidungsprozess mit einem Partner eine Familie zu gründen oder sich mit Beziehungspflege abzumühen, wird damit umschifft, denn eine Samenspende ermöglicht, sich solo zu schwängern.

 

 

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> „Und was siehst du da?“ – Vom Nutzen der ethnomethodologischen
    Konversationsanalyse für die Aufstellungsarbeit

    Frank Oberzaucher, Holger Finke und Kirsten Nazarkiewicz

 

1. Einleitung

Was genau geschieht eigentlich in Aufstellungen? Die Beschäftigung mit der Frage, auf welche Weise Aufstellungen ihre Wirksamkeit entfalten und was das Spezifische der Aufstellungsmethode kennzeichnet, ist für praktizierende Aufstellerinnen und Aufsteller gleich in mehrerlei Hinsicht bedeutsam und relevant. Zum einen verweist sie auf den individuellen Anspruch und das Anliegen der einzelnen Aufstellungsleiter, die eigene Vorgehensweise zu reflektieren und zu verbessern. Darüber hinaus organisiert sich um dieses Thema herum – etwa zugespitzt auf die Frage nach der Qualität in der Aufstellungsleitung (vgl. Nazarkiewicz und Kuschik, 2015a/b) – jedoch auch ein Austausch und eine gemeinsame Reflexion unter den Kolleginnen und Kollegen mit dem Ziel, die Methode insgesamt voranzubringen und vielleicht auch theoretisch anzureichern. Und schließlich geht es im Sinne der Profilbildung und Außendarstellung der Methode darum, die spezifischen Merkmale und Wirkfaktoren der systemischen Aufstellungsarbeit zu benennen und sie von anderen psychotherapeutischen Schulen und Traditionen sowie Beratungsansätzen abzugrenzen. Der vorliegende Aufsatz will zeigen, dass die ethnomethodologische Konversationsanalyse (Bergmann, 2010) einen substanziellen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten kann. Dieser interpretative Ansatz der empirischen Sozialforschung wirft einen mikroskopischen Blick auf natürliche Interaktionen in unterschiedlichen Kontexten und arbeitet deren spezifische Strukturmerkmale und Dynamiken heraus. Für die Aufstellungsarbeit bedeuten diese Analysen, dass man zum Beispiel genauere Aussagen darüber machen kann, auf welche Kompetenzdimensionen (Hilzinger, 2013) Aufstellungsleitungen zurückgreifen, wie Interventionen konkret wirken oder woran erkennbar ist, ob ein Stellvertreter aus der stellvertretenen Wahrnehmung spricht oder ob eigenes Wissen und eigene Vorstellungen aus der Alltagswelt seine Aussagen überlagern. Die Ergebnisse können für die Weiterentwicklung der Aufstellungsmethode fruchtbar gemacht und in Aus- und Weiterbildungen gewinnbringend eingesetzt werden.

 

 

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> Gehen mit dem Geist

   Ein Lehrbuch für das geistige Familienstellen nach Bert Hellinger

   Thomas Gehrmann und Ursula Steinbach

   Verlag ISM – Kassel, 2. überarbeitete Auflage, 2015 

   Praxis der Systemaufstellung 2/2015

 

Weitere Auszüge aus dem Buch 

 

Die vier Feinde des Wissens

Das Wissen, um das es hier geht, ist das lebendige Erkennen im Moment. Vielleicht wäre Bewusstsein der bessere Begriff oder: bewusstes, waches Sein. Hellinger bezieht sich in seinem Vortrag über die „vier Feinde des Wissens“ (video 1.12)1 auf die Lehren des Tata Cachora, bekannt aus Castanedas „Lehren des Don Juan“:

„Ich war sehr beeindruckt von Don Juan. Castaneda beschreibt Don Juan, den Schamanen. Sein [Castanedas] erstes Buch habe ich so durchgeblättert. Da war nicht viel drin – außer zwei Seiten, die mich verwandelt haben und die mich bis heute begleiten. Das Thema war ‚Die vier Feinde des Wissens’. Ich kann das mehr oder weniger auswendig. 

