DGfS - Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen    
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Editorial 1/2009

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Psychotherapie, psychosoziale Beratung und Lebenshilfe setzen an den negativen Seiten des Lebens an, am menschlichen Leiden. Unser Leben stößt immer wieder an eine Not, die uns über Lebensprobleme, Scheitern von Beziehungen, Ängste, Symptome, Krankheiten, Unrecht, Gewalt und Tod an Grenzen führt, die uns selbst oder die, die wir lieben und für die wir Verantwortung tragen, einengen und gefährden. Deswegen entwickelten sich neben den Religionen und anderen spirituellen Ansätzen diese notwendigen, mehr oder weniger professionell geführten Wege des Überlebens und Wachsens.

 

Im Grunde suchen Menschen Hilfe, wenn sie allein nicht mehr mit ihren Leiden fertig werden, häufig einem persönlichen Trauma oder einem Trauma, das eine oder mehrere andere Personen im Beziehungssystem erlebt haben und das die Beziehungen des ganzen Systems, manchmal über Generationen, in Mitleidenschaft zieht. Die Wirkungen dieses „systemischen Traumas“ bilden den Kern des Familienstellens.

 

Im Blick auf die traumatischen Erlebnisse anderer haben manche Aufsteller den persönlichen Verwundungen nur mehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch gibt es die hin und wieder durchaus berechtigten Vorwürfe, Aufstellungen würden einige Klienten retraumatisieren und auch Stellvertreter in schlimme Zustände versetzen, die unbearbeitet blieben. Im Blick darauf, aber vielleicht auch wie bei einer Pendelbewegung wenden sich viele Aufsteller mithilfe verschiedenster Traumatherapien wieder mehr und unmittelbarer dem persönlich Erlittenen zu. Auch die Methodik des Aufstellens wird daraufhin kritisch betrachtet und verändert, dass sie den Klienten und auch Stellvertreter durch unbedachte oder aufgezwungene Interventionen nicht zusätzlich seelisch verletzt. In diesem Heft stellt Birgit Assel die Traumaaufstellungen von Franz Ruppert vor. Aus Freda Eidmanns neuem Buch zitieren wir einige an den Traumatherapien orientierte Leitlinien für die Aufstellungsarbeit.

 

In einer eher gegenläufigen Tendenz entwickeln sich Aufstellungen aber auch zu Vorgehensweisen, die sehr schnell über das persönliche oder systemische Trauma hinausschauen. In ihnen gilt die Aufmerksamkeit nicht mehr dem Wissen um die faktischen traumatisierenden Ereignisse oder einer Heilung des Systems am Ursprung einer Verletzung, sondern dem Sichanvertrauen einer Führung durch den „Geist“, seiner bedingungslosen Liebe in allen Ereignissen, die uns und andere treffen, und dem Sich-weit-Machen für eine offene, Grenzen überschreitende, ganzheitliche Wirklichkeit.

 

Erübrigt sich durch diese Entwicklungen die Frage nach dem Bösen, welche zumindest die abendländische Kultur von Beginn an begleitet hat? Einmal, weil wir sie dem Heilprozess, unseren „Instrumenten“ und unserer Pragmatik, unterordnen, das andere Mal, weil wir sie im Grunde als „unwirklich“ und als überholtes und hinderliches Bewusstseinsproblem entlarvt glauben?

 

Jakob Robert Schneider geht in seinem Artikel auf dem – darin nicht diskutierten – Hintergrund der abendländischen Philosophie der Frage nach, in welcher Weise wir in Aufstellungen mit dem „Bösen“ in Berührung kommen und damit umgehen. Faktisch beziehen wir ja in Aufstellungen durchaus Stellung zum „Bösen“, vor allem in den Täter-Opfer-Beziehungen, auch wenn wir es nicht reflektieren, schon gar nicht philosophisch.

 

Ein Heilungs- und Integrationsritual zu diesem Thema stellt Alfred Ramoda Austermann vor. Mit der Loyalität zum eigenen Stamm und der für Heilung und Frieden vielleicht notwendigen Untreue zu ihm beschäftigen sich Dan Cohen und ein Bericht von seinem Workshop im „Displaced-Persons-Camp“ Föhrenwald. Robert Langlotz betrachtet die kollektive Destruktion mithilfe seines Symbiosekonzepts.

 

Wie immer ist auch dieses Heft nicht thematisch gebunden, und Sie werden viele andere interessante Beiträge finden.

 

Den Lesern, die trotz Preiserhöhung der „Praxis ...“ die Treue halten, möchten wir besonders danken und sie bitten beizutragen, dass wir neue Leser dazugewinnen.

 

 

Die Redaktion


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