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Die AfD, ein „Stammesseelen-Phänomen“?

Eva Madelung

Am 25. September, das heißt: einen Tag nach der Bundestagswahl 2017, las man in deutschen Zeitungen Schlagzeilen wie: „Trendwende in Deutschland“, „Eine Zahl wie eine Ohrfeige“, „Geteiltes Land“, und ähnlich Alarmierendes.

In Wilsdruff – gelegen im Speckgürtel von Dresden, 13.900 Einwohner, 10 Asylbewerber - wählte jeder 3. AfD. Warum? – Ja, es sei ein Risiko gewesen, sagt eine Verkäuferin im Modeladen, der Gauland sei eine Katastrophe, und natürlich müsse man gegen den Klimawandel und für die EU kämpfen, aber sie habe trotzdem für die AfD gestimmt. „Es muss sich doch was ändern!“ – Darf man ihrer seltsam paradoxen Erklärung glauben? Oder steht diese Frau nicht auch - wie die Menschen im Osten Deutschlands noch stärker als die im Westen - unter dem Einfluss einer Dynamik, die man mit „Stammesseele“ bezeichnen kann?

Was ist damit gemeint?

„Tribal Soul“ nennt Daan van Kampenhout ein von ihm beobachtetes, gruppendynamisches Phänomen in seinem Buch „The Tears oft the Ancestors, Victims and Perpetrators in the collective Soul“  (“Die Tränen der Ahnen, Opfer und Täter der kollektiven Seele”, Auer-Verlag). Er beschreibt diese „Stammesseele“ als eine Ebene, auf der der Einzelne Teil eines kollektiven Feldes ist. Fühlt sich ein solches Feld von außen bedroht, entwickelt es eine „Wagenburgmentalität“, in der bislang geduldetes „Fremdes“ keinen Platz mehr hat. Dabei zeigt sich die „Doppelmoral der Gruppe“ (Zusammenhalt nach innen, Aggression nach außen) oft in besonders verhängnisvoller Weise. Man denke an Stammesfehden, Völkermorde und andere kriegerische Auseinandersetzungen. Das Verhalten der meisten Deutschen gegenüber den Juden während der Zeit des Nationalsozialismus ist eines der erschreckenden Beispiele dieser Dynamik, die letztlich auch hinter Hitlers Erfolg bis hin zur „Machtergreifung“ steht.  

Der Evolutionsbiologe Christian Vogel weist darauf hin, dass diese Reaktionsweisen in den Verhaltenscode der Menschheit tief verwurzelt sein muss: denn Stämme – in früher Zeit eine Horde von 30-40 Individuen –, bei denen diese Verhalten besonders ausgeprägt ist, haben einen „evolutionsbiologischen Vorteil“. Sie haben sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte besonders erfolgreich durchgesetzt, und es handelt sich um eine archaische Dynamik archetypischen Charakters - Verhalten sich Menschen gemäß diesem Code, so ist das demnach erst einmal „natürlich“, selbst wenn wir das nicht gerne hören, nach dem Motto: „Wir sind doch keine Affen!“ – Aber seit Darwin wissen wir schließlich, dass wir mit diesen unseren Vorfahren einiges gemein haben; und ich bin dem zwar nicht detailliert nachgegangen, aber ich möchte wetten, dass Christian Vogels These sich auf äffisches Verhalten ohne weiteres extrapolieren lässt.  

Erfahrungsbericht aus einem experimentellen Workshop.

Angeregt durch Kampenhouts Buch, habe ich 2008/9 - zusammen mit Marianne Franke und Barbara Innecken - eine experimentelle Gruppe von vier über ein dreiviertel Jahr verteilten Terminen ausgeschrieben (PdS 2/2008), bei dem in jeder Aufstellung die „Stammesseele“ in verschiedener Weise repräsentiert wurde. Der Erfahrungsbericht erschien in der PdS 1/2010, und in diesem steht erst einmal zu lesen:

“Etwas Derartiges scheint es wirklich zu geben, und ist aus Ihrer Wirkung, nicht nur in Aufstellungen zu erschließen.