Der erste Feind des Wissens ist die Furcht. Und wer die Furcht überwunden hat, kann das Wissen nicht mehr verlieren. Und dann kommt der nächste Feind. Der nächste Feind ist die Klarheit. Wer die Klarheit überwunden hat, der trifft seinen nächsten Feind: das Bedürfnis nach Macht. Und wer diesen Feind auch überwunden hat, der trifft seinen nächsten Feind. Und den kann man nicht ganz überwinden. Das ist das Bedürfnis nach Ruhe. Ich erläutere das jetzt.

 

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> Die Bestimmungen der Organisation

   Claude Rosselet im Gespräch mit Jan Jacob Stam 

   Originalfassung in Englisch

   Praxis der Systemaufstellung 1/2015

 

Claude Rosselet: Du kommst viel in der Welt herum und bildest Menschen in (Organisations)Aufstellungsarbeit aus; beobachtest Du dabei eine Entwicklung in eine bestimmte Richtung?

 

Jan Jacob Stam: The main development I see is a surprising one: there is a sudden new wave of interest in organizational constellations. I would not have been surprised if organizational constellations would be dying out or overruled by for example mindfulness or so. These new clients are not either rational either intuitive, but they are both, and beyond. For them the method of a constellation is not a question mark. They take the method for granted. They are very interested in life processes, change processes and societal issues. They are as much interested in the systemic principles  themselves as they are interested in the results of a constellation.

 

The second development I see is a shift from focus on the method of constellation to the systemic principles underneath. Systemic intelligence could be of survival interest in a volatile and uncertain world. Organizations like an European energy giant (I cannot name them here) and global renowned consultancy firms use systemic thinking and constellations in their transformation processes.

 

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> Paula Modersohn-Becker – eine Kunstbetrachtung über
    Innigkeit, Nacktsein und das Mysterium der Geburt

    Von Marianne Franke

    Praxis der Systemaufstellung 1/2014

 

Einmal ging auf dem Schulhof das Gerücht herum, in meiner Klasse dürfe man nackte Frauen auf Bildern anschauen und auch malen. Das stimmte, und es kam so:

In einigen Schuljahren unterrichtete ich das Fach Kunsterziehung. Ich ließ die Kinder vieles, was die Natur hervorbringt, genau anschauen und nachzeichnen: verschiedenste Blattformen von Gräsern, Blumen, Sträuchern und Bäumen, aber auch Baumsilhouetten, Bergformationen und vieles andere mehr.

Auch machte ich die Kinder mit dem Werk verschiedener Malerinnen und Maler bekannt, wie zum Beispiel Johannes Vermeer („Das Mädchen mit dem Ohrring“) oder Paula Modersohn-Becker,...

 

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> Familienstellen und Reinkarnation

   Von Heinrich Breuer

   Praxis der Systemaufstellung 1/2000

 

Ein Fallbeispiel und Anmerkungen zum Artikel von Wilfried Nelles in „Praxis der Systemaufstellung“ 1/99 Präludium: Bei der Lektüre des o. a. Artikels fiel mir eine therapeutische Doppelsitzung wieder ein, die schon mehr als 20 Jahre zurückliegt. Es war dies noch die Zeit der Primärtherapie, aber auch schon der kritischen Diskussion dieser Methode. Bert Hellinger hatte schon herausgefunden, dass man so genannte „Skriptgefühle“ nicht bearbeiten kann, und dass die Bearbeitung von Sekundargefühlen Änderungen verhindert. Ich war aber zu dieser Zeit in Köln vor allem als Primärtherapeut recht gut bekannt. Die Therapiesitzungen, über die ich berichte, habe ich damals für mich dokumentiert, weil sie mich sehr beeindruckt hatten. Sie kamen dadurch zustande, dass eine Reinkarnationstherapeutin anrief, die meine Arbeit kannte und mich persönlich schätzte. Ich hatte sie in einem Kurs bei Bert Hellinger kennen gelernt, in dem ich Koleiter gewesen war.


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> Familienstellen und Reinkarnation

   Von Wilfried Nelles

   Praxis der Systemaufstellung 1/1999

 

Das Thema „Frühere Leben“ oder „Reinkarnation“ taucht immer wieder mal in meinen Gruppen auf oder wird von Leuten angesprochen, die mich anrufen. Normalerweise – insbesondere, wenn jemand sich auf therapeutische Hinweise beruft – gehe ich darauf nicht besonders ein, sondern halte mich an die übliche Art des Familienstellens. Ich tue dies nicht, weil ich dies alles für Unsinn hielte oder Berührungsängste hätte. Im Gegenteil: Ich kenne mich auf dem Gebiet recht gut aus.

