• Ergänzung durch andere Methoden
  • Fälle und Erfahrungen

Uhr (Kommentare: 0)

Mutter-Introjekt und Trauma

- Thema mit Variationen

Dr. Ero Langlotz

von Dr. Ero Langlotz

SSI und Beziehungs-Aufstellung

Die Systemische Selbst-Integration (SSI) ermöglicht es, durch eine Beziehungs-Aufstellung die Beziehung zur Mutter zu untersuchen. Dabei zeigt sich häufig eine Identifizierung mit der Mutter. Die Mutter befindet sich als Introjekt im eigenen Raum. Das erschwert einmal eine Ablösung von der Mutter. Zum anderen erschwert das Mutter-Introjekt die Unterscheidung zwischen Eigenem und Ich-Fremdem  (Ich versus Nicht-Ich) und damit auch die Abgrenzung und das Bewusstsein eines eigenen Raumes. Das erklärt, warum die Betroffenen sich nicht nur gegenüber der Mutter, sondern auch gegenüber anderen – Partner, Kindern, Arbeit – schlecht abgrenzen können. Gelingt es einer Klient*in, sich mit Hilfe der SSI gegenüber der Mutter abzugrenzen, ihre unbewusste Konditionierung  (Abgrenzungsverbot) zu lösen, dann kommt es in den meisten Fällen zu einer besseren SELBST-Verbindung, die bisweilen „initiatisch“ anmutet – sogar in Form des „Do it yourself“! Hier eine Rückmeldung:

Ich bekam mit 18 Angstzustände und trotz aller Therapien wurde alles immer schlimmer. Heute bin ich 39. Bis ich letztendlich vor einigen Jahren nicht mehr meine Wohnung verlassen konnte, weil ich nur noch ohnmächtig war, kraftlos und Todesängste hatte fast ununterbrochen. Ich bin vor einem Jahr aus der Stadt meiner Mutter weggezogen, aber frei fühlte ich mich immer noch nicht, es ging nicht vorwärts und immer wieder landete ich beim abarbeiten meiner Themen, bei dem Thema: ich muss alles teilen, nie bin ich alleine etc.

Und gestern stieß ich zufällig beim Surfen nach Symbiose auf diese Seite, auf das "DO IT YOURSELF". Ich hab die Beschreibung durchgelesen und gleich die Übung gemacht, meine Mutter kraftvoll und aktiv aus meinem inneren Raum zu schicken und ich fühle mich wie neugeboren.

Meine Kraft kehrt zu mir zurück, es ist unglaublich. Ich könnte nur irre vor mich hinkichern, weil es so viel Spaß macht sie aktiv weg zuschicken und schwupps meine Kraft wieder zu spüren :-) 2011-03-23

SSI und Trauma-Aufstellung

Seit ca. zwei Jahren verwende ich SSI auch für Trauma-Aufstellungen. Wenn das Trauma zusammen mit den Selbst-Anteilen aufgestellt wird, dann zeigt sich regelmässig, dass das Trauma – ein eigenes oder ein übernommenes! - unbewusst als Introjekt im eigenen Raum „festgehalten“ wird. Und auch in diesen Situationen verhindert das Introjekt die Unterscheidung Ich versus Nicht-Ich, das heisst Abgrenzung und Selbst-Verbindung sind blockiert. Eine Initiatische Trauma-Aufstellung (ISI)  ist in der Lage, beides zu lösen.

Kombination Mutter- und Trauma-Introjekt

Seit einigen Monaten beobachte ich, dass sehr häufig das Mutter-Introjekt gekoppelt ist an ein Trauma-Introjekt („Konglomerat“). Das heisst, um ein Introjekt nachhaltig zu entfernen, ist immer auch die Entfernung des anderen „angekoppelten“ Introjektes erforderlich.

Zu diesem Thema konnte ich folgende verschiedene Variationen beobachten:

Mutter-Introjekt und eigenes Verlust-Trauma

Bei einem frühen Verlust der Mutter durch Trennung oder Tod finde ich regelmässig, dass das Introjekt des eigenen Verlust-Traumas und ein Mutter-Introjekt aneinander gekoppelt sind.

