DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Zweite Leseprobe

Zur ersten Leseprobe

 

 

„Wer bin ich?“

Zu Identität, Identifizierung und Person

Jakob Robert Schneider

 

Die Identität einer Person wird im klassischen Familienstellen in zweifacher Hinsicht thematisiert und im Aufstellungsprozess berücksichtigt: zum einen als ein objektiver personaler Tatbestand, zum anderen hinsichtlich eines Prozesses, der mit „Identifizierung“ bezeichnet wird. Den Prozess der Identifizierung kann man wiederum unter zwei Aspekten betrachten: Psychoanalytisch, und darüber hinausgehend im klassischen Familienstellen, betrachtet man die Identifizierung als einen seelischen Prozess, in dem wir uns bewusst oder unbewusst mit bestimmten Personen identifizieren, zum Beispiel der Mutter oder einer Verlobten des Vaters, die dieser verlassen hat. Zum anderen identifizieren wir in einem allgemeinen kognitiven Prozess uns und andere oft mit Eigenschaften oder Teilpersönlichkeiten, wenn wir zum Beispiel sagen: „Ich bin ein Dummkopf“ oder: „Du bist ein Schwächling“. 

Im Familienstellen wird das Thema „Identität“ direkt oder indirekt vor allem in Fragen von Herkunft und Zugehörigkeit aktuell und dort, wo wir die oft schmerzlichen Erlebnisse und Gefühle anderer mit unserem eigenen Leben aktualisieren. Zugeschriebene Identität wird in Aufstellungen vor allem dann bedeutend, wenn wir beispielsweise aus einer Täterschaft einen Täter machen. Personalität verweist darauf, dass wir in unserem Menschsein und Ich-Sagen weder durch objektive Merkmale von Identität noch unser subjektives Erleben davon, wer wir sind, von uns selbst oder anderen ausgelotet werden können.

 

 

Die objektive Identität

 

Der Ausgangspunkt für die Betrachtung von Identität ist zunächst folgender: Da ist eine Person. Sie kommt beispielsweise in eine Aufstellungsgruppe oder eine Beratung, um ein Problem zu lösen oder eine seelische Not zu lindern oder ein Ziel zu erreichen. Unabhängig von philosophischen, psychologischen und soziologischen (oder gar mathematischen) Grundsatzfragen, was Identität bedeutet, gehen wir von einem Alltagsverständnis aus: Da ist eine einmalige Person, sie braucht einen Stuhl, auf dem sie sitzen kann, sie hat eine bestimmte körperliche Erscheinung, verbunden mit einigen unverwechselbaren Ausprägungen (zum Beispiel den Fingerabdruck oder die Iris). Sie bringt eine einmalige Lebensgeschichte mit. Diese Identität kann man als objektive Identität bezeichnen. Sie hängt nicht davon ab, wie identisch sich jemand fühlt oder was jemand denkt, wer er ist. Sie ist nicht gleichzusetzen mit eigenen oder fremden Zuschreibungen, wer man sein will oder zu sein hat. Auf dieser Ebene der körperlich-geistigen Existenz ist sie in jedem Moment des persönlichen Lebens anderen und sich selbst objektivierbar vorgegeben. 

Selbst wenn ich diese Identität als in vielfältigen individuellen oder sozialen Prozessen konstruiert betrachten würde, ändert das nichts daran, dass sie anderen oder im Spiegel auch mir selbst objektiv gegenübersteht. Dass wir Personalpronomen wie „ich“ und „du“ oder „wir“ oder Vornamen und Familiennamen benützen, drückt diese Art der Identität aus. Wir betrachten ein Individuum auf diese Weise als eine mit sich selbst identische Ganzheit.  

 

Jede Person lebt in einem Netzwerk von Beziehungen, ist mit ihrer Identität auf andere Identitäten bezogen. Sie ist vielleicht mit einer bestimmten anderen Person verheiratet, hat ein oder mehrere Kinder, kommt aus einer Familie, hat Vater und Mutter und vielleicht Geschwister, lebt in einer Generationenfolge. Sie hat meist eine bestimmte Nationalität, die in einem Pass eingetragen ist. Sie ist in einem bestimmten Land gebürtig, die Eltern stammen vielleicht aus anderen Nationen. Sie hat also eine bestimmte Herkunft in Beziehungskonstellationen und -prozessen, die in Lebensräumen stattfinden und eine zeitliche Richtung haben. 

