DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Editorial 1/2011

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Was können Stellvertreter in Aufstellungen leisten?

 

Dort, wo wir in Gruppen mit Systemaufstellungen arbeiten, kommt Stellvertretern ja eine zentrale Rolle zu. Aufstellungen sind geradezu durch das Positionieren von Stellvertretern eines Beziehungssystems definiert.  Die Vielfalt der Aufstellungsformen und Aufstellungsmethoden und eine Tendenz zum „Alles geht“ lassen es angeraten erscheinen, das Phänomen der Stellvertretung genauer zu betrachten und zu differenzieren – das meint jedenfalls Jakob Robert Schneider in seinem ausführlichen Artikel zu den Möglichkeiten und Grenzen der Stellvertretung. In welchem Kontext ist das Wort „Stellvertreter“ überhaupt angebracht? In welchen Aufstellungen sollten wir vielleicht eher von Repräsentanten oder Rollen oder gar Akteuren sprechen? Was würde ein unterschiedlicher Sprachgebrauch über eine unterschiedliche Leistung der Stellvertreter aussagen? Was meinen wir, wenn wir sagen, die Stellvertreter oder überhaupt Aufstellungen mit allen Beteiligten werden geführt? Welcher „Geist“ weht da? Können wir zum Beispiel eingefrorene Embryos aufstellen und aus deren Äußerungen etwas zur aktuellen Thematik der PID sagen? Oder sollten wir uns nicht eher mit dem Aufstellen von Beziehungssystemen begnügen, in denen prinzipiell die Bewegungen und Äußerungen der Stellvertreter überprüft werden können? Vielleicht werden manche sagen, solche Fragen sind doch alle für die Praxis irrelevant. Lasst uns diese schöne Methode, die von ihrer überzeugenden Praxisrelevanz lebt, nicht durch Theoretisieren ihrer Kraft berauben. Wenn Sie, lieber Leser, die Fragen zur Stellvertretung für bedenkenswert halten, schreiben Sie uns Ihr Statement.

 

Leser, die noch die ersten Jahre unserer Zeitschrift mitbekommen haben, erinnern sich vielleicht an die Diskussion, die Olaf Jacobson mit seinem Artikel „Die Konsequenzen eines jungen Aufstellungsleiters“ (2/2002) ausgelöst hat. Er widersprach damals den Anforderungen, die von den „Erfahrenen“ an die Kompetenz zum Aufstellen herangetragen wurden. Seine Ansichten sind inzwischen zu einem eigenen Ansatz gereift, den „Freien Systemischen Aufstellungen“. Dieser Ansatz hat sich vom Vorgehen Bert Hellingers und der meisten Aufsteller sehr weit entfernt. Aber auch wenn man seiner Aufstellungspraxis und seiner theoretischen Begründung kritisch gegenübersteht, so ist der Artikel von Jacobson doch sehr geeignet, wesentliche Fragen an die Aufstellungsarbeit und unser methodisches Vorgehen zu stellen. In seiner Vorstellung und Praxis von Aufstellungen stellen sich viele Fragen, zum Beispiel die zur Stellvertretung, nicht mehr. Viele Kritikpunkte der Gegner der Aufstellerszene würden seiner Meinung nach hinfällig. Auch Überlegungen zu einem „wissenden Feld“ oder Versuche, unsere Arbeit wissenschaftlich zu fundieren, würden überflüssig.

 

Das Symposium 2010 in Kloster Seeon war dem Thema gewidmet: „Erinnern, Vergessen, Gedenken“. Sosehr die Aufstellungsarbeit Lösungen und einem heilsamen und künftigen Handeln verpflichtet ist, so bedeutungsvoll ist in ihr natürlich die Erinnerung, das, was sich in der Seele des Einzelnen von der eigenen Vergangenheit und der Geschichte seiner Familie verinnerlicht hat. Was muss erinnert werden, damit die Zukunft von den Lasten und dem Unbewältigten der Vergangenheit so weit als möglich befreit wird? Was muss vergessen werden, damit Vergangenheit, vor allem das Schreckliche und Schlimme, vorbei sein kann? Wie kann Gedenken zwischen Erinnern und Vergessen zu einem heilsamen Ritual werden? Billy Meyer fasst in seinem Bericht zum Symposium wesentliche Gedanken der Veranstaltung zusammen. Der Historiker Ernst Piper, in Seeon dabei gewesen, hat uns einen Artikel zu dem Thema „Woran wir uns erinnern, wenn wir uns erinnern“ zugeschickt, den wir sehr gerne in unserer Zeitschrift veröffentlichen. Piper stellt zwar keinen Bezug zur Aufstellungsarbeit her. Aber er verdeutlicht einen wichtigen Aspekt zum Thema der Erinnerung, nämlich deren „Historizität“. Wir meinen, dass seine Ausführungen zur gesellschaftlichen Erinnerung an die Zeit des Dritten Reiches eine gute Hintergrundinformation gerade für die Aufstellungsprozesse bilden können, in denen die damaligen Ereignisse in die Familien auch heute noch hineinragen.

 

Dass das Thema „Trauma“ aus der Aufstellungsarbeit derzeit nicht wegzudenken ist, zeigt sich auch in Artikeln und Berichten dieser Ausgabe. Robert Langlotz hat seit Jahren mithilfe von Aufstellungen seine Form von Traumatherapie entwickelt, in der Rückgabe- und Abgrenzungsrituale eine große Rolle spielen. Sie dienen dazu, gerade auch bei Mehrfach-Identifikationen (von ihm Symbiosekomplex genannt) abgespaltene Selbstanteile wieder zusammen zu führen. Robert Langlotz ist 70 Jahre alt geworden. Er gehört zu den Begründern und ersten Redakteuren dieser Zeitschrift, und wir gratulieren ihm herzlich.

 

Sie werden weitere interessante Artikel in dieser Ausgabe finden. Besonders empfehlen möchten wir Ihnen unsere Literaturbesprechungen. Edith Chancrin hat von Sieglinde Schneider die Rubrik übernommen, in der wir vor allem für die Aufstellungsarbeit interessante Romane vorstellen. Sie sind als Leser sehr herzlich eingeladen, mit eigenen Beiträgen zu Literatur, Film und Fachbüchern unser Spektrum von Besprechungen zu erweitern. 


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Ausgabe 1/2011
Praxis der Systemaufstellung Ausgabe 1/2011

Die bisher erschienenen Ausgaben sind als Einzel-
heft zu Euro 18,– zzgl. Versandkosten erhältlich.


Die umfangreiche Ausgabe 2/2010 ist als Einzel-
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