Mutter-Introjekt und eigenes Gewalt-Trauma

Bei Erfahrung von körperlicher oder seelischer Gewalt (auch emotionales Verlassenwerden) durch die Mutter beobachte ich ebenfalls regelmässig, dass das Mutter-Introjekt an das Introjekt eines – eigenen – Traumas gekoppelt ist.

Mutter-Introjekt und übernommenes (fremdes) Trauma

Hat die Mutter selber ein Gewalt- oder Verlust-Trauma erlebt, dann finde ich regelmässig, dass eine Klient*in dies Trauma übernimmt – vielleicht weil es eine höhere „emotionale Ladung“ hat als alles andere, was sie mit der Mutter erlebt hat? Und zusammen mit diesem übernommenen Trauma behält sie dann auch die Mutter als Introjekt im eigenen Raum. Das Trauma verbindet sie mit der Mutter. Das Loslassen des Traumas wird dann nicht selten blockiert durch ein Gefühl von „Verrat an der Mutter“.

Fallbeispiel

Mutters verschwiegenes Trauma

Christa ca. 45 Jahre, ist seit 10 Jahren in unregelmässigen Abständen in meiner Behandlung. Sie hat immer wieder massive Probleme in der Arbeit, wird gemobbt oder ausgenutzt, sodass sie nach kurzer Zeit die Stelle wieder verliert.  Sie hat keinen Partner, keine Kinder. Über Jahre waren zwei Katzen ihre wichtigsten Bezugspartner.

Christa stammt aus einer sehr traumatisierten Familie. Ihre Mutter war offensichtlich sehr belastet. Sie hatte selber Kinder abgetrieben und verloren, sie hat ihre Tochter abgelehnt und verletzt und war für sie emotional nicht anwesend. In mehreren Aufstellungen arbeitete Christa an der sehr symbiotische Beziehung zu dieser Mutter und lernte, sich immer besser ihr gegenüber abzugrenzen und immer mehr aus dem Kontakt zu dieser sehr destruktiven Mutter heraus zu gehen. In weiteren Aufstellungen zeigte sich, dass sie mit den verstorbenen und den abgetriebenen Kindern identifiziert war.  Es ging ihr nach all diesen Aufstellungen nicht wirklich besser. Aber sie kam immer wieder, und jedes mal fanden wir ein Thema, was wir durch Aufstellung versuchten zu klären. Erstaunlich war, wie sie all dies Leid geduldig und mit einem ganz eigenen Humor ertrug.

Zuletzt  entwickelte sie paranoide Vorstellungen, sie werde von einem Geheimdienst beobachtet und verfolgt. Sie wandte sich deswegen an die Polizei und statt dort die  erhoffte Unterstützung zu finden, wurde ihr noch die Fahrerlaubnis wegen Vorliegens einer Psychose abgenommen. Sie hatte keine Krankheitseinsicht und wollte keine Medikamente nehmen. Ich sagte ihr, dass ich glaube, ihr nicht helfen zu können.

Sie kam wieder und sie berichtete zum ersten Mal von einem Familiengeheimnis ihrer Mutter.  Diese soll als junge Frau von einem russischen Besatzungssoldat schwanger geworden sein. Das Kind wurde ihr auf Betreiben ihrer Mutter weggenommen und angeblich in der Familie des russischen Vaters von einer Verwandten aufgezogen. Das habe sie als Gerücht über viele Umwege erfahren.

Ich sah einige Parallelen zwischen ihrem chaotischen Leben und dem verwirrenden Schicksal der Mutter und vermutete, dass sie dies Trauma der Mutter übernommen hat.

Trauma-Aufstellung

Um diese Hypothese zu überprüfen stellte sie das Trauma der Mutter auf,  repräsentiert durch einen Hocker. Sie stellte es in die Mitte des Raumes, sie und ihre Selbstanteile standen darum herum.

Sie konnte erkennen dass das Trauma nicht zu ihrer Identität gehört, stellte es aus ihrem Raum, den sie selber durch einen Schal markierte und konnte sich ihm gegenüber distanzieren: „Ich bin die Christa von Heute und ich bin vollständig auch ohne dich. Du bist das Trauma meiner Mutter. Du liegst  mehr als 70 Jahre zurück, vorbei und mausetod“.