In den achtziger Jahren habe ich eine sehr gute Ausbildung in Reinkarnationstherapie gemacht und dies auch einige Jahre praktiziert. Ich zweifle nicht daran, dass es in der Seele ein Erleben gibt, das sich mit einem Reinkarnationsansatz gut erklären und auch wirkungsvoll therapeutisch bearbeiten lässt. Ich habe mich aber nach und nach von diesem Ansatz zurückgezogen, weil er ein esoterisches Glaubenssystem stützt, das ich für fragwürdig halte, und weil ich beobachtet habe, dass die Wirkung eher dem irdischen Leben entfremdet.


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> Paula Modersohn-Becker – eine Kunstbetrachtung über
   Innigkeit, Nacktsein und das Mysterium der Geburt

   Von Marianne Franke

 

Einmal ging auf dem Schulhof das Gerücht herum, in meiner Klasse dürfe man nackte Frauen auf Bildern anschauen und auch malen. Das stimmte, und es kam so:

In einigen Schuljahren unterrichtete ich das Fach Kunsterziehung. Ich ließ die Kinder vieles, was die Natur hervorbringt, genau anschauen und nachzeichnen: verschiedenste Blattformen von Gräsern, Blumen, Sträuchern und Bäumen, aber auch Baumsilhouetten, Bergformationen und vieles andere mehr.

Auch machte ich die Kinder mit dem Werk verschiedener Malerinnen und Maler bekannt, wie zum Beispiel Johannes Vermeer („Das Mädchen mit dem Ohrring“) oder Paula Modersohn-Becker, eine Vorreiterin des Expressionismus.

Sie hat mit ihren Bildern bei den Kindern einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ihre Themen sind das Mysterium von Schwangerschaft und Geburt, die Innigkeit zwischen Mutter und Kind und die Aura aufwachsender Kinder.


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> Trauma und Paradiesaufstellung.
   Heilsein jenseits der Person. 

   Von Jens Magerl

 

1. Grundsituation

 

Wir alle kennen Menschen, die vom Leben heftig geschüttelt, gebeutelt und geschunden wurden. Ihre Biografie ist zerkratzt, verbeult, demoliert. Hier treffen wir auf Krankheit, Geldnot, Verlust, auf Gewalt und auf Tod. Viele sind traumatisiert. Manchmal können Therapeuten Linderung schaffen.

 

Manchmal aber auch nicht.

 

Kaputt ist kaputt, oder? Was bleibt von einem Menschen, wenn alles in Scherben liegt?


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> Die Aufstellung als Reise …

   Von Kurt Fleischer

 

„Systemisch, konstruktivistisch oder eh egal …?“

So lautete der, wie ich meine, durchaus originelle Titel einer Podiumsdiskussion im Rahmen einer Jahrestagung des Österreichischen Forums für Systemaufstellung (ÖfS) 2011 in Schloss Mauerbach. Ich war eingeladen worden, daran teilzunehmen, um meinen Standpunkt dazu darzulegen, gewissermaßen als Proponent der Haltung „Völlig egal“. Egal bedeutet dabei natürlich nicht, dass es unwichtig wäre zu reflektieren, was wir eigentlich machen, wenn wir Aufstellungsprozesse anleiten, und von welchen theoretischen Konzepten und Herangehensweisen wir uns dabei leiten lassen. Ich fühle mich jedoch, wenn ich Aufstellungen begleite, vor allem dem Prozess verpflichtet und nicht so sehr den Konzepten, die ich mitbringe. Die Aufstellung bleibt in jedem Fall ein Abenteuer, und die Idee, unsere methodischen Zugänge könnten uns Kontrolle über den Verlauf und das Ergebnis dieser Reise verleihen, bleibt wohl Illusion.


