Zehn Jahre praxis der systemaufstellung
Öffentlich begangene 10-Jahres-Jubiläen wirken von außen betrachtet oft etwas aufgebauscht und so, als wollten sich die Feiernden selbst auf die Schultern klopfen und sich Mut für die kommenden Herausforderungen machen (10 Jahre Ehe, 10 Jahre Ortsumgehung, 10 Jahre Gesangverein etc.). Gemessen an der Ewigkeit und selbst an der Geschichte der Psychotherapie sind 10 Jahre eine zugegebenermaßen umschriebene Zeitspanne.
Und nun zehn Jahre praxis der systemaufstellung.
Zeitschriften sind ja von Natur aus vergängliche Gebilde, die als Informationsvermittler für eine bestimmte Zeit der Ausrichtung einer meist zahlenmäßig begrenzten Menschengruppe oder Organisation und ihrer Weiterentwicklung dienen und die, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben oder an Kraft und Saft verlieren, wieder in der Versenkung verschwinden und vergessen werden. Wir könnten es also getrost dabei belassen, zum PdS-Petersilienjubiläum (so nennt man, glaube ich, in Norddeutschland die Feier anlässlich der zehnjährigen Hochzeit) im Redaktionskreis eine Flasche Champagner zu köpfen und das Datum ansonsten unerwähnt vorbeiziehen zu lassen (wo wir doch auch schon vergessen haben, im vorigen Jahr das 10-jährige Bestehen der IAG/DGfS zu begehen). Auch dieses Mal würde das keinem besonders auffallen und kein Hahn würde danach krähen.
Herausgehobene Ereignisse und Rituale haben für die Mitglieder einer Gemeinschaft selbst jedoch eine wichtige gemeinschaftsbildende und -fördernde Funktion und Wirkung, die man nicht unterschätzen darf. Man konnte das während des lebendigen Aufstellertreffens im April in Uslar spüren, wie gut es tat, dass Heinrich Breuer seine Amtszeit als erster Vorsitzender der DGfS noch einmal Revue passieren ließ, Highlights hervorhob, Bedenkliches markierte, Anerkennenswertes anerkannte und das Staffelholz symbolisch an Jakob Schneider weitergab. Das Gruppengedächtnis wurde belebt, die Meilensteine und Herausforderungen auf dem Weg in die Zukunft sichtbar und das Zugehörigkeitsgefühl neu gestärkt und gefestigt. Jeder fühlte sich als Teil eines Ganzen. Das Motto des Treffens „Der Sinn des Zusammenstehens und die Essenz der Aufstellungsarbeit“ war nicht nur eine leere Hülse, sondern als seelische Wirklichkeit erlebbar.
In diesem Licht macht es auf zweierlei Weise Sinn, zehn Jahre praxis der systemaufstellung nicht vorbeirauschen zu lassen, sondern als Wegmarke hervorzuheben und zu feiern, denn das waren in den letzten zehn Jahren exakt die zentralen Aufgaben, die sich das Team, das die Zeitschrift gestaltet, gegeben hatte und hervorragend erfüllte: sowohl gemeinschaftstiftend und vernetzend zu wirken als auch das Ziel zu verfolgen, ohne Gralshüter sein zu wollen, die Essenz der Aufstellungsarbeit zu extrahieren und hervorzuheben, die Breite der Weiterentwicklungen der Aufstellungsarbeit zu dokumentieren und Blicke über die Tellerränder der Aufstellungsarbeit hinaus zu ermöglichen und zu fördern.
Offiziell ist die praxis der systemaufstellung ein Organ der DGfS. Faktisch war und ist sie eine eigenständige Gründung und ein eigenständiges Journal. Diese Eigenständigkeit hat sie stark gemacht und ermöglicht ihr unabhängige Positionierungen. Aus Anlass eines runden Geburtstags meines früheren Chefs und Freundes Helm Stierlin, einer der wichtigen Gründerpersönlichkeiten der systemischen (Familien-)Therapie in Deutschland, habe ich einmal spaßhaft gereimt: „Wer den Helm trägt, den der Helm schützt, einer so dem anderen nützt.“ Und es war tatsächlich eine unterstützende und vertrauensvolle Gegenseitigkeit zwischen ihm und seinen MitarbeiterInnen, die die Zusammenarbeit prägte. Zu diesem runden Anlass zehn Jahre praxis der systemaufstellung könnte ich nun genauso reimen:
Ein gutes Journal und guter Verband arbeiten wunderbar Hand in Hand.
Und es gab sie auch hier in den letzten zehn Jahren: die gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit von Verband und Zeitschrift, die wir besonders Wilfried De Philipp, der gleichzeitig die Geschäftsstelle der DGfS leitet und Mitglied der Schriftleitung der PdS ist, und Heinrich Breuer verdanken und die jetzt durch Jakob Schneider und seine Doppelfunktion weiter garantiert ist. Diese organisatorische Zusammenführung und Bündelung hat sich sehr bewährt. Don’t change a winning team!
