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Psychoanalyse und Aufstellungsarbeit

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Blanche von Conta

Kann man die Prozesse in "Psychoanalyse" und "System-/Familienaufstellung" vergleichen?

Ein klärendes Wort vorweg: mit der "Psychoanalyse" meine ich auch die Tiefenpsychologie, insofern sie auf dem Boden der psychoanalytischen Erkenntnisse arbeitet. Und um einen Bogen zu spannen, der die Forschungsgebiete der Psychoanalyse und der Aufstellungsmethode in Verbindung bringen könnte, habe ich eine Rückkehr an den Anfang des letzten Jahrhunderts gewählt.

Um 1900 begann menschlicher Geist, sich in vollkommen neue Dimensionen hineinzubegeben. "Das Unbewußte" wurde entdeckt, dieser Weg führte bis heute in die Tiefe von immer neuen Schichten, Abzweigungen, feineren Differenzierungen. Parallel dazu drang man immer weiter und tiefer in die komplexe Beschaffenheit der Materie. Letztlich kamen beide unterschiedlichen Forschungsrichtungen der Psychoanalyse und der Physik zu recht ähnlichen Ergebnissen: alles menschliches Sein, aber auch die für festgefügt gehaltene Materie besteht letztlich aus Beziehungen: zwischen Menschen - und auch zwischen Atomen, Molekülen, Ladungen. Auch ein einzelner Mensch besteht in sich aus Beziehungsbündeln, physisch, geistig, psychisch.

Ich möchte deshalb meinen Überlegungen zum Thema einige Worte von Werner Heisenberg voranstellen, der für seine Entdeckung der Quantenmechanik 1932 den Nobelpreis bekam und als einer der bedeutendsten Physiker des letzten Jahrhunderts gilt.

"Der Raum, in dem der Mensch als geistiges Wesen sich entwickelt, hat mehr Dimensionen als nur die eine, in der er sich in den letzten Jahrhunderten ausgebreitet hat." [i]

Und:

"Aber es war doch eine…große und bestürzende Überraschung zu erkennen, daß…selbst die einfachsten und grundlegenden Begriffe…wie Raum, Zeit, Ort, Geschwindigkeit problematisch werden und neu durchdacht werden müssen…" [ii]

 

Zeit und Raum

Das Phänomen der "Zeit" spielt in beiden Konzepten, Psychoanalyse wie Aufstellungsarbeit, eine große Rolle. Was war früher, was passierte zuerst, und was waren dann die Folgen? Freud hat die psychoanalytische Arbeit im Bild des Archäologen gefasst, der die Schichten des Erlebten und seiner Niederschläge erforscht. Allerdings sind hier, im Bereich der seelischen Beziehungsfelder, die archäologischen Zeitspannen schon recht klein. Wieviel Zeit vergeht zwischen dem einfrierenden Lächeln der Mutter und dem Anfang eines Weltunterganggefühles im Kleinkind? Im Englischen heißt der deutsche "Nu", diese Winzigkeit von Zeit, "next to no time". Wie lange dauert ein Augenblick?

"Zeit" kann beispielsweise zwischen Nanosekunden oder zwischen Jahrmillionen ausgespannt werden. Diese Art von Zeit ist relativ, d.h. abhängig von Bezugssystem und Perspektive.

Wir sind es gewohnt, den Ablauf von "Zeit" linear chronologisch zu sehen. Das erlaubt uns klare Orientierung im Ablauf von Ereignissen. Aber seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieses Selbstverständnis erschüttert; es gibt Bereiche der Wirklichkeit, wo diese Kategorie eine andere Bedeutung bekommt, wo "Zeit" etwas Nicht-Lineares ist.

Nochmals Heisenberg:

"…daß in ganz kleinen Raum-Zeit-Bereichen, also in Bereichen von der Größenordnung der Elementarteilchen, Raum und Zeit in einer eigentümlichen Weise verwischt sind, nämlich derart, daß man in so kleinen Zeiten selbst die Begriffe 'früher' oder 'später" nicht mehr richtig definieren kann…daß gewisse Prozesse scheinbar zeitlich umgekehrt ablaufen, als es ihrer kausalen Reihenfolge entspricht."[iii]

Was das geistig und psychologisch für unser Welt- und Selbstverständnis bedeuten kann, wird sich wohl erst noch erschließen.

Auch der Begriff des "Raumes" hat eine Erweiterung seiner Bedeutung erfahren: Wo früher mit Raum ausschließlich der Außenraum gemeint war, gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch die Entdeckung der "inneren Räume" und ihre Erforschung.