Dann stellte der Leiter Mutters Trauma zurück in ihren Raum, um zu testen, ob ihr das „bekannt“ vorkomme. Ja sie spürte wieder etwas Vertrautes Schweres und Verwirrendes. Und der „Schemeltest“ zeigte: um es besser auszuhalten, war sie auf eine übergordnete Ebene gegangen. Der Preis für diese Überlebensstrategie (Dissoziation) war, dass sie sich selbst und andere „von oben herab“ behandelte, sodass eine Begegnung auf Augenhöhe nicht mehr möglich war. Das hatte sie sehr einsam gemacht.

Solange sie unbewusst das ich-fremde Trauma der Mutter wie etwas Eigenes als Introjekt in ihrem Raum festhielt, war diese Überlebensstrategie vielleicht angemessen. Aber nun, da sie erkannte, dass es sich um Mutters Trauma handelt, und dass es nicht zu ihr hier und heute gehört, konnte sie es aus ihrem Raum herausstellen: „Bei allem Respekt für meine Mutter, aber du gehörst nicht in meinen Raum!“ Und: „Das ist mein Raum, und da gehört nur das hinein, was Christa ist!“ Das war für sie sehr ungewohnt, fast verboten, und sie musste diesen „klärenden“ Satz noch zweimal wiederholen. Danach blickte sie zum ersten Mal neugierig zu ihren Selbstanteilen.

Hatte sie mit Mutters Trauma auch deren „Traumagefühle“ übernommen? Trauer, Scham, Schmerz, Ohnmacht, Verzweiflung, Verlassenheit? Sie nickte, ihr waren diese Gefühle vertraut und sie war bereit, diese übernommenen Gefühle symbolisiert durch einen sehr schweren Granitstein zurück zum Trauma (Hocker) legen. Sie spürte Erleichterung und Freude, sie lachte!

Annäherung an ihr erwachsenes Selbst

Nun wendete sie sich ihrem erwachsenen Selbst zu, dass „seinen Wert in sich hat, unabhängig davon, ob es gebraucht wird, ob es etwas leistet“. Dies Selbst war in ihrer Familie nicht erwünscht. Und da sie gelernt hatte, sich selber „durch die Brille“ ihrer Eltern zu sehen, musste sie erst symbolisch diese Brille ablegen, um zu erkennen, dass es an ihrem Selbst nichts auszusetzen gibt.

Aber auch sie selber hatte – durch die Überlebensstrategie der Dissoziation – ihr Selbst nicht achten können. Nachdem sie ihr Selbst durch eine tiefe lange Verneigung geachtet hatte, konnte sie spüren, wie es ist, mit ihrem eigenen Selbst identisch zu sein – statt wie bisher mit Mutters Trauma. Das war neu aber vielversprechend!

Abgrenzung

Um diese noch zaghafte Verbindung zu verbessern, war es nun erforderlich, genau zwischen Christa und Nicht-Christa zu unterscheiden, indem sie auf der symbolischen Ebene der Aufstellung zeigte, dass das Trauma – vertreten durch mich als Leiter – nicht in ihren Raum gehört. Sie schütze ihren Raum wiederholt durch Abgrenzung.

Leiter: „Das ist genauso gesund, wie bei den Raubtieren, die ihr Territorium schützen um Beute machen zu können!“ Also schützte sie ihren Raum zum Schluss mit einem Pantherschrei!
„Das ist der gesunde Kanal für dein aggressives Potential. Wenn du es hier blockierst, dann richtet es sich destruktiv gegen dich – oder gegen andere!“
Danach spürte sie mehr selbstverständliche Verbindung zu ihrem freien, „nicht domestizierten“ Selbst.