1998 innerhalb kurzer Zeit auf Anhieb über 3000 Abonnenten für eine neue Fachzeitschrift zu gewinnen – zeitweise haben wir eine Auflage von 4500 Exemplaren drucken lassen – war ein Traumstart für die Zeitschrift. („Das waren noch Zeiten“, schwärmen da die „Alten“.) Größer noch ist aber die Leistung, eine Fachzeitschrift wie die praxis der systemaufstellung zehn Jahre lang auf einem so guten Niveau zusammenzustellen und herauszugeben und über einen solch langen Zeitraum eine Stammleserschaft an sie zu binden, die sie trägt. Ganz abgesehen davon, dass die Zeitschrift, nachdem sie die ersten zwei Jahre als einfaches Heft im DIN-A5-Format erschienen war, seit 2000 in einem neuen Gewand den Verband auf eine kraftvolle und auch ästhetisch ansprechende Weise repräsentiert. Der Schriftleitung, bestehend aus Eva Madelung, Wilfried De Philipp, Jakob Schneider und Inga Wild, die von Anfang an ehrenamtlich arbeitet (!), gebührt dafür ein riesengroßer Dank, und ebenso verdient die Redaktion der Zeitschrift besondere Anerkennung. Last, but not least hat Caroline Daphne Georgiadis (Die Nichte fällt nicht weit vom Onkel) der Zeitschrift als Grafikdesignerin ein attraktives Gesicht verliehen. Hat nicht auch dieses Heft wieder ein besonderes Cover?
Ein Toast auf sie alle!
Anlässlich zehn Jahre praxis der systemaufstellung habe ich die bisher erschienenen Hefte noch einmal durchgeblättert und war überrascht, welche unglaubliche Vielfalt an Ideen und Einsichten und welch ein Schatz an Beiträgen sich da angesammelt haben (und wie viele Artikel ich davon noch nicht gelesen habe). Es wäre erhellend, all die hervorstechenden Beiträge aus so vielen Bereichen noch einmal vorzuzeigen. Als ein Beispiel wähle ich hier einmal nur die bisher erschienenen Interviews und Gespräche aus:
Hunter Beaumont und Rupert Sheldrake: Über morphische Resonanz und Familien-Stellen (2/2000); Chohan Neale und Hunter Beaumont: Über die Folgen ethnischer Konflikte bei den Opfern und ihren Nachkommen (1/2001); Norbert Bischof und Bert Hellinger: Über Moral (2/2003); Sieglinde Schneider und Wilfried De Philipp: Über Familienaufstellungen in der Einzelberatung (1/2004); Hunter Beaumont, Eva Madelung, Wilfried De Philipp, Jakob Schneider: Über die Verneigung (1/2004;, Haim Dasberg und Billy Meyer: „Die Schoah ist noch.“ (2/2005); Stephan Hausner und Marianne Franke-Gricksch: Heilung im Einklang (1/2007); Thomas Görnitz und Jakob Schneider: Die Aufstellungsarbeit im Lichte der Quantenphysik (1/2007); Daan van Kampenhout und Billy Meyer: Über die Stammesseele (1/2008).
Zu allen anderen Kategorien oder Sparten (zum Beispiel Beiträge zur Theorie, zur Anwendung der Aufstellungsarbeit in unterschiedlichen Settings, Bereichen und bei unterschiedlichen Beschwerden oder Anliegen, zur Technik und Haltung, zur Forschung, zu Aktuellem, Bedenklichem und der Kritik an der Aufstellungsarbeit; zu Fallbeispielen, Buch- und Filmbesprechungen etc.) konnte ich ähnlich interessante Auflistungen machen ... und dann die vielen dichten Beiträge von Bert Hellinger selbst.
20 Hefte mit durchschnittlich je 20 Beiträgen und 110 Seiten, das ergibt etwa 400 Beiträge und 2200 Seiten insgesamt: Welch eine reiche Ausbeute! Dass auch Kontroversen Platz in der Zeitschrift haben und die Schriftleitung bemüht ist, faire Diskurse zu ermöglichen, zeigt auch dieses Heft anhand der Auseinandersetzungen der Hellinger Sciencia und der Aufstellungsgesellschaften (DGfS und ISCA).
Eine Zeitschrift wird aber zuvörderst durch ihre LeserInnen getragen. Den AufstellerInnen, die die Zeitschrift abonniert haben und ihr treu blieben, auch wenn ihnen nicht immer alle Beiträge gefielen, ebenso wie denen, die nicht mit Aufstellungen arbeiten, aber Gewinn aus der Lektüre ziehen und sie deshalb beziehen, gilt unser besonderer Dank. Mit der jetzigen Auflagenhöhe trägt sich die Zeitschrift finanziell (noch). Ein kleiner monetärer Rückhalt ließe alle, die sie tragen und sie gerne weiter blühen lassen wollen, etwas zuversichtlicher und beruhigter in die Zukunft blicken.
Könnten Sie sich/könntest Du Dir vorstellen, einen neuen Abonnenten anlässlich zehn Jahre praxis der systemaufstellung zu gewinnen, um denen, die sich so engagiert und uneigennützig für die Zeitschrift einsetzen, zu zeigen, dass das, was sie bisher taten und weiter tun, wert ist, unterstützt zu werden?
Wiesloch, im Mai 2008
Gunthard Weber
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