Im Beziehungsraum Analytiker-Analysand wird die Zeit komprimiert. In den Mikroprozessen zwischen den beiden Personen und ihrem jeweiligen Unbewussten lebt das Vergangene auf und wird wieder Gegenwart. Eingefaltete Zeit wird wieder ausgefaltet. Es sind alle Zeiten und Schichten der Person gleichzeitig "da".

Was dann davon in den Fokus der Bewusstwerdungsprozesse gelangt, hängt von den Einstellungen und Suchbewegungen der Beteiligten ab – nicht zuletzt vom Leidensdruck desjenigen, der sich nicht zum Vergnügen dieser Prozedur unterzieht.

Insofern im Lauf des analytischen Prozesses die Verstrickungen (die neurotischen, somatoformen, borderlinigen, psychosenahen Bewältigungsstrategien) aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt und dort bearbeitbar werden, ist eine neue Version von Zukunft anwesend: als neue, hoffentlich bessere Möglichkeit "ab jetzt".

Und so ist es ja auch in der Aufstellungsarbeit. Es sind viel mehr Personen, Figuren, Repräsentanten still mit dabei, als durch das Anliegen des Aufstellenden aufgerufen werden. Die entferntesten Großväter, Urgroßmütter, Ururonkeln dritten Grades, oder auch Aspekte, Themenkreise können in die Sichtbarkeit kommen.

In der Verdichtung und Aufhebung der linearen Zeit ähnelt diese neue, andere "Zeit" dem Zeitaspekt, wie er uns in der Traumschicht begegnet. Hier wird der chronologisch aneinanderreihende Aspekt unseres rationalen Zeitbewusstseins außer Kraft gesetzt. "Gleichzeitig" heißt hier etwas ganz Anderes als im logischen Betrieb des kausalen Denkens. Hier kann eine Figur gleichzeitig eine oder mehrere andere sein, es können gleichzeitig mehrere Ereignisse stattfinden, die chronologisch Jahre oder Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte auseinanderliegen.

Man könnte sagen, die Aufstellung ist eine Art dreidimensionaler Traum; durch die gleichzeitig erfolgende begleitende Arbeit sogar inklusive Deutung. Von Albrecht Mahr wird das Zitat überliefert, Aufstellungsarbeit sei Psychoanalyse im Raum.

Was eine "Bewegung in der Zeit" hier ermöglicht und befördert, ist Intensität: in der Analyse wie auch in der Aufstellung kann ein Entwicklungs- und Transformationsprozess nur gelingen, wenn das Ich sich ernst und konzentriert seinem Erleben zuwendet und eine Auflösung der Abwehrstrukturen erlaubt, die meistens mit Schmerz verbunden ist.

Prof. Thomas Görnitz sagte im Gespräch mit Jakob R.Schneider:

"In der Quantentheorie kann etwas räumlich vollkommen ineinander sein und trotzdem vollkommen voneinander getrennt…dass zwischen zwei Menschen, die miteinander in Kontakt kommen, auch ein Zustand entstehen kann, der so etwas ist wie eine ausgedehnte Ganzheit in zwei Psychen, während das Körperliche getrennt bleibt."[IV]

Warum sollte das nicht auch für ein Mehr-Personen-Gefüge gelten?

Die Erkenntnisse der Quantenphysik, der Psychoanalyse (z.B. die Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene; der Abwehrmechanismus der projektiven Identifizierung) und die Wirkungsweise der Aufstellungsarbeit weisen darauf hin, dass wir Menschen untereinander vermutlich sehr viel verbundener sind, als wir es bis heute realisieren. Unsere Wahrnehmung ist es gewohnt, Dinge, Objekte, Menschen als getrennt voneinander zu sehen. Aber offenbar gibt es eine Wirklichkeitsebene, wo das Getrenntsein der Dinge sich auflöst in Verbundenheiten, Beziehungsbündel, bei denen sehr unklar wird, wo die Grenzlinien verlaufen.

"Die Welt ist vom beobachtenden Subjekt nicht trennbar und somit nicht objektivierbar…Also selbst das alte Gegensatzpaar Welt:Mensch, bzw. Objekt:Subjekt und damit die mentale Perspektivität sind, physikalisch gesehen, hinfällig geworden."[V]

Um Missverständnissen vorzubeugen: die Aufhebung der Getrenntheit, die hier angesprochen wird, bedeutet nicht, dass alle geformte Individualität sich rückwärts wieder auflöst, das wäre ein Akt der Destruktion. Es gibt ja Techniken, wie man das "Ich" an seinen Grenzen mit Bewusstsein so öffnet, dass es sich weitet. Das führt hier zu weit, ist aber ein wichtiger Aspekt. Analytiker und Aufstellungsleiter sollten auf diese Unterscheidung achten, um nicht den Prozess sich selbst zu überlassen.