Unter der Zwischenüberschrift: „Der Mauerfall: ein historisches Versehen?“ geht es dann weiter: „Aber gestern Abend, da habe ich (Eva Madelung) sie (die Stammesseele) gesehen, leibhaftig, als ich die Spiegel- DVD „9. November `89: Protokoll eines historischen Versehens“ anschaute. Da weint die Stammesseele, sie lacht und sie lässt Menschen, die sich nie gesehen haben, sich gegenseitig in die Arme fallen, sie stürzt Vopos in völlige Verwirrung und lässt sie in Weinkrämpfe ausbrechen. Am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin sammeln sich immer mehr Menschen, durchbrechen fast die Schranken und schreien: „Tor auf. Tor auf, und: „Wir kommen wieder!“ – Wachsende Unruhe bei den Grenzern der DDR. Der diensthaben Oberstleutnant Harald Jäger fragt schließlich seine Leute, weil er von oben keine Weisung bekommt: „Was sollen wir machen, öffnen oder schießen?“ Die Andern: „Schießen? Um Gottes willen!“ Also öffnen! „Und das haben wir dann gemacht“, erzählt der heutige Rentner den Spiegelreportern. Ein zufriedenes Lächeln in die Kamera: „Es reut mich nicht.“ 

Die jetzige Situation.

Das war damals. Und was ist heute? - Nun, wir haben die AfD mit 94 Sitzen in unserem Bundestag. Am stärksten ist sie in Ostdeutschland, aber auch in Bayern hat sie erstaunliche 12,4% errungen, bringt die mehrheitsverwöhnte CSU in Bedrängnis, lässt Seehofers Thron wackeln, und das Thema Flüchtlinge bringt die Parteien insgesamt zum Rotieren. - Bereits am 29. 9. fordert die neue Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles einen schärferen Kurs in der Flüchtlingsfrage, und meint, die Leute, die da zu uns kämen, seien auch nicht alle nett. War das vor eine paar Monaten denkbar, als die SPD in dieser Frage noch geschlossen hinter der Kanzlerin stand?

Ein Desaster? Eine Trendwende? – Kann man sagen: „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Rechtspopulismus“? – Das kann man sehr wohl, denn tatsächlich ist es ja so: Frankreich ohne Macron?! Holland mit Wilders! Ungarn! Polen! Italien mit Renzi nach Berlusconi?! Amerika!! Israel! Rechtsruck überall.

Und nun auch bei uns! – Dass es etwas länger gedauert hat, könnte eine Folge unserer wenig ruhmreichen, tausend- (und dann doch nur zwölf)-jährigen Vergangenheit sein. Vielleicht. - Aber nun haben wir nachgezogen, vorerst - so scheint es - wohl in einer milderen Form – wir werden sehen.

Das Konzept der Stammesseele als Erklärungsmöglichkeit.

Bedient man sich der oben beschriebenen Sichtweise der Existenz einer Stammesseele, so hat man eine Erklärungsmöglichkeit nicht nur für viele Ereignisse der Menschheitsgeschichte, wie Kriege unter Nationalstaaten, Genozide und anderes mehr, sondern auch für die heutige Situation im September 2017.

Zur Beruhigung erfahren wir zwar, dass beileibe nicht alle AfD-Wähler auch überzeugte AfD-Anhänger sind. Manche Politiker sagen: „Wir müssen achten auf diesen „Schrei nach Gehör“ (de Maizière), auf die konkreten Nöte der Menschen, aber auch auf ihre Gefühle, wir dürfen diese Leute nicht verteufeln, die Nazikeule schwingen“, und sie haben damit recht. Andere beißen um sich, wie Herr Gauland, der „Frau Merkel jagen“, und „unser Land und unser Volk“ zurück holen“ will. Aber auch Frau Nahles bedient sich mit ihrem schon berühmt gewordenen, und gegen die CDU gerichteten „Ab-morgen-kriegen-sie-in-die Fresse-Spruch“ keiner zivilisierten Ausdrucksweise: Er hat Oberwasser, sie fühlt sich unter Druck, kalkuliert aber kühl, wie wir oben sahen.