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Quantenmechanischer Messprozess und Strukturaufstellungen  

    Dr. Bernhard v. Guretzky, Dr. Thomas Hölscher, Karlheinz Pape

 

Abstract: Funktionsprinzip und Wirkungsweise von Aufstellungen bleiben bisher nur schwer erklärbar. Die Autoren dieses Artikels haben sich vorgenommen, Aufstellungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, um darüber zu Erklärungsmodellen zu kommen. In diesem Aufsatz werden Aufstellungen analog zum quantenmechanischen Messprozess betrachtet. Für die Autoren gibt es einige auffällige Übereinstimmungen, so ist zum Beispiel eine quantenmechanische Messung im Ergebnis nicht vorhersagbar, und die Messung selbst schafft erst das Ergebnis, das so zuvor noch gar nicht existent war. Zudem ist die Subjekt-Objekt-Trennung in der quantenmechanischen Messung schwierig bis unmöglich, und nicht nur die gemessenen Fakten, sondern auch Möglichkeiten beeinflussen das Messergebnis. All dies findet man in Aufstellungen wieder. Dabei geht es uns nicht nur um die Suche nach einer passenden Analogie, sondern vielmehr darum, ob diese Analogie geeignet ist, unser Verständnis von Aufstellungen zu verbessern und Anregungen für eine veränderte Praxis im Prozess der Aufstellung selber zu geben.

 

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> Die Initiatische Märchenarbeit verbunden mit der

   Methode des „Stellens von Systemen“

   Von Hildegard Wiedemann

Die Initiatische Märchenarbeit verbunden mit der Methode des „Stellens von Systemen“ Die Initiatische Märchenarbeit unterstützt die Entwicklung des Menschen zu seiner Ganzheit durch eigene Erfahrung. Das Wort „initiatisch“ ist von dem Lateinischen „inire“ abgeleitet, was hineingehen bedeutet. Ich verstehe „initiatisch“ als „Hineingehen oder Zuwendung nach Innen“, als „zu sich selbst kommen“. Die Welt der Märchen mit übernatürlichen Gestalten und Ereignissen ist eine symbolische Darstellung von dem, was in den Menschen geschieht. Die initiatische Märchenarbeit ist eine Begleitung des Menschen zu sich selbst. Sie unterstützt den Prozess sich zu dem zu entwickeln, der man zutiefst ist. Verborgene Ressourcen und Ausgeschlossenes können dabei entdeckt und integriert werden. Im Märchen erfahren die Teilnehmer, dass Unmögliches möglich wird und dass in der Not übernatürliche Kräfte hilfreich zur Seite stehen. Dadurch bildet sich Vertrauen in das Wirken hilfreicher, unsichtbarer Kräfte im eigenen Leben. Zurück gehaltene Liebe kann wahrgenommen werden und wie im Märchen ins Fließen kommen.

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> Generationenkonflikt und Generationenbeziehung:

    Väterliteratur und Familienromane

    Aleida Assmann

 

Einleitung: Generationenbegriffe

Gelebte Zeit ist mehr als eine rastlose Abfolge; sie ist allem voran eine sozial geteilte und koordinierte Zeit, die qualitativ mit Erleben und Erinnerung gefüllt ist und in Gemeinsamkeit und Differenz erfahren und verarbeitet wird. Hier setzt der Begriff  der ‚Generation’ an, der je nach Perspektiven und Interessen in der Forschung unterschiedliche Bedeutungen annimmt. 

Familiengenerationen sind unmittelbar evident. Jedes Individuum ist mit Eltern und (Ur-) Großeltern in eine genealogische Abfolge gestellt und lebt in der Regel in einer Gemeinschaft von 3-4 Generationen. Diese Generationen, die sich in der Spanne ihrer Lebenszeiten überlappen, leben in inter-generationellem Austausch miteinander und teilen auf diese Weise ein Familiengedächtnis mit einem zeitlichen Umfang von rund hundert Jahren. Wenn die (Ur-)Großelterngeneration stirbt, geht auch ihr Vorrat an Erfahrungen und Erzählungen unweigerlich verloren. Wenn es nicht von einem Archiv gestützt und eigens tradiert wird, löst sich das gemeinsam geteilte Familiengedächtnis im Strom der Zeit immer wieder auf und bildet sich neu.