Die Psychologie des Unbewussten dringt immer tiefer in die Feinstrukturen von psychischen und/oder mentalen Bewegungsabläufen vor. Psychoanalyse befasst sich mit den Mikroprozessen von intra- wie interpsychischen Impulsfrequenzen und Bewegungsformationen, wie sie ihren Niederschlag IN einer Person gefunden haben.

Aufstellungsarbeit befasst sich ebenfalls mit Bewegungsfiguren und Impulsen. Allerdings faltet sie die Geschichte des Individuums anders auf als die Psychoanalyse. Sie wechselt, um im Bild zu sprechen, die Perspektive: nicht mehr durch die Zweisamkeit des analytischen Paares schaut sie sich den inneren Raum einer Person an, sondern durch die Mehrfachperspektive mehrerer beteiligter Personen, durch die Beziehungsstrukturen ZWISCHEN den Personen.

Das Anliegen des Aufstellenden bildet hier den Fokus, das Koordinatensystem, durch welches eine Anfangsfrage (auch hier: häufig ein Leidensdruck) zu einem Anfangsbild der neurotischen Verstrickungen führt, aus dem heraus dann die vielen kleinen Einzelschritte, wenn sie kundig geleitet und begleitet werden, zu einer Lösung des Knotens führen können, mindestens zu einem Schritt in diese Richtung.

Auch im Medium der Aufstellung ist die "Zeit" verdichtet und aufgehoben, in einem sogar noch größeren Maß als im analytischen Prozess. Was im gelebten Leben der Personen Zeiträume von mehreren Generationen umfassen kann, was in der psychoanalytischen Therapie über mehrere Jahre sich entwickelt, kann im Rahmen einer Aufstellung in einer Stunde ins Bild gesetzt, auseinandergefaltet, an den Knoten aufgenommen und aufgedröselt werden.

Für das Gesamt einer Aufstellung, oder auch für einen mehrblättrigen Traumtext, könnte man von "orchestriertem Schrittwechsel" sprechen. Das Ineinanderwirken von Gleichzeitigkeiten hat in seiner Struktur Ähnlichkeiten mit musikalischen Partituren. auch ähnlich gültig wie für die Musik: die volle Stimmigkeit des Ganzen wird nur erreicht, wenn die einzelnen Töne und Stimmen je einzeln sehr sauber herausgearbeitet werden.

Der Analytiker, wie auch der Aufstellungsleiter, bewacht den Prozess. Das bedeutet: er trägt die Verantwortung dafür, dass weder destruktive Elemente die Führung übernehmen, noch die Dynamik am Ende in einer Wiederholung des Alten versandet.

Sprache

Unsere Sprache lebt im Grunde bis heute noch von und auf den Begriffen, die sich in den Jahrhunderten des statischen Weltbildes ausgeformt haben. Wir haben (noch?) keine angemessenen Möglichkeiten, sprachlich die Bewegungen in Raum und Zeit, von denen hier die Rede ist, in Worte zu fassen. Um nochmals Heisenberg zu zitieren:

"Bohr hat von einer Komplementarität der beiden Begriffe Ort und Geschwindigkeit gesprochen, und...darauf hingewiesen, daß wir in der Atomphysik verschiedene Beschreibungsweisen verwenden müssen, die sich zwar gegenseitig ausschließen, aber doch auch ergänzen, so daß erst durch das Spielen mit den verschiedenen Bildern schließlich eine angemessene Beschreibung des Vorganges erreicht wird…V. Weizsäcker hat solche Zustände, die komplementären Aussagen entsprechen, koexistierende Zustände genannt, um anzudeuten, daß es Zustände sind, die die beiden Alternativen als Möglichkeit enthalten….Man erkennt sofort, daß dieser Gebrauch des Wortes 'Zustand'…so verschieden ist von dem der gewöhnlichen materialistischen Ontologie, daß man zweifeln kann, ob man hier noch eine zweckmäßige Terminologie benützt." [vi]

Zwar hat Heisenberg aus den Erkenntnissen der Physik heraus seine Gedanken zur Quantentheorie entwickelt. Ich nehme aber an, dass die Erforschung der dynamischen Vorgänge im seelischen Raum mithilfe dieser Gedanken neue sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten finden könnte. Denn gelten diese Heisenbergschen Gedanken nicht auch für die Schwierigkeiten, denen wir bei unseren Versuchen begegnen, die Ereignisse und Wechselwirkungen in den Situationen von Psychoanalyse und Aufstellung in Worte zu fassen?

