DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Editorial 1/2010

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Man könnte meinen, die Arbeit mit Familien- und Systemaufstellungen reduziere sich auf eine Methode. In unterschiedlichsten Kontexten angewandt, machen Aufstellungen untergründige und unbewusste Systemzusammenhänge in Beziehungen sichtbar und damit einer bewussten Gestaltung zugänglich. Damit würde aber die Reichhaltigkeit der Aufstellungsarbeit verkürzt. Als phänomenologische Methode spürt sie mit ihrem Erfahrungspotenzial immer auch dem nach, was der Vielfalt der Erscheinungswelt an Gesetzmäßigkeiten oder besser Verallgemeinerbaren inhärent ist. Der „Logos“ oder Sinn ist für unsere Erfahrungen und Einsichten unerlässlich, ob er uns nun aus der Welt entgegentritt oder wir ihn in die Welt hineintragen. Die Wirkung der Aufstellungen beruht ja darauf, dass ein bestimmtes Beziehungsfeld mithilfe des Erfahrungsraums der Aufstellung auf eine innere Ordnung befragt und im Blick auf Lösung oder Heilung oder verwandelnde Zustimmung umstrukturiert wird – sei es in der Aufstellung selbst oder als Folgeleistung einer betroffenen Person oder Gruppe nach einer gewissen Zeit. Die Methode wird zu einem Vorgang der Weisheit in dem Sinne, dass ein individuell einmaliger Beziehungsvorgang mit Wissen verbunden wird. Und Wissen gibt es nur, wenn Einmaliges und Vielfältiges auf ein Allgemeineres bezogen werden kann.

 

In dieser Hinsicht hat Bert Hellinger sein methodisches Vorgehen im Bereich des Helfens immer auch als praktische Philosophie verstanden. Was heißt philosophische Praxis? In seinem Artikel „So bleibt alles durchwebt von Vermutungen“ geht Thomas Stölzel auf diese Frage ein und definiert Weisheit als eine Form „existenzieller Kommunikation“. Er bezieht dabei die phänomenologische Methode der Aufstellungsarbeit auf Grundfragen philosophischer Praxis wie das „sekundäre Staunen“, die Beziehung von Wissen und Nichtwissen, die „pyrrhonische Skepsis“, die Urteilsenthaltung und die Frage nach dem „Einzelfall Mensch“.

Von einem anderen Zugang her charakterisieren Claude Rosselet und Georg Senoner die Aufstellungsarbeit als pragmatische Methode. Es gehe nicht um das Entdecken vorgegebener Ordnungen der Liebe oder um eine Art Offenbarung von Wahrheit, sondern – in Anlehnung an Karl E. Weick – um praktische Lösungen, die zu unserem vorliegenden Wissen passen und gleichzeitig wirklich Neues, Befreiendes hervorbringen, das Sinn macht: „Sensemaking“.

 

Eine Fülle von systemisch orientierten Gedanken über den Menschen und sein Eingebundensein in gesellschaftliche und kulturelle Gruppen findet sich in Sloterdijks Buch: „Du musst Dein Leben ändern“. Regula Rickert fasst einige Grundgedanken zusammen und verweist uns damit auf das „Üben“ als einen Grundvorgang der Selbst- und Sozialgestaltung, der nicht zuletzt für das Trainieren unserer Fähigkeiten im Leiten von Aufstellungen von Belang ist.

 

In ganz anderer Weise beschäftigt sich Wilfried Nelles mit den Sinnprozessen in Aufstellungen. Innerhalb seines Vorgehens, die Aufstellungsarbeit auf die Evolution des Bewusstseins und spirituelles Wachstum zu beziehen, entstrickt er das Konzept der Verstrickung in der Aufstellungsarbeit zu einer Kraft, die aus dem Bindungsgeschehen in Familien den Weg ins Leben eröffnet. Dabei ergänzt er besonders im Blick auf Kindheit und Jugend Bert Hellingers „Dreifaltigkeit“: „Ja“, „bitte“, „danke“ mit einem „Ja zum Nein“ als wichtigem Prozess der Loslösung innerhalb der Zugehörigkeit zu einer Familie. Das „Nein“ ist ja vielleicht auch das ent-scheidende Kriterium, das den Geist von der seelischen Verbundenheit abhebt und zu einer gestalterischen, zukunftsoffenen Kraft macht. Der verstorbene brasilianische Bischof Don Helder Camara formulierte die Beziehung von „Ja“ und „Nein“ auf schöne, verbindende Weise: Sage nie ein Ja, das ein Nein bedeutet, und sage nur ein Nein, das ein Ja bedeutet.

 

Es ist der Redaktion unserer Zeitschrift ein Anliegen, mit solchen Artikeln die Fruchtbarkeit der Aufstellungsarbeit nicht nur für das unmittelbar lebens- und beziehungsgestaltende Handeln, sondern auch für das damit verbundene theoretische und praktische systembezogene Denken zu zeigen. Nimmt man die Artikel zur Traumaarbeit, die Beschreibung der Aufstellungsarbeit in einer Klinik, die Beschäftigung mit Fragen zur Entstehung von Intimität in Beziehungen, die Reflexion auf das Phänomen des Hineingezogenwerdens in Aufstellungen und all die anderen Artikel hinzu, dann scheint uns das eine gute Antwort zu sein auf die neuerlich publizierte Kritik an der Aufstellungsarbeit. Jakob Schneider geht darauf in der Rubrik der DGfS ausführlich ein, verbunden mit Maßstäben, die, seiner Meinung nach, in unserer Aufstellungsarbeit berücksichtigt werden sollten.

 

Die Redaktion

 


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