Annäherung an ihr kindliches Selbst

So verbunden wendete sie sich ihrem kindlichen Selbst zu. In mehreren Schritten klärte sie ihre Beziehung zur kleinen Christa. Sie erkannte, dass sie nicht falsch, sondern „goldrichtig“ war, konnte ihr gegenüber eine bisher versäumte „standesgemässe Begrüssung“ nachholen, und würdigen, dass sie alle Verletzungen und Verwirrungen durch diese belasteten Familie überlebt hatte, ohne zu sterben, ohne jemanden umzubringen, und ohne völlig verrückt zu werden. Schliesslich versprach sie ihr, sie in Zukunft nicht mehr „wildfremden Menschen“ anzuvertrauen – und schon gar nicht Mutter und  Vater – sie zu schützen, und ihr die Aufmerksamkeit und Liebe zu geben, die sie verdient hat. Danach nahm sie die kleine Christa in den Arm, „damit sie spürt, dass sie jetzt endlich einen guten Platz hat, dass sie gesehen wird und geliebt wird, so wie sie ist, und dass sie  - natürlich – auch ihren Spass haben darf.“

Gegenabgrenzung

Traumatisierte Menschen haben nicht nur Probleme, ihre eigenen Grenzen zu schützen, sie können auch nicht fremde Grenzen wahrnehmen, geschweige denn respektieren. Daher fühlen sie sich in fremden Räumen zuständig, bzw. übernehmen fremde Themen – auch Traumata - , so als sei das ihr Recht, oder ihre Pflicht.
Um die Realität fremder Grenzen körperlich zu erleben und zu speichern, geht Christa – wie gewohnt – in den „Raum“ von Mutters Trauma und wird an der symbolisch durch einen Schal markierten Grenze vom Leiter gestoppt: "Das ist nicht Christa, das hat mit dir nichts zu tun!“ Das ist für Christa so ungewohnt, dass sie diese Erfahrung noch zweimal braucht. Danach spürt sie eine grosse Erleichterung und Freude. Sie lacht!

Die Mutter als Introjekt? Hat Christa mit  Mutters Trauma auch ihre Mutter als Introjekt festgehalten? Obwohl – oder vielleicht auch weil? - sie von ihr so verletzt wurde? Das ist die Regel bei Traumen, die man von einer Bezugsperson übernommen hat. Und das erklärt, warum diese Traumen so intensiv festgehalten werden! Und solange sie nicht die Mutter „loslässt“, sich innerlich von ihr verabschiedet, läuft sie Gefahr, dass das Trauma der Mutter quasi „durch die Hintertüre“ wieder in ihren Raum gerät. Die Mutter lebt noch, ist 90 Jahre, krank und gebrechlich.
Dazu schlägt ihr der Leiter folgende Sätze vor: „Mama ich muss dich nicht mehr zusammen mit deinem Trauma festhalten. Wenn es für dich soweit ist, diese Welt zu verlassen, dann werde ich dich nicht festhalten. Dann kannst du dahin gehen, wo es kein Leid gibt, sondern nur Liebe und Licht!“
Jetzt kommt ein Schmerz – das ist ein Abschiedsschmerz. Aber das ist ein „gesunder Schmerz“, wenn Christa da hindurchgeht, öffnet sich für die die Türe in das Hier und Jetzt. Christa dreht sich um, lässt das Vergangene hinter sich und geht symbolische sieben Schritte durch die Türe ins Hier und Jetzt – und schliesst die Türe zur Vergangenheit hinter sich zu.

„Initiatische Selbst-Integration“

Es wird deutlich, dass sehr häufig ein Mutter-Introjekt verstärkt wird durch ein Trauma-Introjekt, wobei (bisher) drei Trauma-Variationen unterschieden werden können. Durch eine Kombination von Beziehungs- und Trauma-Aufstellung lassen sich diese aneinander gekoppelten Introjekte erkennen und lösen. Das hat meistens eine sofortige starke und anhaltende Wirkung, wie eine Initiation.

E.R.Langlotz, 26.11.2018            


Kommentare

Wir nehmen inhaltlich weiterführende, fragende und kritische Kommentare auf und stellen Sie hier zur Verfügung. Dies können kurze Statements sein oder auch längere Texte. Bei persönlichen Fragen an die Autor*innen leiten wir diese direkt weiter. 

10.12.2018, von Stephanie Hartung

Ich habe seit meiner ersten Begegnung mit SSI die Ansätze immer wieder bei meinen Klienten eingesetzt und kann die verblüffend hilfreichen Wirkungen nur bestätigen. In diesem Sinn freue ich mich auch sehr auf die bevorstehende Weiterbildung mit Ero Langlotz in der DGfS-NRW

Zurück

Einen Kommentar schreiben