 

Aufstellung oder Psychoanalyse?

Meiner Erfahrung nach kann das eine Verfahren das andere nicht einfach ersetzen. Sondern beide ergänzen sich auf besondere Weise.

In der PA erforschen Analytiker und Analysand die persönliche Lebensgeschichte des Analysanden, die Einflüsse der inneren Figuren, welche in den Beziehungserfahrungen der frühen Zeit begründet und dann weiterentwickelt wurden. Dieser dynamische Weg, der durch viele Lebensphasen, Ebenen, Einzelaspekte und deren Verhältnis zueinander führt, nimmt einiges an chronologischer Kalenderzeit in Anspruch. Dieser lange Zeitraum, die häufigen Sitzungen ermöglichen eine feinfädige Struktur des Durcharbeitens, sodass die vielen kleinen Schritte der Bearbeitung in verträglicher Dosierung aus dem alten, harten Stoff der Schmerzabwehr eine neue Durchlässigkeit für lebendige Impulse erwirken und stabilisieren können. Es kommt vor, dass dieser Prozess ins Stocken kommt, dass bestimmte Widerstände nicht weichen wollen und man sich an den Wiederholungen die Zähne ausbeißt. In solchen hartnäckigen Fällen hat sich mir manches Mal gezeigt, dass transgenerationale Verstrickungen die Gegenwart des Patienten überschatteten, die mit den Mitteln der Psychoanalyse kaum oder gar nicht zu fassen waren. Einige unlösbar erscheinende Knoten konnten dann mithilfe einer Aufstellungsarbeit einen starken Lösungsimpuls erfahren, der dem analytischen Prozess wieder neuen Schwung gab.

 

Gemeinsamkeiten: Technik und Einstellung

Die Vorgabe an den Aufstellungsleiter,

- sich nicht an ein inneres Konzept zu halten, sondern möglichst "flüssig" mit der Entwicklung der einzelnen Bewegungen Schritt zu halten,

- sich flexibel zu halten für den Impuls des Augenblicks;

die Vorgabe an den Aufstellenden, sich von vorgefertigten Erklärungsmustern zu lösen;

die Vorgabe an die Stellvertreter, sich voraussetzungslos in die zugewiesene Position zu begeben:

ähnliches hat Freud auch als Bedingung für die Haltung des Analytikers formuliert.

Nämlich: der Analytiker habe seine Aufmerksamkeit "gleichschwebend" zu halten, was bedeutet: sich nicht innerlich an Theorien oder bereits gefassten Meinungen über den Patienten festzuhalten.[vii]

Entsprechend solle der Analysand sich nicht an festgefügten Gedankenketten festhalten, sondern sich dem freien Fluss der Assoziationen überlassen, auch wenn diese zusammenhanglos, störend, unpassend oder sonst wie irritierend wirken sollten.[viii]

Auch in der analytischen Situation, wie in der Aufstellungsleitung, spielt das Schweigen, der Verzicht auf zudeckende Handlungen wie Beschwichtigungen, Tröstungen, vorschnelle Erklärungen eine tragende Rolle.

Hier ist das Schweigen der Ort der Begegnung des Analysanden mit sich selbst, mit seinem Unbewussten – und auch der Ort, wo neue Einfälle, Impulse auftauchen können, im Analysanden, und ebenso im Analytiker.

In den psychoanalytischen Sitzungen sollen wir uns einlassen auf einen Prozess, der sich der Kontrolle unseres Intellekts entzieht.

Für den Leiter der Aufstellung ist eine ähnliche Bereitschaft erforderlich.

Um uns dem unbewussten Bereich öffnen zu können, müssen wir den Griff lösen – uns vom Be-Griff, von verbal durchdachten Konzepten lösen.