Und wir Aufstellerinnen und Aufsteller? Empört, besorgt, niedergeschlagen? Kommt vielleicht alles wieder? - Was genau eigentlich?

Folgt man meinen Überlegungen, so hat man mit der systemischen Sichtweise und dem sich daraus ergebenden Konzept der Stammesseele eine Möglichkeit, dies alles aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten; und dann muss man sich erst einmal fragen: Wie kam denn unsere Stammesseele in den letzten Jahren in Bedrängnis? Da fällt einem doch erst mal die hohe Zahl der Geflüchteten ab September 2015 ein, selbst wenn es unzählige Bewillkommner und Helfer gab und noch gibt. - Waren die Bedenken- und Besorgnisträger vielleicht von Anfang an in der Überzahl, oder erst mit der Zeit? Später trauten sie sich raus und es kam zu Pegida und zu Brandstiftungen an Asylantenheimen und Ähnlichem. Und dann gab es die Frauenbelästiger in der Silvesternacht in Köln, es gab Attentäter wie Amri in Berlin, und Mordfälle, wie der von Freiburg in jüngster Zeit.  

Aber vielleicht ist es nicht nur die Angst vor Überfremdung? Ist es womöglich nicht auch die Angst vor der Globalisierung und Digitalisierung, die vielen das Gefühl des sicheren Beziehungszusammenhangs raubt, den Menschen nun einmal brauchen?

Das alles und wohl noch einiges Andere kann der Grund sein, dass die unsere „Stammesseele“ sich auf ihre „völkischen Werte“ besinnt, das heißt: zusammenrückt, nach innen schaut, und nach außen aggressiv wird, indem ihr momentanes Sprachrohr sich vorerst mit Verbalattacken wie seinem Vorschlag begnügt, die Integrationsbeauftragte Özogus „nach Anatolien zu entsorgen“ (O-Ton Gauland).

Ja, aber wir haben gelernt, dass das „irgendwie natürlich“, und vielleicht doch nicht ganz so bedrohlich ist, wie man auf den ersten Blick denkt. Jedenfalls erleichtert dieses Wissen einem womöglich, ruhiger zu reagieren, und – sollte man solche Menschen treffen und mit ihnen diskutieren – sie nicht gleich in die Nazi-Ecke zu stellen. - Mal sehen!

In einer Intervision, in der dieses Thema zur Sprache kam, meinte jemand, jeder von uns sollte das nächste Mal einen AfD-Wähler mitbringen. Alles lachte, denn: wer kennt schon „solche Leute“? - Vielleicht ist das das Problem? – Oder kennen wir sehr wohl welche, wissen es nur nicht? Schließlich wählten In Bayern (wo wir ja alle wohnen) – wie gesagt - satte 12,4% diese Partei. Kann es denn überhaupt sein, dass wir wirklich mit keinem von ihnen bekannt sind?

So ist eben vieles offen!

Aber zu dem Zeitpunkt, zu dem dieser Artikel erscheinen wird (Ende 2017), sieht man schon wieder etwas weiter.

Zum Beispiel müsste dann wohl auch der schon seit Urzeiten schwelende Katalonische Stammesseelen-Kampf* zu einem hoffentlich nicht zu bitteren, aber wahrscheinlich nur vorläufigen Ende gekommen sein. Die Nachrichten, die uns darüber erreichen, zeigen jedenfalls deutlich, dass auf diese Dynamik zurückgehende Probleme nicht auf Deutschland beschränkt sind, und dass sie Menschen zu Reaktionen jenseits aller Vernunft bringen können.  

* https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Kataloniens (30.10.2017)

 

Eva Madelung

Dr.phil. Eva Madelung, Therapeutin, Autorin

http://www.eva-madelung.de

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