 

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> Intergenerationelle Familienbeziehungen im Bildprogramm

   ägyptischer Privatgräber

   Jan Assmann 

Vielleicht der interessanteste Aspekt der Praxis der Familienaufstellungen besteht für den Kulturwissenschaftler und insbesondere für den Ägyptologen in der Tatsache, dass hier die Grenze zwischen Lebenden und Toten systematisch überschritten wird. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde, das den Einzelnen als Mitglied von sozialen Konstellationen sieht, die Tote einbeziehen. Das entspricht in auffallender Weise dem Menschenbild der alten Ägypter, für die das Eingebundensein in familiäre, todübergreifende Konstellationen eine überragende Bedeutung hatte.1 Dieses Phänomen tritt uns besonders deutlich in den Gräbern entgegen, die sich die wohlhabenderen Ägypter angelegt haben. Die Ägypter, die sich das leisten konnten, bauten sich ihre Gräber zu Lebzeiten und statteten sie mit allem aus, was ihnen für ihre nachtodliche Existenz wichtig erschien. Die Gräber waren für sie nicht nur Ruhestätten, sondern vor allem Kontaktzonen und Kommunikationsmedien mit der Nachwelt. In Gestalt ihrer Gräber wollten sie mit der Nachwelt verbunden bleiben, und für die Nachwelt ihrerseits waren die Gräber Orte, mit den Vorfahren in Verbindung zu treten und sich ihres Segens und Beistands zu versichern. Das kultische Zentrum des ägyptischen Grabes ist die „Scheintür“, durch die, wie man annahm, die Toten in unsichtbarer Gestalt hindurchgehen konnten, um mit den Lebenden zu kommunizieren und die Opfergaben in Empfang zu nehmen. Die Gräber dienten als Schnittstellen zwischen Diesseits und Jenseits, Lebenden und Toten, Nachfahren und Vorfahren und führen uns in ihrer Anlage und ihrem Dekorationsprogramm die große Bedeutung vor Augen, die für den Einzelnen dieses kommunikative Eingebundensein in die familiären Konstellationen von Mitwelt und Nachwelt besaß. Dieses Eingebundensein oder Konnektivität hatte für die alten Ägypter etwas Lebenspendendes.2

 

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2) Für alle Einzelheiten s. mein Buch Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München, 2. Aufl. 2003.

 

 

 

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 > Geist und Seele in Thomas Manns Josephsromanen

     Jan Assmann

„Der Geist als Widersacher der Seele“ – so nannte Ludwig Klages (1872–1956) sein philosophisches Hauptwerk, das 1929–32 in drei Bänden erschien. Schon ein Blick in dieses ausgreifende Werk genügt, um eine ebenso interessante wie problematische ideengeschichtliche Linie in den Blick zu bekommen, die von der katholischen, konservativen Romantik über Bachofen und Nietzsche zu Klages, Alfred Baeumler und dem antisemitischen Geisthass des deutschen Faschismus führt und in Reaktion darauf dann zu Thomas Mann. Klages nennt seine Gewährsleute. Es sind die konservativen Romantiker wie Ernst Moritz Arndt (1769–1860), Joseph Görres (1776–1848) und Georg Friedrich Daumer (1800–1875), vor allem aber Johann Jakob Bachofen und Friedrich Nietzsche. Sein Evangelium, wenn man so will, ist die geistfeindliche Kritik am Rationalismus der konservativen Romantik. Der „Auszug aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) bedeutete im Licht dieser Romantiker die Entfremdung von den Leben spendenden Kräften der heimatlichen Erde, des Blutes und der Gemeinschaft. In seiner Schrift Europa und Germanien (1802) schrieb Arndt: „Ich sondere aus dem Menschen nur drei seiner Hauptkräfte ab: diese sind der Leib, die Seele und der Geist, welche fast jede Menschensprache bestimmt unterscheidet.“ Vom Geist heißt es dann, dass er auf der obersten Stufe seiner Entwicklung, der „Überfliegung“ oder Transzendenz, grimmig gegen Seele und Leib wüte. Die Seele, vom Geiste verlassen, verfiele in haltlose Schwärmerei, der Geist, von der Seele getrennt, werde zu Unmenschlichkeit, mache aus dem Menschen eine Maschine, und indem er Weltbürgerlichkeit erstrebe, reiße er sich von der Scholle los, denn eine Liebe zum Allgemeinen gebe es nur im Rahmen der Gemeinschaft „eines Landes, einer Stadt, eines Dorfes, einer Familie.“ (Klages 902 f.) Das ist der Ideen- und Motivkomplex, auf dem Klages aufbaut, und die Anklänge an die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis sind unüberhörbar, ebenso wie der Antisemitismus, der bei Arndt und Klages aufdringlich hervortritt.

 

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Register 1998 bis 2017
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