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Dritte Leseprobe
Die Wirklichkeit der Seele Ursula Franke-Bryson im Gespräch mit Eva Madelung über ihre Begegnungen mit Bert Hellinger und ihren Weg als Aufstellerin
Eva, wann bist du zum ersten Mal in Kontakt mit Aufstellungen gekommen?
Das war zu einer Zeit, als Bert Hellinger der therapeutische Geheimtipp in Süddeutschland gewesen ist. Er hat noch nicht ausschließlich mit Aufstellungen gearbeitet, sondern war dabei, diese Methode zu entwickeln. Er leitete damals eine Gruppe, die Teil der Ausbildung einer analytischen Vereinigung war, und hat verschiedene Methoden integriert, die er selbst kennengelernt hatte und anwandte. Zum Beispiel Transaktionsanalyse, Primärtherapie und NLP.
Er war ja selbst Analytiker?
Ja, genau. – Prof. Görres, der sich bei ihm in Primärtherapie hat ausbilden lassen, hat ihn damals als einen Kolumbus bezeichnet, der von seinen Entdeckungsreisen die interessantesten Sachen mitbringt. In dieser Zeit bin ich zu ihm gekommen, nicht nur wegen seines therapeutischen Könnens, sondern weil ich den Eindruck hatte: Das ist ein besonderer Mann. – Das war wohl in den Achtzigerjahren, und ich bin in ebendiese Ausbildungsgruppe von ca. 20–25 Teilnehmern hineingerutscht, obwohl ich nicht Teilnehmerin der Ausbildung war. Das war sehr gut, denn man traf sich regelmäßig, und es war sehr intensiv. – Du, Ursula, hast es ja in deiner als Buch veröffentlichten Doktorarbeit dargestellt, aus welchen verschiedenen Bausteinen er diese Methode aufgebaut hat. Er war dabei sehr vorsichtig. Es wurde ihm damals von manchen vorgeworfen, dass er zu apodiktisch vorginge. Sie haben gedacht, er zöge sich das aus den Fingern. Das war aber nicht der Fall, sondern er hat es ganz langsam entwickelt: Er hat jemand seine Familie aufstellen lassen, so wie wir das aus dem klassischen Familienstellen kennen. Dann ließ er den Aufstellenden hinsitzen und hat herumgefragt, wie es den Stellvertretern geht. Denjenigen, dem es am schlechtesten ging, hat er aufgefordert, sich zu seinen Gunsten zu verändern. Wenn er einen Platz gefunden hatte, an dem es ihm besser ging, hat er wieder herumgefragt, so lange, bis das System zur Ruhe kam. Das dauerte oft ziemlich lang, manchmal kam es auch nicht zur Ruhe. Es war faszinierend, wie er das gemacht hat, wirklich empirisch. Zum Beispiel hat er die Grundfigur: Vater, Mutter, erstes, zweites, drittes Kind nicht aus irgendeiner vorgefassten, konventionellen Anschauung heraus sich ausgedacht, sondern hat durch viel Erfahrung herausgefunden, dass sich häufig etwas löst, wenn diese Reihenfolge da ist. Er hat dann noch Gesten wie Hinknien oder Verneigen hinzugenommen und Sätze und damit eine Lösung erreicht. Das ist längst Allgemeingut geworden, aber ich erinnere mich, wie irritiert ich war, als ich zum ersten Mal miterlebte, dass er einen Mann vor der bei seiner Geburt verstorbenen Mutter hinknien und bis zum Boden verneigen ließ.
Wie hat dich das denn persönlich betroffen, als du mit Aufstellungen in Kontakt gekommen bist?
Das war in einem Workshop in Fuschl, das war nicht mehr in dieser Gruppe, sondern später. Da habe ich meine Ursprungsfamilie aufgestellt und wurde dabei auf die erste Frau meines Vaters aufmerksam, mit der ich identifiziert war. Diese Aufstellung ist für mich sehr eindrücklich gewesen, hat mich lange begleitet und in meinem Leben manches wieder ins Lot gebracht. Da gab es einen Graben zwischen der ersten und der zweiten Familie, und den Kontakt wieder aufzunehmen – was ich dann bewusst getan habe – das war für meine Familie und für die meines Bruders eine gute Sache.
Was war denn so dein erster Eindruck von Bert und wie hat sich dieser Eindruck über die Jahre verändert, wenn er sich verändert hat?
Ich traf ihn das erste Mal persönlich, als er zur Supervision in der Drogenberatung Condrops in München kam, wo ich im Vorstand gewesen bin. Das war in den wilden Siebzigern, da ging’s manchmal toll zu, und da kam Bert zur Supervision. Und ich weiß nicht mehr, zu welchen Fragen wir seinen Rat gesucht haben, aber seine intensiv strahlenden blauen Augen sind mir geblieben. Ich hab gedacht, zu dem möchte ich, habe das aber dann immer wieder aufgeschoben. Der erste Eindruck war also bestimmt von seiner starken Präsenz und Unbestechlichkeit. Dann war ich ja noch in dieser Ausbildungsgruppe, dann auch in Fuschl, wohin er einige der Milton-Erickson-Schüler – also Hypnotherapeuten aus Amerika – eingeladen hat. Er war lange Zeit eine sehr wichtige Lehrerpersönlichkeit für mich, und irgendwann hat er mir einen Schubs gegeben und gesagt, jetzt dürfte ich nicht mehr in seine Gruppen kommen, jetzt müsste ich selbst Aufstellungsgruppen anbieten. Ich habe nämlich lange gezögert und gedacht, das kann man nur machen, wenn man ist wie er. Erst dann habe ich damit angefangen.