 

Das erscheint uns selbstverständlich. Probleme mit der objektiven Identität entstehen erst dann, wenn die subjektive Empfindung damit nicht zusammengeht oder das Wissen darum, wo ich herkomme und welche Personen unveränderbar zu meiner persönlichen Identität gehören, infrage stehen. Das Familienstellen ist nun eine Form seelischer Hilfestellung, in der die objektiven sozialen Vorgegebenheiten einer Person in zentraler Weise Berücksichtigung finden: „Stimme deiner Herkunft mit all den Personen, die dazugehören, und deiner Lebens- und Familiengeschichte zu! Das gehört zu deiner Identität.“ Wir nennen das oft: „Anerkennen, was ist“. Fragen wie: „Wer bin ich?“ oder „Wo ist mein Platz?“ verbinden wir mit Familien- und Gruppenidentitäten. Wir stellen Stellvertreter für entsprechende Personen und übergeordnete Systeme wie zum Beispiel ein Land auf und helfen, einen gemäßen Platz in einem System einzunehmen. Wir erachten die Frage, wer gehört zur Familie (oder einem anderen System), für bedeutsam, ebenso unser Wissen um alle wesentlichen, existenziell bedeutsamen Ereignisse, deren Folgen uns in unserer Identität geprägt haben.

 

Wir gehen dieser Frage und diesem Wissen nach, wenn jemand seinen Platz in seiner Familie und im Leben sucht, wenn es Zweifel an einer Vaterschaft gibt, bei sogenannten Patchworkfamilien, bei Adoptivfamilien, bei Partnern mit unterschiedlicher Nationalität, bei Emigrantenfamilien, aber auch im Blick auf Konflikte in einem Team oder in einer Organisation, und suchen dabei nach einer Ordnung, in der jeder seinen Platz hat. Wir gehen davon aus, dass der gemäße Platz über das Sich-gut-und-richtig-Fühlen der Stellvertreter gefunden werden kann. Und wir verlassen uns dabei auf gewisse Regeln, die Beziehungen ordnen, zum Beispiel auf eine Ursprungsordnung oder darauf, dass die leiblichen Eltern immer zu meinem Herkunftssystem dazugehören, auch wenn ich sie nie kennengelernt habe.

 

Nun haben der technologische und medizinische Fortschritt Entwicklungen in Gang gebracht, welche eine Antwort auf die Frage nach der Selbstidentität erschweren. Wie verhält es sich damit nach einer Transplantation des Herzens? Was bedeutet es für meine Identität, wenn ich im Reagenzglas gezeugt wurde, vielleicht mit einem Samen eines unbekannten Samenspenders? Was bedeutet es beispielsweise für die Identität ukrainischer Kinder, die aufgrund des Reaktorunfalls in Tschernobyl mithilfe eingeführten Spermas amerikanischer Männer gezeugt wurden? 

 

Kürzlich bekam ich den Anruf eines verheirateten Mannes, dessen Frau wegen einer Krebserkrankung schon in jungen Jahren die Gebärmutter entfernt werden musste. Er wollte aber unbedingt ein Kind. Für eine Adoption war es jetzt altersbedingt zu spät. Außerdem wollte er unbedingt ein selbst gezeugtes Kind. So sucht er mithilfe einer osteuropäischen Klinik über eine ihm unbekannt bleibende Ei-Mutter und eine andere ihm unbekannt bleibende Leihmutter ein Kind zu bekommen mit einer Geburtsurkunde, in der der leibliche Vater und dessen Frau, die künftige soziale Mutter, in der Geburtsurkunde eingetragen sind. Er sucht nun Rat, weil schon zum fünften Mal die Embryonen von den jeweils unterschiedlichen Leihmüttern abgestoßen wurden.

 

Nehmen wir an, dass ein Kind auf diese Weise ins Leben kommt und beim leiblichen Vater und der sozialen Mutter aufwächst. Welche Personen gehören zu seiner Identität? Wie verhält sich die komplexe Herkunft zum Erleben von Familie? Wer hat in diesem System welchen Platz? Welches Wissen ist für das Kind und das soziale Umfeld des Kindes notwendig, damit objektive Identität und gefühlte und zugeschriebene Identität zusammenpassen?

 

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