DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Editorial 2/2011

 

 

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Das Familienstellen hat sich entlang von einigen erfahrungsbezogenen Leitbegriffen und Leitsätzen entfaltet, zum Beispiel: „Das Nehmen der Eltern“ oder „Anerkennen, was ist“ oder „In der Seele an die Liebe rühren“.  Verbunden mit Bert Hellingers Überlegungen und Erfahrungen zum Gewissen sind die Schicksalsbindungen zu einem zentralen Thema geworden. Sie gelten als der Ausdruck für die Kräfte, die uns in unserem Leben über die unmittelbaren Prägungen durch die Eltern und die Umstände unseres Aufwachsens hinaus an das Schicksal der Eltern und der Ahnen binden. „Ohne dass wir es wollen und ohne dass wir es wissen“ war eines der Schlüsselworte, in denen zusammengefasst ist, was der Begriff der Verstrickung meint. Aufstellungen wurden als Prozess erfahren und angesehen, der uns zeigen kann, in welcher Weise wir in unserem persönlichen Schicksal in die Lebenswege anderer verstrickt sind.

 

Aber ist das noch ein tragfähiges Konzept? Zwar stimmen die meisten Aufsteller darin überein, dass die Vergangenheit der Familie und auch größerer Gemeinschaften in uns weiterwirkt, aber ist es nötig, darauf einzugehen, und wenn ja, wie weit? Ist der Gedanke der blinden Wirksamkeit der Vergangenheit nicht ein Konstrukt unserer Erinnerung und unserer Problemtrancen und jenseits davon nichts Wirkliches? Und wenn wir verstrickt sind, können wir da etwas tun, um uns daraus zu lösen, oder müssen wir das einfach als unsere Unfreiheit hinnehmen und davon ausgehend in die Zukunft schauen auf das, was uns zu leben möglich ist? Können wir in Aufstellungen etwas lösen, das in der Gruppenseele auch in die Vergangenheit hineinwirkt, auch wenn die Fakten nicht veränderbar sind? Wenn wir in die Präsenz unseres Lebens gehen, brauchen wir dann ein Schauen auf Verstrickung noch? Ist es nicht angeraten, einfach die traumatischen Wirkungen aus der Verstrickung zu überwinden, ohne dass man in Details der vergangenen Familiengeschichte gehen muss? Aber was ist, wenn in der Verstrickung Ausgleichsprozesse wirken, die uns in blinde Notwendigkeit hinein- zwingen, zum Beispiel um die Schuld der Früheren zu sühnen? Martin Hell organisierte und führte zu solchen und anderen Fragen ein Gespräch zwischen Wilfried Nelles und Jakob Schneider.       

     

Immer mehr Aufsteller versuchen in ihrer praktischen Arbeit und darüber nachdenkend nach deren Grundlagen zu fragen. Ein theoretisches Interesse ist erwacht. Aufsteller suchen ihre in anderen Bereichen von Therapie gemachten Erfahrungen und ihr theoretisches Interesse mit der Aufstellungsarbeit zu verbinden und das herauszuarbeiten, was sie für wichtig und wesentlich in ihrer Arbeit erachten. Haben wir in diesen Versuchen noch ein gemeinsames Vokabular? Ist es überhaupt nötig, sich theoretische Gedanken zu machen und sich über Begriffsklärungen auszutauschen? Vieles von dem, was wir da an Überlegungen versuchen, wirkt unfertig und sehr vorläufig. Oft beziehen wir wissenschaftliche Erkenntnisse zum Beispiel aus der Quantenphysik oder der Epigenetik auf eine Weise ein, die den Fachleuten vermutlich sonderbar, sehr gewagt und manchmal „nicht einmal falsch“ (weil jenseits einer fachlichen Diskussion) vorkommen würden. Dennoch sind wir von der Redaktion froh, wenn wir Artikel zugeschickt bekommen, die sich mutig um Klärungen und Grundüberlegungen bemühen, auch wenn nicht alles ausgegoren wirkt. Wir freuen uns, wenn dadurch neue Denkprozesse, Dialoge und Orientierungen für die Praxis angestoßen werden.

 

In diesem Heft machen sich M. Habecker und P. Klein anhand eines Modells der Bewusstseinsentwicklung Gedanken zu Möglichkeiten und Grenzen der Aufstellungsleitung. In einem kurzen Interview mit Karin Schöber geht es um die Verbindung von Aufstellungsarbeit mit Somatic Experience (SE-Traumatherapie) nach P. Levine. Thomas Latka weitet das Konzept des ψIn-etwas-Sein“ auf das Gefühl aus. Clara Naudi erklärt die Grundaussagen der Epigenetik und bezieht sie auf das Aufstellen. Thomas Bryson entwirft ein breit gefächertes Konzept der Aufstellungsarbeit, das erahnen lässt, welche Aspekte in einer theoretischen Durchdringung der Aufstellungsarbeit infrage stehen. Besonders möchten wir auf das Interview von Ursula Franke mit Eva Madelung hinweisen. Hier wird Grundlegendes lebendig spürbar, wenn Eva Madelung erzählt, wie sich ihre Begegnungen mit Bert Hellinger mit ihrem Leben und ihrer Arbeit verbunden haben. 

 

Schließlich möchten wir Ihre Aufmerksamkeit auf die Ankündigung des 3. Symposiums im Juli nächsten Jahres in Seeon lenken. Die Redaktion der PdS möchte mit diesen Veranstaltungen dazu beitragen, dass wir in Begegnung mit für uns relevanten wissenschaftlichen Standpunkten und Diskussionen unser Nachdenken über das und unser Sprechen von dem, was wir in Aufstellungen tun, reflektieren, vertiefen und auch klären.

 


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Ausgabe 2/2011
Praxis der Systemaufstellung Ausgabe 2/2011

Die bisher erschienenen Ausgaben sind als Einzel-
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Die umfangreiche Ausgabe 2/2010 ist als Einzel-
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