Wir greifen sonst aus Angst vor dem Unbekannten nach den vertrauten Ankern reifer, verbalisierbarer Gedanken.[ix]

Ein anderer analytischer Vordenker, der sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt hat, ist Wilfred Bion. Für ihn ist ein wesentliches Element in der Haltung des Analytikers die Fähigkeit, Nichtwissen und Unsicherheit zu ertragen, weil man sonst der Sequenz ein ausgedachtes Konzept überstülpt und damit, aus eigenem Sicherheitsbedürfnis, an wesentlichen Ereignissen in der analytischen Situation vorbeitherapiert.[x]

Hier ist eine paradoxe Situation am Werk: zwar sollte man keine Vorkonzepte an die Therapiestunde oder an die Aufstellung herantragen – andererseits braucht man natürlich das gesamte Handwerkszeug, das Gelernte und Erfahrene, im Hintergrund, um den Vorgang und die Ereignisse tragen zu können.

Eine weitere Gemeinsamkeit zeigt sich in der Verwendung der Stellvertreter.

Während es in der Aufstellung mehrere Vertreter sind, auf welche Personen und Aspekte verteilt werden, ist in der Psychoanalyse der Analytiker der Stellvertreter, der in den Prozessen von Übertragung und Gegenübertragung verschiebliche Rollenzuweisungen annimmt und sich (möglichst) bewusst macht.

Auch hier ist das Stellvertreter-Sein ein Kanal für Informationen aus der inneren Welt des Patienten.

Die Stellvertreter arbeiten in einer Aufstellung Schritte durch, die dem Aufstellenden aufgrund seiner Abwehren nicht möglich .

Auch in Träumen tauchen "Stellvertreter" auf – Personen, Objekte, Landschaften, die Beziehungsdynamik beinhalten und transportieren – zu entziffern, zu entschlüsseln in der gemeinsamen Arbeit von Analytiker und Analysand.

Auch der Analytiker arbeitet Positionen durch, an denen der Analysand bisher hängenblieb. Er tut das mit Hilfe seiner eigenen Reflexionsfähigkeit, von Supervision und Intervision. Auch in einer analytischen Behandlung kann eine Gruppe helfen, Repräsentationen, Aspekte in eine Veränderungsbewegung zu bringen dadurch, dass Abwehr hier weniger wirksam und vom Leiter als solche erkannt und (auf geeignete Weise) ins Bewusstsein gehoben wird.

Beide Sichtweisen geben aus unterschiedlichen Perspektiven Einblicke und neue Möglichkeiten, verfahrene Fühl-, Denk- und Verhaltensmuster auseinanderzulösen, um neuen, lebensfreundlicheren Verbindungen den Weg zu öffnen.

Es hilft hierbei, den unerbittlich verstreichenden, chronologischen Aspekt der Zeit zu öffnen und eine Ahnung davon zu bekommen, dass in den Mikrostrukturen der Welt die Zeit ihren bindenden, fixierenden Charakter verliert und frei zwischen dem sich bewegt, was wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennen.

[i] "Das Naturbild der heutigen Physik", in: Schritte über Grenzen, Piper 1971, S.127

[ii] "Sprache und Wirklichkeit in der modernen Physik", ebda., S. 167

[iii] W. Heisenberg, "Atomphysik und Kausalgesetz", in: "Die neue Weltschau", DVA 1953, zitiert nach J. Gebser, "Ursprung und Gegenwart", dtv 1986, 2. Bd, S. 505

[iv] Praxis der Systemaufstellung 1/2007

[v] J. Gebser, "Ursprung und Gegenwart", 2.Bd S. 506

[vi] "Sprache und Wirklichkeit in der modernen Physik", Piper 1971, S. 173

[vii] "Ratschläge an den Arzt für die psychoanalytische Behandlung", GW Bd 8, S. 367f

[viii] "Technik der Psychoanalyse", in: "Selbstdarstellung", GW Bd 14, S. 31f

[ix] A. Bergstein, "Bridge Over Troubled Water – Reverie, Dreaming and Counter-Dreaming, Vortrag EFP Turin 2014

[x] W. Bion, "Lernen durch Erfahrung", Suhrkamp TB 1992

 

Blanche von Conta:
b.vonconta@gmail.com
www.lebensfiguren.de.

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Kommentar von Peter Bourquin |

Danke für diesen spannenden und zugleich gut geschriebenen Artikel, der ausgesprochen lesenswert ist!
Besonders die Gedanken der Autorin über "Zeit" und "Sprache" haben mich angeregt und erfreut. Diese Dimensionen unserer Arbeit werden meist wenig hinterfragt und sind manchen Aufstellern kaum explizit bewusst, auch wenn sie im alltäglichen Handeln ständig präsent sind.
Herzlich,
Peter Bourquin