Hat sich dein Eindruck über die Jahre verändert?
Ja, es gab später dann einen Umbruch. – Aber ich möchte aus meiner heutigen Sicht noch mal präzisieren, wie ich ihn sehe: Ich bin der Ansicht, dass er mit der Aufstellungsarbeit etwas entwickelt hat, was uns offenbar im Zeitalter der Globalisierung besonders angeht. – Aus einem Artikel von Idris Lahore (PdS 2/2008) geht hervor, dass die Aufstellungsarbeit ja auch alte, spirituelle Wurzeln hat, von denen Bert Hellinger aber sicherlich nichts wusste, als er sie in die Welt gesetzt hat, und insofern ist er darin ein Pionier. – Mein Eindruck ist, dass die Verbreitung dieser Methode größer ist als die der Analyse und auch schneller vor sich ging. Wenn man sich vorstellt, wie sie heute global praktiziert wird und gefragt ist. Und dass nicht nur er, sondern auch seine Schüler, die was daraus gemacht haben, die kreativ waren, weltweit gefragt sind, bis nach China. Ich finde das verblüffend, und es zeigt, dass bei dieser Arbeit „seelisches Urgestein“ – wie ich es gerne nenne – zutage tritt, was offenbar gerade auch in der heutigen Zeit wertvoll ist.
Wann wurde er eigentlich wirklich berühmt?
Du erinnerst dich, als wir zusammen den großen Workshop organisiert haben und als an die 500 Leute kamen. Das war zu Beginn der Neunzigerjahre, und da fingen die Großworkshops an. Bis dahin waren es immer um 20 bis 25 Leute. Allerdings musste man sich meistens ziemlich lange vorher anmelden. Und dann plötzlich wollten auf einer Zist-Konferenz in Garmisch um die 300 Leute zu ihm. – Das hat er mir bei einem Vorgespräch wegen der Organisation eines 20–25-Teilnehmer-Workshops erzählt, und mich gefragt, ob ich so was Größeres auch organisieren wollte, und ich habe Ja gesagt. Gott sei Dank hast du mir damals dabei geholfen. Ich konnte mir nicht vorstellen wie das gehen sollte mit so vielen Teilnehmern, aber es ging sehr gut. – Und heutzutage, nach ungefähr 20 Jahren, diese weltweite Verbreitung! Es ist wirklich eine erstaunliche Erfolgsgeschichte.
Was waren die wichtigsten Dinge in der Zeit, in der du als systemische Therapeutin oder als Aufstellerin gearbeitet hast?
Da kommt mir erst einmal die schon vorher erwähnte Intensität in den Sinn, die in einer Aufstellungsgruppe entstehen kann, die dichte Atmosphäre und damit das Gefühl, hier geht es wirklich in die Tiefe – oder wie immer man das nennen will. Ich habe das häufig erlebt, sowohl als Teilnehmerin als auch als Leiterin. – Allerdings ist das ja in keiner Weise in jeder Aufstellung so. Aber dass es solche Momente gibt, das hat mich sehr angezogen an dieser Arbeit. Leider gibt es ja keine Garantie, dass eine solch intensive Aufstellung auch eine besondere Wirkung im Leben des Klienten hat. Aber es geschieht doch häufig. Diese Konzentration und Kreativität hat mich fasziniert, sodass ich bis zum Ende meiner therapeutischen Laufbahn dabeigeblieben bin. Dann gab es auch Bücher von Bert Hellinger, die mich begleitet haben, oder Sätze daraus. Zum Beispiel ein Abschnitt aus dem Buch „Religion, Psychotherapie, Seelsorge“ (Kösel 2001, S. 112), der mit dem Nietzsche-Zitat „Gott ist tot“ überschrieben ist. Hellinger bemerkt dazu: „Manche haben diese Aussage behandelt, als sei sie eine Behauptung. Für mich stellt sich aber immer mehr heraus, dass er etwas beobachtet hat. Dass etwas, was früher da war, jetzt tot ist. Dass es weg ist. Plötzlich ist da eine Leere.“ Mit solchen Aussagen stößt er in geistige Bereiche vor, die man auch bei Philosophen in dieser Konzentration und Tiefe sehr selten findet. So etwas gibt zu denken, es geht einem nach.
Was sind die drei wichtigsten Punkte in dem Buch, das du mit Barbara Innecken zusammen verfasst hast?
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Die bisher erschienenen Ausgaben sind als Einzel- Die umfangreiche Ausgabe 2/2010 ist als Einzel-
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