DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
     praxis der systemaufstellung  -->  Frühere Ausgaben  -->  2/2009 Dienstag, 21. November 2017

Editorial 2/2009

Öffnet internen Link im aktuellen Fensterzurück


Ein Beispiel unter vielen: Eine Klientin litt darunter, dass sie ihre 17-jährige Tochter immer wieder mit dem Satz traktierte, „dass du mir ja nicht dick wirst“, obwohl es im Ess- und sonstigen Verhalten der Tochter keinen offensichtlichen Grund dafür gab. Sie erlebte das Wiederholen dieses Satzes selbst wie einen Zwang. Die Tochter rastete dann immer aus, und das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war dadurch sehr belastet. Die Aufstellung ergab zunächst keinerlei Hinweise auf einen lösenden Zusammenhang, bis die Klientin auf Nachfragen nach Ereignissen in der Familiengeschichte auf ihren Großvater mütterlicherseits zu sprechen kam: „Ich erinnere mich, dass meine Mutter einmal davon erzählt hat, dass mein Opa die Tochter seiner Schwägerin missbraucht hat. Die war damals 17 Jahre alt“. Der Großvater wurde ihrer Tochter gegenüber- gestellt. Noch bevor die Stellvertreter reagieren konnten, schlug sich die Klientin auf die Stirn und sagte: „Natürlich, jetzt weiß ich, was der Satz bedeutet. Mein Opa hatte Angst, dass das Mädchen schwanger wird.“

Die Erinnerung – in vielen Fällen ist sie der Schlüssel, um gegenwärtige Probleme zu lösen und für die Zukunft etwas verändern zu können. Im Grunde sind wir unsere Vergangenheit. In der Erinnerung tritt das Gewesene uns – mehr oder weniger den Ereignissen entsprechend – als Geschichte gegenüber, die in unsere Gegenwart und Zukunft hineinragt.
Das gilt natürlich nicht nur individuell und familiär. Alle Kulturen brauchen zur Sinnstiftung eines „Wir“ die Vergewisserung dessen, was in und durch vergangene Ereignisse hindurch und über die Familien hinaus Identität verleiht. Sprache, Schrift, Rituale, Mythen, Erzählungen, Feste, Gedenkfeiern, Monumente sind gekoppelt an gemeinschaftliche, sinnstiftende Erinnerung.
Aufstellungen gehen sehr knapp mit Erinnerungen, vor allem kulturellen Erinnerungen, um. Aber sie kommen ohne sie nicht aus. Vor allem wenn es um Täter-Opfer-Geschichten geht wie zum Beispiel im Dritten Reich, kommen wir an der kulturellen Dimension nicht vorbei. In vielen Aufstellungen zeigt sich die „Stammesseele“ mächtiger als die „Familienseele“. International bewegt dort die Aufstellungsarbeit am meisten.
Das Symposium der „Praxis der Systemaufstellung“ nächstes Jahr in Seeon wird sich mit familiären und kulturellen Fragen zu „Erinnern – Vergessen – Gedenken“ befassen. Wir freuen uns sehr, dass wir Frau Aleida Assmann zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann als Referenten gewinnen konnten. Das schriftliche Interview mit Frau Assmann dient dazu, zur Thematik des Symposiums hinzuführen.

Und wie steht es mit der Zukunft? Ah Fung zeigt auf dem Hintergrund chinesischer Problemstellungen und Erfahrungen, wie wichtig gerade auch dort, wo die Erinnerungen zu schmerzhaft, zu schuldbeladen, zu schamhaft, zu vergessen und zu sehr von Politik und Kultur kontrolliert sind, das Aufstellen der „Zukunft“ ist und wie es seine heilsame Kraft entfaltet. Bert Hellinger hat öfter das schöne Bild gebraucht, dass ein Fluss nicht nur aus der Kraft der Quelle fließt, sondern auch aus der Kraft des Gefälles, das ihn zum Meere zieht. Unsere Lebenslinie ist nicht nur von den geschichtlichen Fakten geprägt, sondern auch von den Möglichkeiten, die uns aus der Zukunft entgegenkommen.   

Um die Zukunft geht es auch in dem Vortrag von Christoph Bosch, gehalten währen des Gathering der ISCA in diesem Jahr in Innsbruck. Wie können wir eine Ethik in einer Zeit raschen kulturellen Wandels entwickeln? Er antwortet: Wir brauchen ein neues Verständnis von Verantwortung, das sich erst noch entwickeln muss, jenseits normativer Vorgaben – bei genauerem Hinsehen eine sehr provozierende These.

Setzt Verantwortung einen freien Willen voraus? Die Aufstellungsarbeit zeigt auf andere Weise als die Gehirnforschung, wie wenig frei wir sind. Aber welche Konsequenz hätte es, wenn wir für unsere Arbeit ganz auf das Konzept eines freien Willens verzichten würden? Bertold Ulsamer stellt sich der gesellschaftlich hoch- aktuellen Diskussion.

Friedrich Ingwersen widmet sich auf seine eingängige Art dem therapeutischen Umgang mit Symptomen. Gunthard Weber und Stephan Hausner veröffentlichen einen ersten Fallbericht aus ihrer internationalen qualitativen SISC-Studie. Georg Senoner berichtet über die Entwicklung einer einfachen Matrix für Veränderungsprozesse, die nicht nur im Organisationsbereich Hilfreiches leisten kann. Und stellvertretend für die weiteren Beiträge in diesem Heft möchten wir auf die Literaturberichte von Sieglinde Schneider hinweisen, diesmal zum Thema: „Wer bin ich?“

Die Redaktion


nach oben
Ausgabe 2/2009

Die bisher erschienenen Ausgaben sind als Einzel-
heft zu Euro 18,– zzgl. Versandkosten erhältlich.


Die umfangreiche Ausgabe 2/2010 ist als Einzel-
heft zu Euro 22,- zzgl. Versandkosten erhältlich. 

 

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterAbonnentenservice